Hexenholz und Silberseide
(Jahr 43)
(Artist: Ryuu’Dai, OOC-Preisliste)
In einer fremden Welt erzählt „Hexenholz und Silberseide“ die Geschichte einer ungewöhnlichen Frau, die durch ihre Andersartigkeit mit vielen Widrigkeiten zu kämpfen hat. Es ist eine Geschichte von wunderbarer Magie und niederträchtiger Hexerei, von Einsamkeit, Verlust und Leid, eine Geschichte ohne gutes Ende, doch auch von Freundschaft, Liebe und den vielen glücklichen Momenten, die das Leben ausmachen.
Die Geschwindigkeit der Ereignisse zieht zwischenzeitlich an um das Buch nicht noch länger zu machen. Manchen Lesenden könnten Elemente dieser Geschichte bekannt vorkommt. Die Charaktere haben wenig mit den Originalen gemein oder wurden sogar von mehreren inspiriert, trotzdem wird man einige eher wiedererkennen als andere. Welche und wie diese verwendet wurden hängt einzig damit zusammen was in die Geschichte gepasst hat. Insgesamt hatten 18 Spielercharaktere Einfluss auf dieses Werk. Die Handlung ist frei erfunden. Dass Chronos Identität als der berühmte Autor Erelias Laubschatten hiermit bei ein paar wenigen auffliegen könnte, ist mir bewusst. Wir sehen uns IC.
Inhaltsverzeichnis:
- Vorwort des WH Verlags
- Kapitel 01: Verloren und Vergessen
- Kapitel 02: Gesehen und Gefunden
- Kapitel 03: Auf Holz geklopft
- Kapitel 04: In Seide gehüllt
- Kapitel 05: Dunkle Folianten
- Kapitel 06: Magische Zahnräder
- Kapitel 07: Kostbare Blumen
- Kapitel 08: Alte Ängste und neue Wege
- Kapitel 09: Allen Hindernissen zum Trotz
- Kapitel 10: Holz und Seide
- Kapitel 11: Wendepunkt
- Kapitel 12: Blumensterben
- Kapitel 13: Die weiße Dame
- Epilog: Verronnenes Leid
- Danksagung des Autors
Vorwort des WH Verlags
Treue Kund/innen & liebste Leser/innen,
die Orte in diesem Roman existieren nicht und auch die Handlung hat nie stattgefunden. Obwohl der Inhalt frei erfunden ist, wurde er aber durch reale Begebenheiten inspiriert. Auch etwaige Ähnlichkeiten zu lebenden oder verstorbenen Personen sind zwar kaum zu erkennen aber kein Zufall. Der WH Verlag weist darauf hin, dass der allein zu Verkaufszwecken gewählte Werbespruch „Basierend auf einer wahren Geschichte“ durch des Wort „basierend“ nicht falsch ist. Wir empfehlen von einer Anklage auf fehlerhafte Produktbeschreibung abzusehen.
Der WH Verlag wünscht viel Spaß beim Lesen.
Gez. Verlegerin Ixi Sprengschrift
Kapitel 01: Verloren und Vergessen
Am frühen Morgen in einer schmalen und wenig besuchten Gasse erwachte eine Gestalt. Sie lag mit dem Rücken auf dem Boden und nahm zunächst nicht viel wahr. Der Regen prasselte neben ihrem Ohr hörbar auf den harten Steinboden nieder, doch auf ihrem himmelwärts gewandten Gesicht spürte sie weder die Tropfen noch Wind oder Kälte. Die Gestalt öffnete die Augen. Über ihr ragten Wand an Wand gemauerte Häuser in schwindelerregende Höhen auf. Die graue Wolkendecke dazwischen kaum mehr als der dünne Stoffstreifen einer Hüftschärpe. Starker Wind fuhr durch die Ziersträucher, die fest an die Geländer der bauchigen Balkone gezurrt waren. …Wo bin ich? …Wer bin ich? ging es der Person durch den Kopf. Sie konnte sich an nichts erinnern. Keine Familie, keine Freunde, nicht einmal an ihren eigenen Namen, sie war ganz allein auf dieser Welt. Herzensangst stieg in ihr auf, während der Regen zunahm und sich der Klang der Wassertropfen zum Rauschen eines reißenden Flusses verwischte, der drohte ihren Geist hinfort zu schwemmen. Überfordert schloss die Gestalt ihre Augen wieder und flehte im Inneren um Hilfe, doch es kam keine.
Eine ganze Weile überschlugen sich die Gedanken und Gefühle, ehe sie allmählich ihre Ruhe fanden. Eines war der Gestalt indes klar geworden, sie brauchte noch immer Hilfe, doch sie würde sich diese selbst suchen müssen. Zögerlich erlaubte sie sich ihre Umgebung erneut in Augenschein zu nehmen. Eine solch dicht bebaute Stadt, die einzigartig hohe und geschwungene Architektur, das stürmische Wetter, welches den Sicherheitsvorkehrungen nach zu Urteil wohl häufig war. Dies konnte nur die Küstenstadt Windschild sein, eine reine Menschenstadt, in der man kaum andere Völker antreffen dürfte. Die Person stockte. Sie kannte diese Welt und wusste, was jemand, der in ihr lebte, wissen sollte, bloß über sich selbst vermochte sie nichts zu sagen. Die Gestalt setzte sich auf und blickte an sich hinab. Sie trug Handschuhe, Winterstiefel und feste dicke Stoffe, welche noch nicht vollständig von den nassen Fluten durchtränkt worden waren. Der dunkle Mantel war kunstvoll mit gestickten Mustern verziert. Darunter ließ sich eine durchschnittliche Figur mit weiblichen Rundungen erkennen. Über ihre Schultern fielen nasse, doch seidig schimmernde blonde Korkenzieherlocken bis zu ihrer Taille hinab. Sie Trug weder Tasche noch Beutel und auch in der Nähe konnte sie nichts dergleichen auf dem Boden liegen sehen. In Gedanken fasste sie zusammen: Ich bin also eine Menschenfrau, habe einen noblen Kleidergeschmack, liege wohl noch gar nicht so lange hier und könnte bestohlen worden sein. Das Gefühl weiter zu kommen machte ihr ebenso Mut, wie der Gedanke, dass sich vielleicht noch jemand in der Nähe befand der etwas wissen könnte. Vorsichtig versuchte die Frau aufzustehen. Das gelang ohne weitere Schwierigkeiten, nur schienen sich die Gelenke dabei etwas weiter zu biegen, als sie sollten. Schmerzen verspürte sie immerhin keine.
Die Frau ohne Namen sah sich in der Gasse um, es war niemand sonst zu sehen, dem sie ihre Fragen hätte stellen können und so trat sie schlicht an die nächste Haustür heran. Im Türrahmen fanden sich mehrere beschilderte Glöckchen, welche durch einen Metallzauber mit ihren größeren Ebenbildern in den Wohnungen verbunden waren. Das System war ihr bekannt, doch erschien es ihr, als habe sie es noch nie zuvor benutzt. Die Hand der Frau stockte kurz, als sie diese zum obersten Glöckchen hob, sie war wohl etwas schüchtern, dann stupste sie doch dagegen um in der entsprechenden Wohnung zu läuten. Als eine Reaktion ausblieb, überwand sie sich auch das nächste Glöckchen zu aktivieren, erneut nichts. Es folgten das nächste Glöckchen und das übernächste, bis sie endlich ein Lebenszeichen erhielt, auch wenn es eine Weile dauerte, bis sich in der Balkontür ein Schirm aufspannte und eine alte Dame im Wintermantel hinaus trat. Mit der freien Hand ihre Brille festhaltend beugte sie sich über das Balkongeländer in dem Versuch vom dritten Stock aus etwas zu erkennen. „Ja bitte, Herzchen?“ fragte die Alte mit der beruhigenden altersrauen Stimme einer langjährigen Pfeifenpafferin. Die Worte drangen durch Wind und Regen kaum nach unten, doch die ungeladene Besucherin ließ sich davon nicht beirren. „Ist hier in der Gasse vor kurzem was passiert?“ rief die Namenlose so laut sie konnte zur Alten hinauf. Es war das erste mal, dass sie ihre eigene Stimme hörte, sie kam ihr wie die einer Fremden vor, Unbehagen ließ ihren Körper erschaudern zugleich zuckte sie vor Schreck über ihr lautes Rufen, das so gar nicht zu ihrer Persönlichkeit passen wollte, zusammen. Die Frau auf dem Balkon hielt ihre Hand als vergrößerte Hörmuschel ans Ohr. „Wie Bitte? Ich verstehe dich ganz schlecht, Liebes.“ Halbherzig versuchte es die Erinnerungslose ein weiteres Mal. „Ein Verbrechen oder so?“ fragte sie, während sie sich bereits eingestehen musste, dass das Unterfangen keinen Sinn hatte. „Ohje ein Verbrechen?!“ rief die Alte entsetzt und wackelte so schnell es ihr möglich war zurück ins Haus. Kurz darauf öffneten sich nacheinander sämtliche Fenster und die Balkontür der Wohnung nur um mit den äußeren Läden wieder verbarrikadiert zu werden.
Mit etwas schlechtem Gewissen läutete die Verlorene bei der nächsten Wohnung. Keine Reaktion, dann bei der übernächsten. Im ersten Stock trat sogleich ein Mann mit blauer Schürze und hölzernem Kochlöffel in der Hand auf den kleinen Balkon. Aus der Tür drangen die bockigen Stimmen von mindestens zwei Kindern, die sich zu streiten schienen. „Was denn?“ brummte der genervte Hausmann und wich dabei wieder ein Stück zurück unter den kleinen verzierten Vorsprung der Balkontür um dem Regen zu entgehen. „Ich bin beschäf…“ da sah er nach unten und begann auf einmal hysterisch los zu schreien: „Verschwinde! Bleib weg von meinen Kindern!“ Der Mann warf den Kochlöffel nach der verdatterten Frau auf der Straße, verfehlte jedoch um mehrere Meter. Er sah sich panisch auf seinen zwei Quadratmetern Freiluft um, entdeckte die dekorativen Steinfrösche seiner Ehefrau auf dem Fenstersims und griff nach dem größten aus der Reihe. Unten war die Namenlose vor Schreck zu einer Salzsäule erstarrt, doch als ihr gewahr wurde, was der Mann vor hatte, fuhr das Leben zurück in ihre Glieder und sie rannte los, nicht weniger wacklig doch weit schneller als die Alte zuvor. Sie stolperte die Gasse entlang, um die nächste Ecke, über die nächste Querstraße, nur weg von dem wütenden Mann mit der Angst in den Augen, der sie offensichtlich wiedererkannt hatte. Nur ein einziger Gedanke beherrschte sie, als sie durch die fremden Straßen der Stadt rannte: War sie nicht als Opfer sondern als Täterin in dieser Gasse gelandet?
Kapitel 02: Gesehen und Gefunden
Irgendwann wandelte sich das städtische Labyrinth zu einem großen Platz und die Unbekannte kam endlich zum Stehen, den Weg zurück würde sie nun wohl kaum wiederfinden. Noch immer malte sie sich die schrecklichsten Szenarien darüber aus, was in der Gasse vorgefallen sein könnte. War sie eine Mörderin, deren jüngstes Ziel sich erfolgreich zur Wehr gesetzt hatte? Ob es dem Opfer gut geht? Da war kein Blut auf den Pflastersteinen, oder? Aber der Regen… ging es ihr durch den Kopf. Oder gehöre ich, bei dem schicken Mantel, dem organisierten Verbrechen an? Vielleicht hat mir ein Schuldner etwas an den Kopf geworfen, so wie es der Hausmann auch versucht hatte? Das brachte sie alles nicht weiter und so sah sie sich endlich auf dem Platz um. Unter Schirmen und Kapuzen waren einige Menschen unterwegs. Der Wolkenbruch hatte sich inzwischen zu einem Nieseln gewandelt und die meisten hatten es nicht sonderlich eilig aus dem Regen zu kommen. Da die Namenlose nicht wusste, wo die Wache in dieser Stadt stationiert war, würde sie wohl jemanden nach dem Weg fragen müssen. Nicht weit von ihr stand eine Freundesgruppe, die miteinander redete und ab und an lachte. Die Gruppe wirkte freundlich, gar einladend auf sie und vermutlich wusste hier niemand was sie in der entfernten Gasse getan hatte und doch zögerte sie. Vielleicht war sie eine bekannte Frau um deren Verbrechen ein jeder wusste und wenn nicht, hatte sie – die vor ihrem Gedächtnisverlust eine fürchterliche Person gewesen sein musste – überhaupt das Recht gute Menschen um Hilfe zu bitten? Da ihr jedoch keine bessere Idee einfiel, nahm sie all ihren Mut zusammen und trat, die Hände vor Nervosität krampfhaft zu Fäusten geballt, an die Gruppe heran.
„E-Entschuldigung,“ sprach sie, schon auf halbem Weg um die Leute nicht zu überraschen. Sie war wohl etwas zu leise gewesen, denn nur einer aus der Gruppe drehte sich um und spähte suchend über den Platz, als wäre er sich nicht sicher ob er etwas gehört hatte. Als er die Näherkommende sah, legte er fragend den Kopf schief und runzelte die Stirn. Da sprach sie noch einmal mit festerer Stimme. „Entschuldigt, ihr da. Ich kenne die Stadt nicht und habe mein Gepäck verloren,“ hielt sie die Erklärung ihrer Situation kurz. Als sie endete, hielt sie gute drei Schrittlängen vor dem Mann an, der sich nach ihrer Stimme umgesehen hatte und ihr am nächsten stand. Inzwischen sah er sie mit weit aufgerissenen Augen an. Da schwante ihr bereits Übles, als sich ihr auch die anderen zuwandten. Jedes der fröhlichen, aus dem Gespräch gerissenen Gesichter wandelte sich auf seine Weise. Ein Mann rümpfte angeekelt die Nase, eine Frau riss überrascht die Augen auf und stolperte einen Schritt zurück aus dem Kreis. Einer anderen stand die Furcht ins Gesicht geschrieben und sie versteckte sich sogleich hinter dem Erstaunten, der die Namenlose zuerst entdeckt hatte. Immerhin jener wirkte eher vorsichtig zurückhaltend als ängstlich oder feindselig. Doch da rief die Frau, die zurück gestolpert und nun ebenfalls der Furcht anheim gefallen war ihren Freunden auch schon zu: „Rennt, bevor ihr verflucht werdet!“ Sie packte die Freundin neben sich bei der Hand und zog sie mit sich. Beide ergriffen die Flucht und nach einer Schrecksekunde, in der man die Worte der Frau anscheinend für richtig befand, stob auch der Rest der Gruppe auseinander, selbst der erstaunte Mann rannte so schnell ihn seine Füße trugen.
Auf dem Platz hatte die Szene für Aufmerksamkeit gesorgt, ein jeder schien die Namenlose anzustarren. Als sie aufsah und ihr dies gewahr wurde, blickten die Leute geschwind weg und gingen schnellen Schrittes ihrer Wege, als wäre nichts geschehen. Der Platz leerte sich bald und ihr fiel auf, dass auch die neuen Passanten einen Bogen um sie machten, sofern jene sie bemerkten. Ich soll jemanden verfluchen? Bin ich eine böse Hexe? Verzweifelt fiel die Frau auf die wackligen Knie, der Schmerz des Aufpralls blieben aus, doch das bemerkte sie nicht. Wie soll ich so jemals Hilfe finden? Sie wollte weinen doch es gelang nicht. In dem Versuch die Tränen hervor zu locken und sich so wenigstens etwas Erleichterung zu verschaffen, stützte sie sich schluchzend vornüber auf den behandschuhten Händen ab. Die Tränen kamen nicht, doch auf dem Boden blickte sie in eine Pfütze. Die letzten Tropfen des Nieselregens waren inzwischen versiegt und so sah ihr aus der spiegelglatten Oberfläche eine wunderschöne Frau entgegen. Eine Frau, deren puppenhaft perfektes Gesicht ganz und gar aus Holz gefertigt war.
Das Schluchzen der Frau erstarb augenblicklich und nun war sie es, die vor Furcht zurückschreckte. Weit genug, dass sie wieder aufrecht saß und das Bild nicht mehr sehen konnte. Die Pfütze! Mit der Pfütze stimmt was nicht, das kann unmöglich ich gewesen sein! Versuchte sie sich einzureden, und doch zog sie langsam an ihrem linken Handschuh um ihre blanken Finger ansehen zu können. Kaum hatte sie das Handgelenk frei gelegt war es ihr nicht mehr möglich sich selbst zu belügen. So zog sie den dicken Stoff mit einem Male vollends ab und ließ ihn achtlos zu Boden fallen. Wie das Gesicht auf der Wasseroberfläche bestand auch ihre Hand aus hellem, fast weißem Holz und war ebenso realistisch detailliert gearbeitet. Das Handgelenk und die Gelenke der filigranen Finger ließen sich leichtgängig bewegen. Die Formen der Holzelementen griffen in der Art von Kugelgelenken perfekt ineinander. Wie die einzelnen Teile zusammen hielten war nicht zu erkennen. Die Frau beugte sich erneut über die Pfütze um ihr Gesicht noch einmal anzusehen. Sonderlich genau konnte sie sich in dem nassen Spiegel bei wolkenverhangenem Himmel nicht betrachten, doch es genügte um ihre hölzerne Existenz einmal mehr zu bestätigen. All dies kam ihr derart unwirklich vor, dass sie es laut aussprechen musste während ihr Blick noch immer von dem Bild gebannt wurde: „Ich bin aus Holz?“ Da lief ihr ein Schauer über den Rücken, der Mund blieb vollkommen unbewegt als sie sprach und doch ertönten die Worte, ein unheimlicher Anblick. Erneut stieg Verzweiflung in ihr auf und sie vergrub ihr Gesicht in den Händen.
Die Gedanken vor Ratlosigkeit leer verharrte sie wie betäubt, bis sich ein Mann und eine Frau von hinten näherten. Erst als die Namenlose von dem Mann angesprochen wurde, bemerkte sie die Gegenwart der beiden. Die Stimme klang besorgt doch auch freundlich und verriet einen hoffnungsvollen Optimismus. „Ist alle in Ordnung? Können wir dir helfen?“ fragte der Mann. Die Holzpuppe war so ausgelaugt, dass sie nicht einmal erschrak. Nun, wo sie um ihre furchterregende Erscheinung wusste, blieb sie in der zusammengekauerten Haltung, das Gesicht in den Händen verborgen. „N-nein, Es geht mir gut.“ Versuchte sie den Mann abzuwimmeln, bevor dieser noch etwas bemerkte. Ihre vom tränenlosen Schluchzen brüchige Stimme verriet, dass sie log, doch der Fremde würde hoffentlich verstehen, dass er weg gehen sollte. Ob er es verstanden hatte, erfuhr die Hölzerne nicht, denn da ging die Freundin des Fremden schon neben ihr in die Hocke. „Was machst du da?“ fragte sie. „Nichts,“ antwortete die Puppe. Es war das erste was ihr einfiel. „Achso.“ Die Fremde nahm die Antwort ohne sie zu hinterfragen an, die Schlauste war sie wohl nicht. Dann sah sie zu ihr. „Hey, du hast ja eine Holzhand. Wie ist das denn passiert?“ Der ausgezogene Handschuh! Da halfen auch die langen Korkenzieherlocken und das Pony nichts. Der Holzpuppe wurde klar, dass sie ihre Sitznachbarin nicht so leicht loswerden würde und dass sie so gut wie aufgeflogen war, also gab sie eine ehrliche Antwort, statt sich eine Geschichte von einer verlorenen Hand auszudenken. „Ich b-bin ganz aus Holz,“ sprach sie mit zitternder, dünner Stimme, die noch dazu durch ihre Hände gedämpft wurde. Glücklicherweise hockte ihre Gesprächspartnerin nah genug bei ihr um sie dennoch zu verstehen. „Echt?! Zeig mal!“ sprach die Frau begeistert. „Du wirst bestimmt schreien und wegrennen oder Dinge nach mir werfen, so wie die anderen.“ Die Stimme der Hölzernen war nun kaum mehr als ein Flüstern. „Sowas machen die Leute? Ich mache das aber nicht, versprochen. Und mein bester Freund Miro hier auch nicht, oder?“ Die Frau wandte sich zum genannten um. Der sah sie ungläubig an, nickte aber. „… ja versprochen.“ stimmte er unsicher zu, während er sich fragte ob sie es hier mit einer Verrückten zu tun hatten.
Die Hölzerne wandte sich den beiden zu und nahm langsam die Hände vom Gesicht. Miro, ein schlaksiger Mann um die dreißig mit orangenem Wuschelhaar und Lachfalten in den Augenwinkeln, stand hinter der Dümmlichen. Als er das Antlitz der Puppe sah schrak er zurück und ließ dabei beinahe den zusammengeklappten Schirm in seiner Hand fallen. Einen kurzen Moment später hatte er sich jedoch wieder gefasst. Seine beste Freundin erschien rund zehn Jahre jünger und trug ihr braunes Haar zu zwei Zöpfen geflochten, die seitlich über den Saum der herabgezogenen Kapuze hervorragten. Trotz freundlichem runden Gesicht wirkte sie etwas zu dünn. Die Frau wiederum sah die Hölzerne nur mit leuchtenden Augen ohne eine Spur von Angst an. „Boah! Du bist aber hübsch! Wie eine Puppe!“ Die Namenlose hielt sich geschwind eine Hand vor den unbewegten Mund, denn wo die Einfältige es so direkt beim Namen nannte, musste sie kichern. Das Kichern vermischte sich sogleich mit einem erneuten Schluchzen, denn sie wusste nicht ob sie darüber lachen oder weinen sollte, dass sie eine lebensechte Holzpuppe war. Zugleich war sie davon überwältigte einen ersten Hoffnungsschimmer am Horizont erkennen zu können. Ihr Ausbruch wurde schnell heftiger, auch wenn ihr hölzerner Körper keine Tränen hervorzubringen vermochte. Miro trat an seiner verdattert dreinblickenden Freundin vorbei zur Aufgelösten und legte sacht die Hand auf ihre Schulter. „Es wird alles gut, wir sind jetzt bei dir,“ sprach er bloß mit ruhiger Stimme. Das wirkte Wunder und die Holzpuppe beruhigte sich allmählich. Da richtete sich die Dümmliche auf, sie war auffallend klein und nun passten auch die dünnen Glieder ins Bild. Dann hielt sie der Puppe die ausgestreckte Hand hin um ihr hoch zu helfen. Mit der blanken Holzhand hob diese ihren Handschuh auf, während Miro sich von ihrer Schulter löste. Die Holzfrau legte ihre Rechte zögerlich in die dargebotene Hand, als fürchte sie ihre Berührung könnte Schlimmes bewirken. Nichts geschah und so ließ sie sich auf helfen, sah sodann zu der Frau hinab, denn nun überragte sie diese um einen ganzen Kopf.
„Genau, wir sind jetzt da. Ich bin übrigens Enni und das ist Miro. Und wie heißt du?“ fragte die kleine Frau.
„Ich weiß es nicht, ich kann mich an nichts erinnern,“ sprach die Puppe, erneut mit vorgehaltener Hand.
„Oh wie traurig. Warum versteckst du deinen Mund?“ fragte Enni.
„Mein Gesicht ist ganz starr, wenn ich rede sieht das unheimlich aus,“ antwortete sie.
„So schlimm ist das doch bestimmt nicht, vor uns brauchst du dich nicht verstecken.“
„Es ist mir auch unangenehm.“ flüsterte sie peinlich berührt.
„Kannst du dich wirklich an gar nichts erinnern?“ Mischte sich Miro ein.
„An nichts bevor ich in der Gasse aufgewacht bin.“
„Wo ist das gewesen und wie lange ist das her?“ harkte er nach.
Und so berichtete sie den beiden alles, was bislang vorgefallen war. Wo die Gasse lag wusste die Holzpuppe durch die überstürzte Flucht nicht mehr und auch die Beschreibung sagte den beiden nichts, denn so, sagten sie, würden hier in Windschild alle Straßen aussehen. Immerhin die Stadt hatte sie also richtig erraten. „Wollen wir dich erst einmal rein bringen?“ schlug Miro vor. „Meine Frau Rina würde dich sicher auch gerne kennen lernen und sie weiß immer eine Lösung. Manchmal glaube ich allein ihr herzliches Lächeln könnte alle Probleme der Welt lösen.“ Die Verlorene sah ihn unsicher an „Das würdest du für mich tun?“ Fragte sie unsicher. „Natürlich, wer in Not ist, dem muss man helfen,“ versicherte Miro und sah dann zu seiner Freundin hinüber. Er schien einen Augenaufschlag lang nachzudenken, ehe er sich bei Enni dafür entschuldigte, dass der geplante Kleiderkauf, bei welchem er versprochen hatte ihr beratend zur Seite zu stehen, wohl verschoben werden musste. Enni grinste nur und harkte sich einfach zwischen Miro und der Namenlosen ein. „Ach, das ist doch jetzt nicht so wichtig. Lasst uns zu Rina gehen,“ beschloss sie. Und so machten sich die drei auf den Weg durch Windschild, sprachen über dies und das, als wäre die lebendige Holzpuppe nichts weiter als eine neu gewonnene Freundin. Und auch wenn diese weder den stürmischen Wind der Küstenstadt, noch den Regen zuvor an ihrem Leib spüren konnte, so fühlte sie nun doch eine Wärme, dort wo ihr Herz sein sollte. Sie war nicht mehr allein, zumindest für den Moment.
Kapitel 03: Auf Holz geklopft
Beim Reihenhaus eingetroffen ging es in den dritten Stock, dort bat Miro die Puppe einen Moment außer Sicht zu bleiben und schloss die Wohnungstür auf. Sogleich streckte eine etwas mollige Frau mit kurzem blonden Haar den Kopf aus einer der Zimmertüren in den schmalen Flur. Glücklich über die unerwartet frühe Rückkehr ihres Mannes begrüßte sie diesen und auch der Überraschungsbesuch der gemeinsamen Freundin Enni erfreute sie sichtlich. Auf die Farge, wie es hierzu kam, erklärte Miro seiner Frau Rina, dass er und Enni auf dem Weg zum Schneider einer Fremden begegnet seien, die ihre Erinnerung verloren hatte und ihre Hilfe benötigte. Sie stünde in diesem Moment draußen im Treppenhaus. „Immer noch der Beschützer, in den ich mich verliebt habe,“ lächelte Rina ihren Mann herzenswarm an. „Kann man ihr bei der Wache nicht viel besser helfen? Und weshalb versteckt sie sich?“ Erfolglos versuchte Rina die Unbekannte durch die Wohnungstür zu erspähen. „Bei der Wache würde sie nur fest genommen werden. Erschrick nicht,… sie ist so etwas wie eine… menschengroße lebendige Holzpuppe.“ Miro wusste nicht, wie er es ihr schonender beibringen sollte. „Ach du je.“ sprach Rina, die Sorge stand ihr ins Gesicht geschrieben, denn sie zweifelte keinen Augenblick an den Worten ihres Ehemannes. „Naja, ich werde die Arme nicht da draußen stehen lassen und wenn es uns Verderben ins Haus bringt, dann wehe den gerechten Göttern,“ fügte sie fest entschlossen an. „Komm doch rein,“ rief sie an Miro und Enni vorbei gen Treppenhaus.
Die Puppe hatte gewiss alles mithören können und so war ihr eine Ahnung gekommen, dass mehr hinter dem abweisenden Verhalten der Leute steckte als einzig ihre ungewöhnliche Erscheinung. Sie zögerte, was sollte sie nur tun? Da trat Enni aus der Wohnungstür, lächelte sie aufmunternd an und winkte sie hinter sich her nach drinnen. Die Hölzerne gab sich einen Ruck und folgte ihr zumindest in den Wohnungseingang, wo sie vor der Schwelle stehen blieb, sodass Enni alleine in den Flur trat. Rina versteinerte trotz Warnung für einen Moment, als sie die Holzfrau zu Gesicht bekam. Die wiederum gab sich alle Mühe nicht die Flucht zu ergreifen und stammelte die Hand vor den Mund haltend: „D-Danke, aber wieso denken alle, ich könnte Übel bringen? Wenn das stimmt… ihr seid so gute Menschen, ich will euch nicht in Gefahr bringen.“ Miro winkte ab und erklärte „Hier in Windschild kennt ein jeder die Hexenholz-Geschichten, aber es sind nur Schauermärchen. Niemand glaubt wirklich daran. Doch, wenn du so lebensecht vor einem stehst, kommt es einem natürlich gleich in den Sinn.“ Mit großen Augen hob Enni einem Schulkind gleich die Hand. „Oh ja,“ entfuhr es ihr, „die Geschichten kenne ich auch, die sind mir aber viel zu gruselig. Aber wie kommst du jetzt drauf?“ Da fand Rina wieder zu sich und lachte herzlich. Sie nahm Enni in die Arme, die daraufhin kicherte und sprach: „Ich hab wieder was nicht verstanden, oder? Aber du wirst es mit erklären so wie immer, ja?“ Rina nickte und brachte zwischen ihrem Lachen sogar eine Antwort hervor: „Das mache ich, aber erst wenn ihr alle rein kommt und die Tür zu macht, es wird kalt.“ Enni schien sich über die ausgelassene Freundin zu freuen. Da erkannte die Holzpuppe, dass Rina nicht über Enni lachte, sondern über den Witz, den sie aus Versehen erzählt hatte. Plötzlich fühlte sie sich erleichtert, als wäre eine schwere Last von ihr abgefallen und sie verstand, was Miro gemeint hatte, als er sagte, allein das Lachen seiner Frau könne Probleme lösen. Erst da drangen die Worte eben jener Ehefrau in den Verstand der Puppe. Sogleich trat sie in Eile ein und schloss die Tür. Beschämt entschuldigte sie sich und vergaß sogar die Hand vor ihr starres Gesicht zu halten. Als es ihr auffiel war es bereits zu spät, doch keiner der drei schien sich vor der unbewegten Mimik zu fürchten und so beschloss sie ihre Holzlippen beim Sprechen zumindest dann nicht mehr zu verbergen, wenn außer ihnen niemand anwesend war.
Sobald die nassen Mäntel aufgehangen waren erklärte Rina der naiven Enni, warum man bei einer lebenden Holzpuppe schnell an Geschichten über verhextes Holz dachte. Die war zwar verwirrt, wie man bei einer so hübschen und lieben Puppe an so etwas gruseliges denken konnte, verstand nun aber immerhin den Zusammenhang. Rina führte Enni und die Puppe daraufhin ins Schlafzimmer, nahm ein Handtuch aus dem Schrank und übergab es der Namenlosen, damit sich diese die durchnässten Haare trocknen konnte. Sie bat Enni sich um den Gast zu kümmern und mit ihr in die Stube zu kommen, sobald sie so weit waren. Enni stimmte gerne zu und Rina ließ die beiden allein um sich von ihrem Mann berichten zu lassen, was dieser soweit erfahren hatte. Die Puppe nahm am Schminktisch platz und begann ihre Haare abzutrocknen. Enni ließ sich auf dem Bett neben ihr in den Schneidersitz fallen und sah ihr mit leuchtenden Augen zu. Da bemerkte die Hölzerne, dass sie sich in Gegenwart der kindlich naiven Frau keinen Deut unsicher fühlte und auch ihre Schüchternheit verflog zum Teil. Als sie so gut es ging fertig war, ließ sie das Handtuch sinken. Enni ergriff sogleich das Wort.
„Darf ich dir die Haare bürsten?“ fragte sie voller Vorfreude.
„Wenn du es so gerne möchtest?“ fragte die Puppe verwundert.
„Das möchte ich wirklich gerne! Du hast so schöne Haare, die sind bestimmt auch ganz weich und vielleicht kann ich dir eine hübsche Frisur machen?“
„Ja gerne,“ sprach die Puppe. „Magst du es Haare zu frisieren?“
„Ja, das macht mir ganz großen Spaß.“
„Ist das dein Beruf?“
„Nein,“ sagte Enni traurig, „da muss man auch Haare schneiden und ich verschneide mich immer und dann werden die Kunden wütend und schreien mich an.“
„Oh, das tut mir leid.“
„Aber du hast mich doch gar nicht angeschrien,“ merkte Enni verwirrt an.
„Das sagt man so um auszudrücken, dass man Mitleid hat,“ versuchte sie zu erklären, so wie Enni es wohl auch bei Rina schätzte.
„Ach ja, stimmt, das hatte ich vergessen. Danke, das ist lieb von dir,“ sprach Enni lächelnd.
„Arbeitest du dann etwas anderes?“ fragte die Holzpuppe um das Gespräch in eine erfreulichere Richtung zu lenken.
„Oh ja! Ich brauche eigentlich nicht arbeiten, weil meine Eltern viel Geld haben, aber manchmal bringe ich Zeitungen oder Briefe und Pakete. Das ist nicht schwer und macht auch Spaß, weil sich die Leute immer so freuen, wenn sie etwas bekommen.“
Die Holzpuppe war beruhigt, dass Enni bei ihren eingeschränkten Fähigkeiten immerhin keine Armut fürchten musste. Sie dachte darüber nach, dass sie es dennoch gewiss nicht immer leicht hatte und kaum ein jeder so gut mit ihrer Einfältigkeit umging, wie das Ehepaar. Ohne ihre Familie und Freunde wäre sie wohl ebenso hilflos, wie sich die Puppe derzeit fühlte. Nach Ennis kleiner Erzählung bot sie ihr an, dass sie ihr Haar so viel frisieren dürfe, wie sie mochte und dass sie es auch nicht schneiden müsse. Mit einem leisen lachen, das sich unter der starren Mine zwischen das Mitgefühl in ihrer Stimme mischte fügte sie an, dass sie auch gar nicht wisse, ob ihr Haar überhaupt nachwachse. Da lachte Enni herzhaft, griff die Bürste von der Ablage und begann die Haare der Hölzernen vorsichtig zu entwirren. Im Spiegel der Tischwand kam die Holzpuppe das erste Mal dazu sich ausgiebig zu betrachten. Die Symmetrie ihres runden Gesichts war makellos. Die Lippen voll und geschwungen, die Nase klein und schmal. Am stärksten wurde das zeitlos schöne Gesicht durch die Augen definiert, die wie alles an ihr erschreckend echt wirkten. Sie waren von auffälliger Größe und erstrahlten in einem pastellfarbenen Himmelblau. Die Augenbewegungen schienen natürlich, ebenso wie das Auf- und Zuschlagen der Lider, welche gar mit langen, dichten Wimpern bestückt waren. Das hüftlange Haar war immer noch feucht, doch im Gegensatz zu menschlichen Haaren hatten die fülligen Strähnen die Korkenzieherform unbeschadet beibehalten. Nun, wo Enni die großen blonden Locken entwirrt hatte und sie sich aus unnatürlich großen Augen im Spiegel betrachtete, sah sie wahrlich wie eine Puppe aus. Die Künstlerin hinter ihr teilte die Haarpracht gerade in der Mitte um zu sehen, wie sie sich als zwei seitliche Zöpfe machen würde, da hielt sie plötzlich inne. „Du, da steht was in deinem Nacken, ganz ordentlich rein geschnitten,“ bemerkte sie erstaunt. Als die Holzpuppe das hörte, begann sie vor Furcht zu zittern. Bei all den Geschehnissen und dem Gerede von Flüchen, Verderben und Hexenholz wusste sie nicht ob das etwas Gutes oder etwas Schlechtes zu bedeuteten hatte und ob sie wissen wollte, was sie hier womöglich über sich erfahren würde.
„K-kannst du es lesen?“ fragte sie ängstlich.
„Es ist ganz kurz, das krieg’ ich bestimmt hin,“ sprach Enni zuversichtlich.
„Da steht… Sun… nein, San… Sandy… Sandy-Mei!“ Entschlüsselte sie die Buchstaben letztlich. „Oh,“ durchfuhr sie der Geistesblitz, „Sandy-Mei! Das ist bestimmt dein Name!“
„J-Ja, vermutlich… Sandy-Mei,…“ Der Name brachte keine Erinnerungen zurück. “Passt irgendwie zu einer… Puppe,“ sprach sie niedergeschlagen.
„Gefällt dir der Name nicht?“ fragte Enni besorgt. „Ich finde er ist wunderschön.“
„Ja, das stimmt, er ist wirklich sehr schön, es ist nur… ich hatte gehofft, dass ich mal ein Mensch gewesen bin. Dass ich eine Familie habe, die mich vermisst und… dass alles wieder normal werden könnte.“
„Du hast aber gute Ideen, da bin ich gar nicht drauf gekommen. Aber der Name würde bestimmt auch zu einer Menschenfrau passen.“
„Schon, aber dann wäre er vermutlich nicht in meinem Nacken eingraviert. Das macht man eher, bei… hergestellten Dingen.“
„Oh, ach so, vielleicht hast du ja trotzdem eine Familie, eine große Puppenfamilie in einem großen Puppenhaus,“ versuchte Enni Sandy-Mei aufzumuntern.
„Vielleicht,…“ sprach die Puppe, doch glaubte sie es nicht.
„Die würde ich gerne kennen lernen und solange sind wir einfach deine Familie. Miro, Rina und ich.“
Hätte Sandy-Mei es gekonnt, hätte sie traurig gelächelt, denn so einfach, wie Enni sich das vorstellte war es gewiss nicht. Sie würde weder hier noch bei ihr bleiben können und sie wollte es auch nicht, würde es ihr doch nur so vorkommen, als wäre sie ein Fremdkörper und eine Last. In einem stimmte sie der naiven Frau allerdings zu, gerade in diesem Moment standen ihr drei gute Menschen zur Seite, die bereit waren ihr zu helfen. Dies war nicht die Zeit um traurig zu sein. Abgesehen davon hatte sie ohnehin bereits vermutet, dass sie schon immer eine Holzpuppe gewesen war. Dafür sprach nicht nur der Name im Nacken, sondern auch ihre perfekte Symmetrie und Schönheit, die mechanische Bauweise der Gelenke und dass sie in der Gasse kein Gepäck bei sich getragen hatte, denn so etwas benötigte eine Puppe eben nicht. Im Grunde war sie sogar weiter gekommen, denn nun hatte sie endlich einen Namen und vielleicht konnte sie Mit diesem herausfinden, wer sie erschaffen hatte. So nickte sie nur und unterhielt sich weiter mit Enni, während diese sich an ihrem Haar verwirklichte. Im Spiegel fiel Sandy-Mei auf, dass der dunkle tannengrüne Pulli, den Enni trug aus weicher Lammwolle zu bestehen schien und dass der natürliche Stoff und die erdige Farbe die ebenso grünen Augen der kleinen Frau hervorhob und zu ihren braunen Flechtzöpfen passte. Sandy-Mei gab diese Gedanken als Kompliment an Enni weiter, worüber sich diese so sehr freute, dass sie Sandy-Mei förmlich durch den Spiegel anstrahlte. Enni erwähnte, dass Miro den Pulli ausgesucht hatte und dass Sandy-Mei bestimmt eine genauso gute Beraterin wäre. Diese bedankte sich und bemerkte erst da, dass sie tatsächlich ein auffallend geschultes Auge für Kleidung hatte und zudem einiges Wissen über Stoffe und auch über die Schneiderei besaß. Sandy-Mei verfiel in Schweigen während sie darüber nachsann, ob sie wohl geschaffen worden war um Schneiderarbeiten zu verrichten. Erfolglos versuchte sie sich zu erinnern weshalb sie so viel über Stoffe, Schnitte und das Handwerk wusste. Die Stille schien der einfach gestrickten und umgänglichen Enni nichts auszumachen. Sie beschäftigte sich weiterhin glücklich mit dem Haar der Puppe, bis sie sich letztlich doch für die Seitenzöpfe entschied, sodass sich die beiden zu den anderen begaben.
In der Stube saßen Miro und Rina beisammen und waren, den Pergamenten auf dem Tisch nach zu urteilen, bereits dabei Pläne zu schmieden. Enni und Sandy-Mei setzten sich dazu und berichteten vom Kleiderwissen der Puppe und dem Namensschriftzug. Die detailreiche Gravur wurde vom Ehepaar begutachtet und der von Enni richtig vorgelesene Name bestätigt. Daraufhin fragte die schüchterne Puppe nach dem Hexenholz, denn sie machte sich große Sorgen. Miro erklärte ihr, dass sie ihr leider nichts Dingfestes sagen konnten. Die Hexenholz-Geschichten seien eine Art Rätselspiel, bei dem man sich Gruselgeschichten ausdachte, deren einzige Gemeinsamkeit jene war, dass Holz eine Rolle darin spielte. Selbst sein Urgroßvater hätten dieses Spiel bereits gekannt und vermutlich gab es die Geschichten schon wesentlich länger. Im Grunde war es gerade das Mysterium des Hexenholzes um welches sich das Rätselspiel rankte. Die Frage was all die unterschiedlichen Arten von Holz gemeinsam hatten, dass es immer wieder auftauchte und gewiss gab es keine Gemeinsamkeit, denn jede Geschichte hatte eine andere Lösung, die zu erraten Teil des Spiels war. Es existierten also unzählige dieser Erzählungen und stetig kamen neue hinzu. Gewiss spielten in manchen Wesen aus Holz eine Rolle, doch auch diese Geschichten hätten untereinander nichts weiter gemein. Es sei anzuzweifeln, dass etwas Wahres an den Erzählungen auszumachen sei. Rina nickte zustimmend, warf jedoch ein, dass Sandy-Mei einmal in Bücherwyrms Hort in der Parallelgasse nachfragen könne. Der alte Benesk, der den Buchladen führe, sei zwar ein kauziger Witzbold, bei dem man nie zu sagen vermöge, ob er gerade scherzte oder es ernst meinte, doch gäbe es niemanden, der so viel über vergessene Erzählungen und Bücher wissen würde wie er. Vielleicht konnte er sagen, wo die Hexenholz-Geschichten ihren Ursprung nahmen und wenn nicht fänden sich in seinem Buchladen sicher einige davon niedergeschrieben. Miro sollte Recht behalten, was die Fähigkeit seine Frau betraf Lösungen für Probleme zu finden, denn Rina hatte noch weitere Vorschläge, die der Puppe helfen könnten. So berichtete sie von dem Forscherduo Tüftel & Brand, das Werkstoffmagie und Mechanik zu stets neuen wunderlichen Erfindungen kombiniere und von Pairena einer Alchemistin, die angeblich in der Lage sein soll eine jede Krankheit zu heilen. Was letztere betraf, so sei die Behauptung zwar vermutlich übertrieben und sicher hatte sie noch nie eine Patientin aus Holz gehabt, doch sie habe tatsächlich schon bei vielen Krankheiten helfen können, bei denen andere ratlos waren, auch bei Amnesie. Rina überreichte der Puppe daraufhin einen Zettel mit Namen, Adressen und einigen Notizen. Sandy-Mei bedanke sich und wollte sogleich aufbrechen um den Tag zu nutzen und den Menschen keine weiteren Umstände zu bereiten, doch Miro hielt sie zurück.
„Wir lassen dich sicher nicht alleine gehen, sonst kommst du nicht weit. Wir sind jetzt bei dir, schon vergessen?“ sagte er.
„Du meinst den ganzen Tag?“ fragte die Puppe unsicher.
„Und morgen und den Tag darauf, solange bis du deine Vergangenheit oder einen neuen Platz in der Welt gefunden hast,“ beharrte Miro.
„Bist… Seid ihr sicher?“ Fragte Sandy-Mei und sah ungläubig in die Runde.
„Ganz wie mein Mann es sagt,“ bestätigte Rina. „Freunde von uns haben ein Gasthaus, ich werde gleich mit ihnen sprechen, ob du heute Nacht dort bleiben kannst.“
„Ich… Ich weiß nicht was ich sagen soll… danke. Ich werde mir eine Arbeit suchen und das Geld für die Übernachtung so schnell wie möglich zurück zahlen.“
„In Ordnung, aber setz dich nicht unter Druck. Wir könnten uns das Zimmer im Notfall zumindest eine Weile leisten. Es wird sicher schwer mit deiner Erscheinung eine Anstellung zu finden.“ gab Rina zu bedenken.
„Das kann ich doch nicht annehmen, zumindest nicht für länger als eine Nacht.“
„Das geht schon in Ordnung,“ warf Miro ein, „du zahlst es doch zurück. Wir würden uns freuen, wenn du unsere Hilfe annimmst. Du scheinst Eine gute Person zu sein und für deine Situation kannst du auch nichts. Wir würden uns schlecht fühlen dich gehen zu lassen ohne zu wissen was aus dir wird.“
„Ich… ich weiß nicht, ob ich gut bin… und ob ich nichts dafür kann,“ gab Sandy-Mei kleinlaut zu, „aber… wenn ihr euch sicher seid?“
„Natürlich!“ rief Enni „Ich kann meine Eltern auch nach Geld fragen.“ und auch Rina nickte bestimmt.
„Ich habe vielleicht nicht so gute Ideen wie meine Rina, oder kenne die halbe Stadt, aber ich dachte mir schon, dass du dir solche Gedanken machen würdest. Wenn du nicht weiter weißt, kannst du immer zu uns kommen und damit du das nicht vergisst, habe ich ein Gedicht für dich geschrieben, auch in Rinas Namen und bestimmt auch in Ennis.“
„Er schreibt andauernd Gedichte um anderen eine Freude zu machen.“ flüsterte Rina gespielt verschwörerisch hinter vorgehaltener Hand und doch für alle hörbar.
Miro nahm schmunzelnd eines der wirr umher liegenden Pergamente vom Tisch, die allem Anschein nach als Schmierzettel statt zur Planung gedient hatten. Dann reichte er der Holzfrau das ausgewählte Exemplar. Sie nahm es verwundert entgegen und las still die in Reinschrift übertragenen Zeilen:
Schau nach vorn
Hast du vergessen wer du bist?
Es zählt nicht was war sondern was ist.
Kannst du dich nicht an deine Lieben erinnern?
Neue Gesichter wollen deinen Schmerz lindern.
Willst du Vergangenheit und Zukunft suchen gehen?
Dann werden sie dir zur Seite stehen.
Hast du dich verloren,
Wirst du neu geboren.
Und bist du allein,
Lass uns Freunde sein.
Die Hölzerne ließ den Zettel sinken, sprachlos sah sie Miro an. „Lass uns Freunde sein,“ wiederholte Rina die letzte Zeile aus dem Gedicht ihres Mannes und auch dieser bot ihr seine Freundschaft an, ebenso wie Enni, auch wenn diese das Gedicht nicht kannte. Gerührt nahm Sandy-Mei im Flüsterton an und Enni fiel ihr sogleich um den Hals, damit war auch das letzte Eis gebrochen. Die neuen Freunde besprachen, wie es weitergehen sollte und fragten, ob Sandy-Mei noch etwas benötigte. Die wünschte sich allerdings nichts weiter als etwas, hinter dem sie ihren reglosen Puppenmund verbergen konnte. Rina schlug vor, dass sie Enni zum Schneider begleiten könne um sich dort etwas anfertigen zu lassen, außerdem könne sie Enni an Miros Stelle beraten, denn dieser musste zu seiner Schicht bei der Wache aufbrechen. Nun wusste Sandy-Mei auch, weshalb Miro sich derart gut mit den Prozessen bei der Wache auskannte. Sie entschuldigte sich dafür, dass er ihretwegen gar seine Pflicht als Gesetzeshüter missachtet hatte, doch der winkte nur ab. Sie habe ja nichts verbrochen. Außerdem sei es ohnehin übertrieben, wie genau man Fremde ohne Papiere in Windschild unter die Lupe nahm. Ein jeder wisse doch, dass jene, die wahrhaft Übles im Schilde führten dafür sorgten, dass sie Papiere besaßen, allzu schwer seien diese nicht zu fälschen. Dass Sandy-Mei aus Holz bestehe und zu diesem Zeitpunkt nicht einmal ihren Namen hätte nennen können, hätte das Misstrauen bloß unnötig geschürt und sie wäre entsprechend ruppig behandelt worden. Genutzt hätte dies niemandem und bloß allen mehr Arbeit beschert. Die Holzpuppe musste Miros Gedankengang recht geben und bedankte sich einmal mehr für seine Unterstützung. Miro versprach im Register der Wache nachzusehen, ob ihr Name dort verzeichnet war und machte sich auf den Weg zu seiner Schicht. Kaum dass die Tür ins Schloss gefallen war lächelte Enni zur Holzpuppe hinauf. „Lass uns einkaufen gehen,“ sprach sie frohgemut und für einen Moment fühlte sich Sandy-Mei wie eine ganz gewöhnliche Frau, die mit ihrer Freundin die Läden unsicher machen wollte. Erneut in ihre warmen Mäntel gekleidet wurden beide bald von Rina verabschiedet und machten sich auf den Weg zum Schneider.
Kapitel 04: In Seide gehüllt
Das Gefühl normal zu sein währte nicht lange, denn auf dem Weg warf man den Frauen abschätzige bis ängstliche Blick zu, wechselte die Straßenseite, sofern die Gasse es zuließ, oder machte beim Anblick der lebendigen Holzpuppe gar auf dem Absatz kehrt. Nur wenige zeigten eine bedachte Vorsicht oder Neugierde statt Ablehnung. Als die Freundinnen vor der Schneiderei standen, war Sandy-Meis Unsicherheit vollends zurück gekehrt, doch immerhin war sie dieses Mal nicht allein. Wie eine Vorahnung und doch kaum unerwartet sollte sich das Gefühl der Holzpuppe bestätigen, denn sobald sie hinter Enni an die Auslagen im Geschäft trat, ließ der einzig anwesende Kunde alles stehen und liegen und ergriff die Flucht. Zurück blieb ein verdatterter Schneider, der ihm gerade einige Stoffe vorgestellt hatte. Als dieser die Holzpuppe sah und verstand warf er sie mit barschen Worten und von Verärgerung überspielter Furcht aus dem Laden. Sandy-Mei wollte in einer Seitengasse warten, doch ihre neue Freundin bestand darauf es in einem anderen Laden zu versuchen. Bei so einem gemeinen Mann wolle sie sowieso nichts kaufen und wer würde sie denn dann beraten? Zum Glück oder zum Pech war Windschild mit seinen mehreren hunderttausend Einwohnern eine der größten Menschenstädte der Region. Es mangelte nicht an Schneidereien und auch wenn kein Kutscher die Holzpuppe transportieren wollte, fanden sie noch zahlreiche weitere Läden in den Einkaufsgassen der Umgebung und die Holzfrau durchlebte noch ebenso viele ähnlich entmutigende Szenen wie im ersten Geschäft. Sandy-Mei plagten die Abweisung die sie erfuhr und auch das schlechte Gewissen die gutgläubige Enni in ihre dunkle Welt zu ziehen zunehmend. Als sie gerade darüber nachsann, wie sie ihre Freundin, die schlicht nicht aufgeben wollte, überzeugen sollte allein in die Geschäfte zu gehen oder ein andern Mal mit Miro zurück zu kehren, kam Enni vor einem Schneiderladen zum stehen, der den anderen in keinster Weise glich.
Über der Tür prangte, einem Wappen gleich, das Bild zweier überkreuzte Nadeln auf einem Dreiecksschild, das von zwei Stoffballen gehalten wurde. Auf der Wahlspruchbanderole darunter fand sich der Name des Ladens: Shilas Schniederkammer. Das Geschäft wartete mit einem großen Schaufenster auf, das dem Betrachter eine aus drei Schneiderpuppen dargestellte Szene präsentierten, dabei trugen diese die ungewöhnlichsten Kreationen. Die Puppen an den beiden Außenseiten standen mit dem Rücken zur mittigen und beschützten diese mit erhobenen Schwertern. Eine der Maiden hüllte sich in ein langes braunes Abendkleid, welches in seiner Machart an eine lederne Lamellenrüstung erinnerte und doch die Eleganz des dünnen Stoffes beibehielt. Die andere trug eine silbern glänzende Ritterrüstung aus gestärktem Stoff, die ganz und gar echt wirkte, doch Sandy-Meis geschultes Auge erkannte den Unterschied. Der verteidigte Herr in der Mitte war in ein gewickeltes farbenfrohes Gewandt mit weiten Ärmeln gekleidet, das aus fernen Landen stammen musste, denn es kam selbst ihr nur wage bekannt vor. Wie die meisten Geschäfte befand sich auch dieses im Erdgeschoss einer jener hoher Reihenhäuser, die das Stadtbild ausmachten. Darüber ragten noch fünf weitere Stockwerke mit Wohnungen auf. Eine architektonische Meisterleistung, die ohne Steinmagie kaum möglich wäre. Der ungewöhnliche Laden, der irgendwo zwischen individueller Modekreation und Kostümschneiderei lag, machte Sandy-Mei neugierig genug, dass sie dem Unterfangen noch eine letzte Chance geben wollte und so folgte sie Enni nach drinnen.
Die einzig anwesende Person war die Schneiderin selbst, die auf einem Stuhl hinter dem Verkaufstresen zurückgelehnt in einem Buch las. Hinter ihr an der Wand hing ein großes Breitschwert voller aufwendiger Verzierungen am Griff und auch auf der Klinge selbst. Als das Glöckchen über der Tür ertönte sah sie nicht auf, hob lediglich den Finger um den Kundinnen zu bedeuten, dass sie noch einen Moment warten sollten. Enni winkte die Holzpuppe hinter sich her und durchstöberte die an Stangen aufgereihten Kostüme. Sandy-Mei blieb jedoch stehen, kaum dass die Tür hinter ihr ins Schloss gefallen war. Nach einer geschlagenen Minute, in welcher die Holzpuppe immer nervöser wurde, wie die Frau wohl reagieren würde, wenn sie ihr Antlitz zu Gesicht bekam, sah die Schneiderin endlich auf. Als erstes fiel ihr Blick auf die Hölzerne, die regungslos da stand und deren Hand bereits auf der Türklinke ruhte um schnell austreten zu können, doch die Schneiderin blinzelte nur einmal und sah dann zu Enni bei den Kostümen.
„Gehört das da dir?“ fragte sie und zeigte auf die Puppe.
„Das ist Sandy-Mei, meine neue Freundin.“ antwortete Enni stolz.
„Aha und wo bekommt man so eine her?“
„Sie weiß nicht wo sie herkommt und sie ist total nett, also wirf sie bitte nicht raus, ja?“
„Wieso sollte ich Kunden raus werfen? Hey du, Sandy, kannst du noch mehr außer angewurzelt rumstehen?“
„E-Entschuldigung. Ich… ich wollte Sie nicht erschrecken.“ stotterte die Puppe hinter vorgehaltener Hand.
„Sieh einer an, sie spricht. Du machst mir keine Angst, ich hab schon Schlimmeres erlegt als wandelndes Hexenholz, oder was auch immer du darstellst,“ dabei deutete sie mit dem Daumen über die Schulter auf das massive Schwert, das die Wand hinter ihr zierte. „Aber keine Bange, ich werd dir nichts tun und mach mal nicht so förmlich. Also wie kann ich euch beiden helfen?“
Enni erzählte, dass Sandy-Mei etwas brauche um ihren Mund zu verstecken und dass sie selbst ein Kleid für den zehnjährigen Hochzeitstag von Miro und Rina suche. Die Schneiderin, die sich wie zu erwarten als Shila vorstellte, wusste gewiss nicht wer das genannte Paar war und ob ihr Laden für einen solch gewöhnlichen Anlass der richtige war, doch bot sie gerne ihre Dienste an. Die Kundschaft hatte ihr Interesse geweckt und so erhob sie sich von ihrem Stuhl und trat zu den beiden. Shila war etwa Mitte Dreißig und eine große und muskulöse Frau, der man eher zutraute das Schwert an der Wand zu schwingen als die feinen Arbeiten einer Näherin zu verrichten. Die ungewöhnliche Schneiderin war ausgesprochen kurvig gebaut und hatte ein gleichmäßiges Gesicht, auch wenn diesem der Makel einer langen Schnittnarbe auf der rechten Wange anhaftete. Vier weitere Narben begannen, wie von Krallen verursacht, über dem Schlüsselbein gefährlich nah an ihrem Hals und schienen sich noch weit unter ihre Kleidung zu ziehen. Sandy-Mei ließ Enni den Vortritt, denn sie fühlte sich verantwortlich dafür, dass sie dem morgendlichen Plan ihrer neuen Freundin seit ihrer ersten Begegnung im Weg gestanden hatte und inzwischen war es bereits Nachmittag. Statt sich etwas anfertigen zu lassen, hatte Enni Gefallen an den Kreationen der Schneiderin gefunden und probierte einige davon an, auch wenn ein jedes der Gewänder zu lang für die kleine Frau war.
Wie versprochen beriet Sandy-Mei sie mit ihrem umfangreichen Fachwissen, was auch Shila auffiel und positiv kommentierte. Die Holzpuppe, die das Zimmer, welches ihr angeboten worden war, so schnell wie möglich selbst bezahlen wollte, überwand ihre Scheu und ergriff die Gelegenheit um nach Arbeit zu fragen. Die Schneiderin war nicht allzu begeistern davon eine Aushilfe im Laden herumlaufen zu lassen, die ihr ihre Kunden verschrecken würde, doch bot sie ihr sofort an eine der plumpen Schneiderpuppen im Fenster zu ersetzen, als habe sie schon vorher darüber nachgedacht. Eine so hübsche Schaufensterpuppe hätte sicher kein anderer Laden zu bieten. Ihre einzige Bedingung war, dass sie sich unter keinen Umständen bewegen oder sprechen dürfe. Shila gab außerdem zu bedenken, dass sie der Puppe allein fürs Herumstehen nicht viel zahlen wolle, doch wenn sie das Schneiderhandwerk beherrsche, könne sie ihr außerhalb der Öffnungszeiten zuarbeiten und ihren Verdienst steigern. Sandy-Mei wusste nicht, ob sie tatsächlich schneidern konnte, doch still zu halten fiel ihrem gefühllosen Holzkörper nicht schwer und auch das Gehalt kümmerte sie nicht, sofern es für das Zimmer reichte. Da sie nicht einmal den Mund öffnen konnte, bezweifelte sie, dass sie Essen würde kaufen müssen. So nahm sie das Angebot an und wollte gleich nachdem ein Kleid für ihre Freundin gefunden war mit der Arbeit beginnen. Enni war sehr zufrieden mit dem ausgewählten Abendgewand und ließ es für die Kürzung abstecken. Wie sich herausstellte kosteten Shilas individuelle Produkte ein hübsches Sümmchen, doch das änderte nichts an Ennis Entscheidung, denn wie die Holzpuppe wusste, stammte sie aus gutem Hause. Laut Shila sollte das angepasste Kleid am Abend fertig sein und so schlug sie Enni vor Garderobe und Holzfreundin nach Ladenschluss abzuholen. Diese willigte ein, ließ Sandy-Mei unter Bedauern zurück und machte sich auf den Heimweg.
Shila schloss den Laden für eine Weile, zog die Vorhänge des Schaufensters zu und dekorierte dieses gemeinsam mit Sandy-Mei um. Dabei unterhielten sich die beiden Frauen, sodass Shila bald über die Situation ihrer neuen Schaufensterpuppe Bescheid wusste. Sandy-Mei wiederum erfuhr, dass Shila bis vor etwa fünf Jahren eine Abenteurerin gewesen war und die ganze Welt bereist hatte. Doch in diesem Beruf wurde man bekanntlich nicht alt und sie wollte alt werden. Als sie der Kampf mit einem Werbären, der ihr den halben Bauch aufriss, beinahe das Leben gekostet hatte, beschlossen sie, dass es Zeit war das Abenteurerleben an den Nagel zu hängen. Von der Wunde, welche die Kreatur geschlagen hatte, stammten zudem die Narben, die über ihrem Schlüsselbein begannen. Shila hatte bereits auf ihren Reisen Gefallen an den unterschiedlichen Kleidungsstücken aus aller Herren Länder gefunden und Zeichnungen zusammengetragen und so führte eines zum anderen. Als das Schaufenster soweit fertig umgestaltet war, kam Sandy-Mei ins Spiel. Als Herzstück der neuen dargestellten Szene lieh die Schneiderin ihr ein seidenes bauchfreies Tanzkostüm mit weiten Hosenbeinen. Dazu einen passenden undurchsichtigen Schleier aus dem selben Stoff. Das Gewandt glänzte in einem klaren Himmelblau und ergänzte das helle Holz der Puppe märchenhaft. Sandy-Meis Suche nach einer Möglichkeit ihren Mund zu verdecken, hatten Shila an das alte Kostüm erinnert, das ihr nie abgekauft worden war. So stellte sich die Holzfrau in anmutig eingefrorenem Tanz, welchen Shila dirigierte in der Mitte des Fensters auf. Das Haar trug sie nun wieder offen und der Kopf wurde hinter zum Kinn geführtem Handrücken zur Seite geneigt gehalten, sodass sie unter dem Nase und Mund verdeckenden Schleier von drinnen wie draußen im Profil zu sehen war und eine geheimnisvolle Anziehung ausstrahlte. Zufrieden mit ihrem Werk zog Shila die Vorhänge zurück und öffnete den Laden erneut. Nach ein paar Minuten ließ sie sich von Sandy-Mei versichern, dass diese tatsächlich keine Müdigkeit in den Gliedern oder einen Bewegungsdrang verspürte. Dann widmete sie sich wieder ihrem Buch und sprach bis zum Ladenschluss kein Wort mehr mit der Puppe.
Über den Tag verteilt kamen nicht viele Kunden in die Schneiderei und noch weniger gaben etwas in Auftrag oder kauften eines der Kostüme, doch das mussten sie bei den Preisen auch nicht. Beinahe alle wiederum bestaunten die unvergleichlich schöne Schaufensterpuppe und scheiterten daran Shila zu entlocken, woher sie das Kunstwerk hatte. Die Kundschaft war durchgängig wohlhabend, denn Shilas Schneiderkammer war den Gesprächen nach zu urteilen ein bekannter Geheimtipp der gehobenen Gesellschaft. Die einzige Ausnahme stellte eine Amethystelfe dar, die den Laden gegen späten Nachmittag betrat. Es war die erste Elfe, die Sandy-Mei bisher in Windschild gesehen hatte. Zwischen all den Menschen, die ihr auf den Straßen begegnet waren, war sie überhaupt die einzige, die einem anderen Volk angehörte. Die Holzpuppe konnte ihre Neugierde nicht unterdrücken und so erlaubte sie sich, die Augen zu Seite zu rollen, kaum dass die Kundin an ihr vorbei getreten war um diese dann aus dem Augenwinkel zu betrachten. Während Shila wieder einmal den Absatz in ihrem Buch zu ende las, sah sich die Elfe im Laden um. Sie war größer als eine durchschnittliche Menschenfrau und doch wesentlich graziler. Die dunkle violette Haut schimmerte im gräulichen Licht, das durch das große Schaufenster in den Laden fiel, wie der Edelstein, der den Amethystelfen ihren Namen gab. Das glatte, lavendelfarbene Haar der Frau, reichte bis zu ihren Kniekehlen herab und aus der Haarpracht ragten lange, spitze Ohren hervor, die mit klimpernden Kettchen verziert waren. Sie trug einen dicken und sehr einfachen Mantel, trotzdem fiel die Anmut auf, mit der sie sich bewegte. Die Elfe durchstöberte die aufgereihten Gewänder recht zielstrebig. Wie es schien suchte sie etwas ganz bestimmtes, denn sie zog nur jene von heller Farbe aus den Reihen. So entdeckte sie die Holzpuppe trotz auffälliger Platzierung erst, als sie die Kleider in ihrer Nähe ansah. Sandy-Mei hatte ihren Blick in der Zwischenzeit wieder in die ursprüngliche Position herabgesenkt und hielt mühelos still. Die Elfe betrachtete das hölzerne Kunstwerk schweigend von allen Seiten, bis sie ihr gar in die unvergleichlich echt wirkenden Augen sah. Der Blickkontakte machte Sandy-Mei unruhig, doch zum Glück merkte man es dem hölzernen Körper nicht an und sie kam dazu auch die Kundin aus der Nähe zu bewundern. Das Gesicht der Elfe war oval und fein geschnitten, wobei ihr die hohen Wangenknochen eine vornehme Ausstrahlung verliehen. Die Augen waren vom selben Lila wie das Lavendelhaar und hatten etwas magisches an sich. Sandy-Mei glaubte, dass sie dem schönsten Wesen des Universums gegenüber stehen musste. Die Elfe hob langsam ihre Hand, als wolle sie die hölzerne Wange mit den Fingerspitzen berühren oder einen Blick unter den undurchsichtigen Seidenschleier werfen, als Shila sich zu Wort meldete:
„Nicht die Ausstellungsstücke berühren.“ Die Elfe ließ die Hand in aller Ruhe sinken und wandte sich der Schneiderin zu.
„Dann habt Ihr nun die Zeit gefunden Eure Kundin zu bedienen?“ Die Stimme der Amethystelfe war weich und klar, doch in ihrer Betonung lag eine gewisse Arroganz.
„Wie kann ich Ihnen helfen?“ leierte Shila ihren Satz immerhin in höflicher Anrede herunter.
„Ich benötige ein spezielles Gewandt aus Silberseide, führt Ihr diesen Stoff?“
„Ich habe Seide und auch welche in Silber, aber ich vermute mal, Ihr meint den federleichten, Mondlicht ausstrahlenden Stoff aus Eurer Heimat?“
„Damit seid Ihr die erste, die weiß wovon ich spreche, meinen Glückwunsch. Nun?“
„Ich muss im Keller nachsehen, der Stoff wird hier nicht gekauft. Ihr wisst aber, dass der teuer ist?“ Shila musterte offenkundig den billigen Mantel der Elfe.
„Natürlich.“
„Hm, gut, wartet hier.“
Die Schneiderin stieg die Treppe in den Keller hinab und ließ die Kundin allein zurück. Nun, nicht ganz allein, doch das konnte diese nicht wissen. Kaum dass Shila außer Sicht war, drehte die Elfe dem Verkaufstresen den Rücken zu und atmete hörbar aus, als sie ihre stolze Maskerade fallen ließ. Nun war sie wieder direkt der Holzpuppe zugewandt und sah dieser entgegen. „Meinst du ich bin aufgeflogen?“ fragte sie ihr vermeintlich lebloses Gegenüber. Für einen Moment war Sandy-Mei unsicher, ob sie nicht diejenige war, die aufgeflogen war, doch da die Elfe keine Antwort erwartete, wandte sich diese sogleich wieder den Kostümen auf der Stange beim Fenster zu. Sie besah sich nun alle Kleider, statt nur der hellen und prüfte die Stoff, indem sie diese zwischen ihren schlanken Fingern rieb. Sandy-Mei rechnete damit, dass sie einige der teuren Stücke greifen und mit ihnen davon eilen würde. Sie fragte sich, ob Shila von ihr erwarten würde still zu bleiben, oder die Diebin aufzuhalten, auch wenn sie dabei von der belebten Gasse aus durch das Schaufenster gesehen werden würde. Die Elfe jedoch ließ bald von den Kostümen ab und konzentrierte sich wieder auf die Holzpuppe. Unerwarteter Weise stahl sie nichts, sondern schüttete der stillen Zuhörerin im Glauben allein zu sein ihre Sorgen aus.
Sandy-Mei erfuhr, dass die Elfe eine Tänzerin war, ganz wie sie selbst im Schaufenster eine darstellte und dass sie die Schönheit der Puppe und auch das Gewand, das sie trug sehr bewunderte. Sie erfuhr auch, dass die Elfe sich dieses Gewand niemals selbst würde leisten können, denn sie konnte sich kaum über Wasser halten. Kürzlich hatte sie ein reicher Edelmann zu einem großen Fest geladen und erwartete eine authentische Darbietung der exotischen Tänze ihrer Heimat in entsprechender Gewandung und leider kannte er sich aus. Für die Tänzerin war es eine einmalige Gelegenheit, der Lohn war gewaltig und sie würde sich nicht einmal ausziehen müssen, selbst die Kosten für das Kleid wollte er übernehmen. Auf der anderen Seite hatte er ihr nicht viel Zeit gegeben die Vorstellung zu proben und das Kostüm anfertigen zu lassen und sie hatte es gehasst, dass er sie im Gespräch wie ein seltenes Tier behandelt hatte, das er seinen Gästen präsentieren wollte um seine Weltgewandtheit zu beweisen. Überhaupt hasste sie alles an der Stadt. Die Damen, die sie aus Eifersucht beschimpften, die Herren, die glaubte sie für die Nacht kaufen zu können und die Gesetzeshüter, die ihr misstrauische Blicke zuwarfen. Die Schneiderin, die nicht wollte, dass sie die kostbare Schaufensterpuppe mit ihren dreckigen Fingern berührte, obwohl nirgends ein Schild zu sehen war, dass dies verboten sei. Außerdem verabscheute sie das schlechte Wetter, an das sie sich auch nach all den Jahren nicht gewöhnen konnte. Sie vermisste die warmen Sommer und milden Winter der Sandwälder, die Elfen, unter denen sie nur eine von vielen war, ihre Kultur, die Feste und die fliegenden Städte samt allgegenwärtiger Magie. Manchmal, sagte sie, da wünsche sie sich, sie wäre wie die Schaufensterpuppe. Dass sie niemand missbilligend ansähe oder nieder mache, dass sie nicht frieren oder essen müsse und dass sie wie die hölzerne Tänzerin ganz allein für sich sein könne.
Sandy-Mei verstand die Elfe nur zu gut. Sie hatte noch nicht viele Erfahrungen gemacht, doch die Ablehnung kannte sie. Auf seltsame Weise fühlte sie sich mit der Frau verbunden und all dies für viele Jahre ertragen zu müssen erschien ihr unmöglich auszuhalten. Doch Sandy-Mei fand auch, dass die Worte der Elfe sehr einsam klangen. Sie wollte ihr sagen, dass sie ihre Gefühle verstand und dass sie für sie da sein wolle um ihre Wunden zu heilen. Dass es auch gute Menschen wie Enni, Miro und Rina gab und dass Shila vermutlich immer so schroff war und die Elfe nur ihretwegen davon abgehalten hatte sie zu berühren. Sie wollte ihr sagen, dass sie ihre Hände nicht dreckig fand und dass sie wunderschön sei. Sandy-Mei wollte außerdem so viel mehr über die Elfe erfahren. Warum sie seit Jahren in der Stadt lebte, obwohl es ihr hier nicht gefiel. Wie ihr Leben ausgesehen hatte und wie es in ihrer Heimat war. Und ganz besonders wollte sie ihren Namen erfahren, doch sie konnte nichts davon aussprechen. Sie durfte sich nicht verraten, denn dann hätte sie ihre Arbeit, die sie nur durch großes Glück bekommen hatte, sogleich wieder verloren. Zudem würde sich die Elfe sicher zu Tode erschrecken, fände sie sich ganz allein in einem Raum mit einer plötzlich lebendig werdenden Puppe, Hexenholz hin oder her. Und selbst wenn dieses Problem nicht bestünde, was würde sie wohl davon halten, dass Sandy-Mei ihren privatesten Gedenken gelauscht hatte, während die Elfe dachte mit nichts weiter als einer leblosen Puppe zu sprechen?
Bald waren Shilas Schritte aus dem Keller zu hören und die Kundin trat etwas beschämt über ihren Ausbruch zum Verkaufstresen, zugleich fühlte sie sich erleichtert ihre Sorgen los geworden zu sein. Ihr aufgewühltes Gemüt tat den anmutigen Bewegungen der Tänzerin dennoch keinen Abbruch und im Gespräch mit Shila hatte sie ganz in die Rolle der stolzen Elfe zurück gefunden. Zum Bedauern der Schneiderin hatte diese keine Silberseide auf Lager und eine Bestellung würde länger dauern als der Elfe Zeit blieb. So verließ das schöne Wesen, das, wie Sandy-Mei fand, selbst etwas von edler Seide an sich hatte, die Schneiderei. Die Schaufensterpuppe sah ihr nach und konnte nur hoffen, dass es nicht allzu schwierig sein würde die vermutlich einzige Amethystelfe in ganz Windschild ausfindig zu machen um ihr mit etwas Glück gar eine Freundin zu werden. Zum anderen benötigte man dazu beide Seiten und vielleicht würde die Elfe sie nicht einmal mögen. Die Holzpuppe verscheuchte den Gedanken und überlegte stattdessen, wie sie ihr bei einem erneuten Treffen entgegen treten sollte um ihr keine Angst einzujagen und wie sie erklären sollte, dass sie alles mit angehört hatte. Shila verbrachte den Rest des Arbeitstages größtenteils mit Schneiderarbeiten statt mit ihrem Buch und die Zeit verging abgesehen von ein paar Kunden ohne weitere Ereignisse. Sandy-Mei stand währenddessen regungslos im Schaufenster, doch langweilte sie sich nicht. Nach den anstrengenden Erlebnissen und der schockierenden Realisierung ihres hölzernen Dasein, kam es ihr gerade recht nichts weiter zu tun als herum zu stehen und dafür das Zimmer bezahlen zu können. Zudem war ihr Geist beschäftigt, denn sie konnte nicht aufhören an die Elfe zu denken.
Zum Ladenschluss verhing Shila erneut das Schaufenster und schloss die Tür ab. Leider hatte auch sie den Namen der Elfe nicht erfahren und auf die Frage weshalb Sandy-Mei das sosehr interessiere, wollte diese nicht viel sagen, denn sie konnte Shila wohl kaum von den privaten Sorgen berichten, welche die Elfe der heimlichen Zuhörerin anvertraut hatte. Als Dank für die Komplimente, die sie für die Puppe erhalten hatte und für die zusätzlichen Kunden, welche die Schneiderei nur wegen ihr betreten hatten, schenkte Shila ihr den himmelblauen Seidenschleier des Tanzkostüms und bot an, am nächsten Tag einen anderen nach ihren Wünschen anzufertigen. Sandy-Mei wollte jedoch keinen anderen Schleier, auch wegen der schmeichelhaften Worte, welche die Amethystelfe Ihr geschenkt hatte. Sie beschloss der mittellosen Tänzerin eines Tages das ganze Kostüm zu schenken und so bat sie Shila darum, das Gewand für sie zurück zu legen, bis sie es sich leisten konnte. Shila willigte ohne weiteres ein das alte Kostüm, das sie ohnehin nie losgeworden war, für sie aufzubewahren und übergab ihr außerdem ein wenig Lohn für den Arbeitstag. Die Holzpuppe bedankte sich immer fort, denn sie wusste nicht, wie sie den teuren Schleier und die Stelle als Schaufensterpuppe und eventuell auch Aushilfe, die Shila eigentlich nicht benötigte, aufwiegen sollte. Shila neckte, dass Sandy-Mei sie einfach zu ihrer Hochzeit mit der Elfe einladen solle, das half zweifelsohne sie auf andere Gedanken zu bringen. Sandy-Mei bestritt vehement, der Elfe verfallen zu sein, sie wolle ihr nur eine Freude machen und außerdem war sie selbst doch bloß eine Holzpuppe. Shila schmunzelte nur und da klopfte es auch schon an der Tür. Draußen stand Enni, die wie besprochen nach Ladenschluss vorbei gekommen war um ihr Kleid und ihre Holzfreundin abzuholen. Shila ließ sie ein, wickelte den letzten Verkauf des Tages ab und verabschiedete die beiden Frauen an der Tür.
In der Dämmerung machten sich die Freundinnen auf den Weg zu Miro und Rina und erzählten einander unterwegs von ihrem Tag. Begeistert davon, dass Sandy-Mei womöglich noch eine weitere Freundin gefunden hatte, wünschte Enni ihr viel Glück bei der Suche und machte ihr Mut, dass die Elfe sicher gut auf die Holzpuppe reagieren würde. In der Wohnung angekommen erfuhr Sandy-Mei, dass ihr Name nicht im Melderegister der Wache zu finden war, was bedeutete, dass sie entweder einen inoffiziellen Weg in die Stadt genommen haben musste oder innerhalb ihrer Mauern geschaffen worden war. Die Hölzerne fragte auch nach der Amethystelfe, doch diese war dem Ehepaar unbekannt. Miro versprach bei nächster Gelegenheit im Register nach elfischen Namen Ausschau zu halten, auch wenn er die Adresse nicht weitergeben konnte. Rina wiederum hatte erfolgreich eine Unterkunft für Sandy-Mei gefunden. Sie konnte nicht in der Taverne unterkommen, denn das Inhaberehepaar wollten die anderen Gäste nicht verängstigen, doch hatten die beiden ihrer Freundin Rina zu liebe ein anderes Mietzimmer angeboten. Beim Einsteigen in die Kutsche verbarg Sandy-Mei ihr Gesicht so gut es ging hinter Schleier und Haaren und so fuhr sie gemeinsam mit Rina zur Unterkunft. Ihre Vermieter wiederum bekam sie nicht zu Gesicht. Die Einzimmerwohnung war ein ausgebautes Dachgeschoss, das in der Stadt lag und leer stand, da dort vorübergehend einige Möbel gelagert wurden. Sandy-Mei bezog das Zimmer dankend und froh den günstigen Preis selbst bezahlen zu können. Der erste Tag des ihr bekannten Lebens war überstanden. Sie war sich nicht sicher, ob sie überhaupt schlafen musste, doch war sie erleichtert eine ruhige Nacht vor sich zu wissen, statt verloren durch die Straßen Windschilds zu irren. Sandy-Mei legte sich auf das Bett, welches wie alle Möbel in dem Zimmer mit einem weißen Laken abgedeckt war und hing ihren Gedanken nach.
Kaum eine Stunde später, als die Holzpuppe noch immer hellwach war, gab sie den Versuch zu ruhen vorerst auf und befasste sich mit der Personenliste, die ihr Rina überreicht hatte. Unter den verdeckten Möbeln, die dem Zimmer die Atmosphäre eines Geisterhauses verliehen, fand sich ein Schreibtisch, dem sie Papier und Kohlestift entnahm. Die Holzpuppe ließ sich am Tisch nieder und begann ihr weiteres Vorgehen zu planen. Sie notierte sich Fragen, welche sie stellen wollte, überlegte bei welchem Namen auf der Liste sie am besten anfing und wie sie den Fremden begegnen könnte, ohne sie das Fürchten zu lehren. So kam sie bald auf den Gedanken sie schriftlich vorzuwarnen, suchte und fand Tinte und Feder und nahm einen neuen Zettel zur Hand, um den ersten Brief zu verfassen. Gerade, als Sandy-Mei konzentriert überlegte, wie sie anfangen sollte, schlug gedämpft eine Standuhr unter einem der Laken. Die lebendige Holzpuppe zuckte zusammen als der erste Glockenschlag in der kleinen Einzimmerwohnung ertönte. Sogleich wurde ihr klar, dass sie sich bloß vor einer Uhr erschrocken hatte. Zur Beruhigung zählte sie die Schläge mit. Es ist also schon Mitternacht, dachte sie, als der zwölfte Glockenschlag erklang. Da sie noch immer keine Müdigkeit verspürte, setzte sie die Schreibfeder auf das Briefpapier und die Uhr schlug Dreizehn. Wie erstarrt hielt Sandy-Mei inne. Hatte sie sich verzählt? War die Uhr kaputt? Einige Sekunden verstrichen, ehe sie sich eine Närrin schalt, zögernd aufstand und zur verhangenen Standuhr trat. Vorsichtig zog sie den weißen Stoff herab und ließ ihn zu Boden fallen. Die Uhr war etwas größer als ein stattlicher ausgewachsener Menschenmann und aus tiefschwarzem Holz gefertigt. Die Frontwand zeigte aufwendig verzierte Symbole in silberner Färbung, die wie unbekannte Schriftzeichen anmuteten. Sandy-Mei starrte auf das Ziffernblatt, es zeigte ein Uhr Morgens.
Tief im Wald saß ein graziles Wesen inmitten eines kreisrunden Feenrings aus weißen Rundpilzen. Die junge Frau hatte die Gestalt eines Menschen, doch trug sie durchschimmernde weiße Schmetterlingsflügel an ihrem Rücken. Von Haut bis Haar war sie ebenso Schneefarben wie die Pilze, die sie umgaben. Selbst die schmalen und doch geschwungenen Lippen, die langen, dichten Wimpern und die mandelförmigen Augen erstrahlten in reinem Weiß und verliehen ihr eine unwirkliche Schönheit, die sich mit den Elfenvölkern messen konnte. Mutlos hielt die Frau ihre Schultern gesenkt und die Tränen, die ihre Wangen hinabrannen, funkelten im Mondlicht wie Diamanten. In ihren zu einer Schale geformten Händen lag ein kleiner stiller See eben jener Tränen. Die Oberfläche des Tränensees zeigte die Holzpuppe, die vor der schwarzen Uhr stand. Die geisterhafte Frau fragte sich, wie all das nur hatte geschehen können und sie wusste, dass sie würde verhindern müssen, dass sich die Holzfrau und die Amethystelfe jemals wieder sahen.
Kapitel 05: Dunkle Folianten
Auch die restliche Nacht tat Sandy-Mei kein Auge zu. Es stellte sich bald heraus, dass sie nicht nur nicht schlafen musste, sondern es auch nicht konnte. Doch hätte sie in dieser Nacht vermutlich ohnehin keine Ruhe gefunden. Die Briefe und die Gedanken um ihre Pläne und die Elfe hielten sie beschäftigt und auch das gespenstige Erlebnis mit der Uhr hatte sie aufgewühlt. Als der Morgen graute, legte Sandy-Mei ihren himmelblauen Mundschleier an und zog ihr fülliges Lockenhaar an den Wangen tiefer ins Gesicht, sodass unter dem Schatten des langen Ponys bloß noch ein schmaler Streifen um die Augen frei blieb. In der Hoffnung, dass die Illusion ebenso gut gelingen würde, wie beim kurzen Betreten und Verlassen der Kutsche am Abend zuvor, begab sie sich auf den Weg zu ihrer neuen Arbeitsstelle. Unterwegs warf sie die Briefe in einen Postkasten, die sie des Nachts geschrieben hatte. Erleichtert stellte sie fest, dass ihr die Menschen auf den Straßen zwar noch immer Blicke zuwarfen, doch waren diese nun eher verwundert bis neugierig was es mit dem Schleier auf sich hatte, statt wie zuvor zu großen Teilen von Furcht oder gar Hass erfüllt. Allem Anschein nach reichten die Vorkehrungen aus, sodass man sie nicht sofort als eine Holzpuppe erkannte.
In den kommenden Tagen stellte sich heraus, dass Sandy-Mei das Schneiderhandwerk tatsächlich hervorragend beherrschte und so handelte sie mit Shila eine neue Arbeitseinteilung aus. Da die Holzpuppe ohnehin nicht schlafen konnte, erhielt sie einen Schlüssel zur Schneiderei und arbeitete oftmals bereits in der Nacht oder den frühen Morgenstunden vor der Ladeneröffnung an kleineren Aufträgen wie Größenänderungen oder dem Auswechseln von Knopfmodellen. Manches Mal kam sie gar in den Genuss, eine von Shilas individuellen Kreationen nachzuschneidern, wenn der Besitzer des Originals es wünschte, denn Shila gab das selbe Modell niemals an unterschiedliche Personen aus um ihre Exklusivität zu wahren. Den Rest des Arbeitstages spielte Sandy-Mei die Kunden anziehende Schaufensterpuppe in immer neuen Gewändern und Posen. Abgesehen vom Wochenende am Neunt- und Zehnttag hatte sie nun auch am Achttag frei und diesen nutzte sie, um die Personen auf der Liste zu besuchen und auf diese Weise ihre ungewöhnliche Existenz zu ergründen.
Anfangs hatte sie noch versucht die Amethystelfe ausfindig zu machen, doch Miro konnte nur zwei Elfennamen in Stadtregister ausmachen. Nachdem Sandy-Mei, verborgen unter ihrem Schleier, einige Erkundungen eingeholt hatte, stellte sich heraus, dass es sich bei dem einen um einen männlichen Namen und bei dem anderen um eine Bernsteinelfe handelte. Weitere legal eingereiste Personen mit elfischem Namen sollte es in der Stadt nicht geben. Auch Shila hatte kein Glück gehabt. Sie hatte sich in den hohen Kreisen, in welchen sie verkehrte, nach der Feierlichkeit erkundigt. Eine Veranstaltung, bei der eine Amethystelfe auftreten sollte, war jedoch niemandem bekannt gewesen. Vermutlich hatte die Elfe die Stelle letztlich doch nicht annehmen können und so war es unmöglich herauszufinden, welches der vielzähligen Feste des Adels jenes gewesen wäre und wer der unbekannte Edelmann war, der die Tänzerin kennen dürfte. Sandy-Mei war zwar niedergeschlagen, da sie die Tänzerin nicht finden konnte, doch immerhin fand sie sich allmählich in ihrem neuen Leben zurecht. Selbst die Standuhr in ihrem Zimmer bereitete ihr kein Unbehagen mehr, denn sie fand schnell heraus, dass diese tatsächlich kaputt war. Der Stundenzeiger sprang jedes Mal um Mitternacht auf ein Uhr Nachts vor und so kam es dazu, dass die Uhr nach dem zwölften Glockenschlag noch ein weiteres Mal schlug und man insgesamt auf dreizehn Schläge kam. Mit der Zeit irritierte es sie gar, wenn sie die Tage am Wochenende ab und an bis spät in die Nacht mit ihren neuen Freunden verbrachte und die Uhren dort bloß zwölf mal schlugen.
Nachdem die ersten Antworten auf Sandy-Meis Briefe eingetroffen waren und sie einige Münzen hatte ansparen können, machte sie sich an einem freien Achttag auf den Weg zum Buchladen nahe Miros und Rinas Wohnung. Der Inhaber Benesk hatte ihr eine seltsame Antwort geschickt, doch dies war nicht allzu verwunderlich, denn es passte dazu, wie Rina den Sonderling beschrieben und es auch in ihrer Notiz auf dem Zettel vermerkt hatte. Der Mann hatte nichts weiter als ein vergilbtes Lesezeichen in den Umschlag gesteckt, auf welchem ein einzelner Satz stand: „Lasst uns sehen, aus welchem Buch die Holzpuppe entflohen ist.“ Sandy-Mei vermochte nicht zu sagen, ob dies ein Scherz sein sollte, oder ob der – wohl schon ältere – Herr nicht verstanden hatte, dass es sich um eine echte lebende Holzpuppe handelte und sie selbst diese Puppe war. Dennoch hatte sie beschlossen, dass sie den Besuch ohne weitere Umwege wagen wollte, hinter ihrem Schleier würde sich gewiss noch die Gelegenheit ergeben, den Buchhändler erneut vorzuwarnen.
Der Laden war nicht schwer zu finden. Das typische wandhohe Schaufenster im Erdgeschoss eines der allgegenwärtigen Reihenhäuser war von oben bis unten in ein Bücherregal hinter Glas verwandelt worden. Dabei standen ausnahmslos alle Bücher falsch herum auf den Regalbrettern, sodass man statt der Titel auf den Bücherrücken bloß die zusammengepressten Papierseiten zu sehen bekam. Auf dem länglichen Schild über der Tür war im Profil ein Drachenkopf abgebildet, der wild durcheinander gewürfelte Buchstaben ausspie. Der Name, den die Buchstaben bildeten – Bücherwyrms Hort – ließ sich selbst, wenn man ihn kannte nur unter Mühen zusammen setzen. Drinnen schien trotz zugestelltem Fenster kein Licht zu brennen und Sandy-Mei befürchtete schon, dass geschlossen war. Als sie die Klinke herabdrückte, öffnete sich die Tür jedoch ohne Weiteres und ließ sie ein. Im Raum war es staubig und dunkel, denn das einzige Licht, das hinein fiel, bahnte sich seinen Weg über die unterschiedlich hohen Bücher im Fensterregal. Von drinnen betrachtet standen die Bücher nun immerhin richtig herum. Direkt vor Sandy-Meis Nase befand sich das nächste Bücherregal, das bis unter die Decke reichte und so zog sich in schiefen Winkeln ein ganzes Labyrinth aus Büchergängen in die unbestimmbare Tiefe des Raumes. Kein Wandstück blieb frei und selbst auf dem Türrahmen und den schrägen Stützbalken des Raumes sammelte sich der Lesestoff.
Über dem Eingang befand sich kein Glöckchen, das Kundschaft ankündigte und auch die Tür selbst hatte sich nahezu lautlos geöffnet. Dennoch ertönte wie aus weiter Ferne die kratzige und erstaunlich gut zu verstehende Stimme eines alten Mannes, noch ehe die Tür ins Schloss fiel. „Aha, Sandy-Mei ist da. Komm rein, komm rein, was darf es sein?“ reimte der Buchhändler in verschmitztem Tonfall. „H-Hallo.“ sprach die Holzpuppe etwas zu leise und wunderte sich, woher er wusste, dass sie es war. Suchend bewegte sie sich durch die Gänge in Richtung der Stimme. Immerhin wurden das Labyrinth von Kristalllampen in ein schwaches Licht getaucht, die man aufgrund der deckenhohen Regalwände von außen nicht hatte sehen können. Zunächst erhielt sie keine weitere Antwort und schon nach wenigen Abzweigungen der schrägen Büchergänge wusste sie nicht mehr, aus welcher Richtung die Stimme eigentlich gekommen war, hatte sie es überhaupt gewusst? „Hallo? Wo sind Sie?“ rief sie etwas lauter. Da trat Benesk hinter einer der Regalwände hervor. „Mal hier, mal dort und meistens fort,“ reimte er und grinste die Holzpuppe breit an. Wie er da so stand, gebeugt mit tiefen Altersfurchen in der ledrigen Haut, hatte er tatsächlich etwas von einem uralten Drachen, allerdings wirkte er mit dem Grinsen nicht sonderlich ehrfürchtig. Dennoch erschien der Laden Sandy-Mei für einen Moment wie sein dunkler Hort, in welchem er jederzeit überall wie aus dem Nichts auftauchen konnte, nur dass er Bücher statt Gold seinen Schatz nannte. „I-Ich wollte mich über die Hexenholz-Geschichten erkundigen.“ stammelte die Holzpuppe hinter ihrem Mundschleier. „Hexenholz? Neumodische Gruselgeschichten für den Pöbel. Jene Rätselspiele haben gewiss nichts mit Ihrem Problem zu tun.“ Sandy-Mei war nicht sicher, ob Benesk die hochnäsige Attitüde bloß nachäffte, aber immerhin hatte er aufgehört zu reimen.
„Sie haben keine Angst?“ fragte sie.
„Vor Ihnen? Gewiss nicht, Gnädigste.“ grinste er immer noch.
„Hätten Sie trotzdem ein paar Hexenholz-Geschichten, die grob passen?“
„Hätte ich, doch kann ich weit besseres anbieten. Das werte Fräulein möge mir bitte folgen.“
Sandy-Mei tat wie geheißen und blieb dicht hinter dem Ladenbesitzer, während dieser im Vorbeigehen hier und dort ein Buch aus den Regalen zog. Ein jedes Mal nannte er den Titel ohne auch nur einen Blick darauf zu werfen und reichte es der Holzpuppe. Die Titel stimmten ausnahmslos und ein jedes der Werke hatte etwas mit Holz und Magie oder Hexerei zu schaffen, selbst wenn es nicht bei allen gleich ersichtlich war. Sandy-Mei bekam den Eindruck, als ob Benesk nicht nur jeden Standort und Titel der unzähligen Werke in seinem Laden auswendig kannte, sondern auch deren Inhalt. Als die beiden seltsamen Erscheinungen den letzten Regalgang hinter sich ließen, trug Sandy-Mei einen beachtlichen Stapel Bücher in den nach unten gestreckten Armen, über den sie so gerade noch blicken konnte. Immerhin das Gewicht bereitete dem hölzernen Körper keinerlei Schwierigkeiten. Hier, in der hintersten Ecke des Ladens, standen umringt von Bücherwänden ein einzelner gemütlicher Sessel und ein kleiner Beistelltisch. Auf dem Tisch fanden sich ein Geldkästchen und ein aufgeschlagenes Buch. Der Verkaufsbereich diente wohl vorwiegend als Leseecke für den alten Mann. Sandy-Mei musste daran denken, wie Shila die Wartezeiten in der Schneiderei ebenfalls oft mit einem Buch verbrachte, solch ein Ort würde ihr sicher gefallen. Benesk deutete mit geöffneter Handfläche auf das Tischchen und Sandy-Mei stellte die Bücher darauf ab. Der Buchhändler verkündete, dass er nun noch die Hexenholz-Geschichten heraussuchen wolle und trat an die Regalwand hinter dem Sessel. Ebenso zielstrebig wie zuvor griff er ein dünnes Heftchen nach dem anderen aus der Sammlung, doch es schienen einige zu sein und so blätterte Sandy-Mei durch das zu oberst liegenden Buch auf ihrem Stapel. Es befasste sich mit unterschiedlichen Holzgötzen und ihren magischen Funktionen. Auf den Seiten fanden sich sehr realistisch gezeichnete Bilder der hölzernen Figuren, die verschiedene Tiere, Fabelwesen und undefinierbarer Monster darstellten. Die Größen der Holzfiguren reichten von kleinen Anhängern bis hin zu ganzen Statuen. Ohne den Text sonderlich zu beachten sah sich die Puppe die Bilder an, doch keines davon zeigte auch nur eine annähernd menschliche Gestalt, wie ihre eigene.
Plötzlich, als Sandy-Mei eines der gut gezeichneten Bilder länger bewunderte, glaubte sie eine Bewegung auf dem Papier zu sehen. Verwirrt schüttelte sie den Kopf und sah noch einmal genauer hin. Die in Grautönen gezeichnete Holzfigur eines Bärenkopfes an einer Kettenöse lag vollkommen unbewegt vor ihr auf das weiße Papier gebannt. Sandy-Mei schob die Einbildung schon auf das diesige Licht der Kristalle, als ein ringförmiger Schatten über die Seite huschte, der sich in der Mitte zusammenzog, als habe man einen Stein in Wasser fallen lassen und die Zeit rückwärts abgespielt. Sandy-Mei blinzelte, da floss ein weiterer runder Schatten in die Mitte des Bärenbildes und bald darauf noch einer. Die Holzpuppe betrachtete das Spektakel mit einer Mischung aus Vorsicht und Neugierde und so sah sie, wie die Wellen in immer kürzeren Abständen kamen, bis sich der gezeichnete Bärenkopf aus der Seite hervor wölbte. Sandy-Mei machte sich schon bereit, das Buch zuzuschlagen, sollte sich der Tintenkopf weit genug aus der Seite lösen um nach ihr zu schnappen, doch da hörte er auf hervorzuwachsen und öffnete leicht das Maul. Nicht um die Betrachterin anzugreifen, sondern um zu sprechen. Was zu hören war, hatte nichts mit einem Bären gemein. Hunderte beinahe tonlose Stimmen hallten bis in den letzten Gang des verwinkelten Buchladens. Ein schattenhafter unnatürlich lauter Flüsterschwall der von überall zu kommen schien, und was die Stimmen sprachen war kaum weniger verstörend: „Hüte dich vor der Hexe, die die Geisterstunde stiehlt!“ Ein Pulsieren ging durch das Buch und in der nächsten Sekunde lag es vollkommen unscheinbar auf dem Stapel. Der geschnitzte Bärenkopf nichts weiter als eine flache Zeichnung und auch von den Schatten war keine Spur mehr auszumachen. Mit weit aufgerissenen Puppenaugen sah Sandy-Mei zum Buchhändler, doch dieser nahm seelenruhig die letzten Hefte aus dem Regal, trug sie zum Beistelltisch und legte sie neben den hohen Bücherstapel.
„Ihr habt Eure Lektüre bereits begonnen, vorbildlich.“ stellte er fest, als er das offenen Buch sah.
„Haben… Haben Sie die Stimmen nicht gehört?“
„Ich fürchte nicht, in meinem Alter hört man nicht mehr so gut. Was sagten sie?“
„Das… ach, nichts weiter.“
Die hallenden Schattenstimmen waren weit lauter gewesen als die Unterhaltung der beiden und Sandy-Mei wurde unbehaglicher Weise klar, dass nur sie die Worte hatte vernehmen können. Auf ihre Nachfrage hin versicherte Benesk, dass keines seiner Bücher magisch sei und so kaufte Sandy-Mei alle empfohlenen Werke und die Hexenholz-Hefte. Insgesamt kostete sie dies beinahe ihr gesamtes Erspartes und sie schätzte sich glücklich, dass die Miete für das günstige Möbellager unterm Dach ihre einzige regelmäßige Ausgabe darstellte. Der Buchhändler geleitete Sandy-Mei schweigend zurück zum Eingang, während die Holzpuppe über den furchteinflößenden Vorfall mit den Stimmen nachdachte. Dem Buchhändler gegenüber verlor sie kein weiteres Wort darüber, denn sie wollte nicht, dass er sie für verrückt hielt. „Vielen Dank für Ihre Hilfe, werter Benesk,“ versuchte sich Sandy-Mei zum Abschied etwas an das Sprachbild des alten Mannes anzupassen. Der jedoch schnalzte nur mit der Zunge und ließ einen dreckigen Seemansdialekt hören, als er grinsend in die nächste Rolle schlüpfte, die ihm gerade in den Sinn kam: „Eenfach nur Ben, Kleenes. Und nu’ mach dich schon fort.“ Sandy-Mei brachte vor Verwirrung bloß ein Nicken zustande und verließ den Laden. Ein wahrlich komischer Kauz.
Benesk sah der seltsamen Frau nach, bis ihm die zufallende Tür die Sicht versperrte. Er überlegte, ob er wohl ein Glöckchen über dem Rahmen anbringen lassen sollte. Das hereinfallende Licht beim Öffnen der Tür reichte zwar aus um Kundschaft anzukündigen, doch vielleicht würde der Buchladen so etwas einladender wirken und er bekäme weniger selten Besuch, seit Wochen war Sandy-Mei, wie sie sich in ihrem Brief genannt hatte, die erste Kundin gewesen. Dass der Laden von außen wirkte, als habe er nie geöffnet und auch die umgedrehten Bücher nicht allzu einladend wirkten, war dem Büchernarr nicht bewusst. Eine seltsame Frau, dachte er bei sich. Sie schien ihm recht unsicher und weshalb sie fürchtete er könne Angst vor ihr haben, erschloss sich ihm nicht. Bloß weil sie ihr Gesicht hinter einem Schleier verbarg? Und weshalb hatte sie ihm überhaupt von dieser lebendigen Holzpuppe berichtet, wo sie ihm das magische Kinderspielzeug nun doch nicht einmal gezeigt hatte? Vielleicht hätte er nachfragen sollen, etwas neugierig war er ja schon gewesen, doch die Frau schien ohnehin etwas verwirrt. Die angebliche lebende Puppe existierte vermutlich nicht einmal und seine Imitationen bekannter Buchcharaktere hatte sie anscheinend auch nicht erkannt. Er fragte sich, was das wohl für Stimmen waren, die sie geglaubt hatte zu hören, etwas aufgewühlt hatte die Kundin schon gewirkt. Vielleicht hatte sie sich auch das eingebildet, immerhin hatte er die Bücherregale wegen seines nachlassenden Gehörs extra so verzaubern und aufstellen lassen, dass sie Geräusche reflektierten und verstärkten. Weshalb bloß hatte sie immer wieder zu dem geöffneten Buch gesehen? Das erinnerte Benesk an eine Geschichte, die er vor Jahrzehnten einmal gelesen hatte. Darin tauchten Tintenprophezeiungen auf, die sich in einem beliebigen Schriftstück zu manifestieren vermochten, solange sich dieses mit vielen anderen Büchern an einem Ort befand. Die Prophezeiungen in dieser Geschichte konnten von niemandem gehört werden, außer von der Person für die sie bestimmt waren. Da fiel ihm ein, dass er ja mitten aus einem spannenden Buch gerissen worden war. Der alte Mann zuckte die Schultern und schlurfte zurück zu seinem Sessel. Dort tauchte er in die Welt der Worte ein, in der die wahrhaft magischen Dinge geschahen, weit magischer jedenfalls als ausgedachte lebendige Puppen, nicht existierende Stimmen oder sein Alltag.
Vorsichtig balancierte Sandy-Mei den Stapel Bücher und Hefte zur nahegelegenen Wohnung von Miro und Rina. Den Blick hatte sie dabei auf ihre Schritte geheftet, denn nun konnte sie nicht mehr über den Stapel sehen. Wie sie wusste sollte das Ehepaar an diesem Tag nach einem gemeinsamen Wochenausflug bereits zurück gekehrt sein. Es stellte sich heraus, dass Rina ausgeflogenen war um noch vor dem Wochenende Liegengebliebenes zu erledigen. Ihr Mann Miro war jedoch zuhause und so teilten er und Sandy-Mei den Stapel untereinander auf und fuhren zur Dachzimmerwohnung. In der Kutsche sprachen sie über dies und das und lachten gemeinsam über die einmaligen Erlebnisse, die man erfuhr, wenn man mit dem alten Benesk zu tun bekam. Als der Lesestoff abgeladen war rang sich Sandy-Mei schließlich dazu durch von dem schaurigen Erlebnis in Bücherwyrms Hort zu berichten. Möglichst genau beschrieb sie die schattenhaften Stimmen, die aus dem Buch zu ihr gesprochen hatten und widerholte die Warnung Wort für Wort. Die beiden sahen sich das Werk noch einmal genau an, doch es blieb ein ganz gewöhnliches Buch. Sie rätselten gemeinsam, wie die Stimmen zustande gekommen sein konnten und was die Warnung zu bedeuten hatte. Gewiss hatte Sandy-Mei sobald sie sich vom ersten Schreck erholt hatte an die kaputte Standuhr denken müssen, die Nachts um zwölf auf ein Uhr sprang, doch sie hatte bereits mehrere Abende mit ihren neuen Freunden verbracht, die über die Geisterstunde hinausgingen und wusste, dass die Stunde nicht verloren ging. Den beiden fielen nur zwei mögliche Erklärungen ein. Entweder war die Warnung eine Lüge, denn konnte man einem Tintenbären trauen? Oder die Standuhr hatte etwas mit der gestohlen Zeit zu tun. Miro schlug vor, die Uhr zur Sicherheit los zu werden und bot an mit dem Vermieterehepaar zu sprechen. Sandy-Mei nahm dankend an. Sie wollte sich sogleich in ihre Lektüre stürzen und so machte sich Miro bald wieder auf den Heimweg.
Den restlichen Tag verbrachte Sandy-Mei lesend, bis die Standuhr tatsächlich am Abend von zwei muskelbepackten Handwerkern abgeholt wurde. Das Ehepaar vom Gasthaus war recht abergläubisch und hatte sich der Holzpuppe noch kein einziges Mal vorgestellt. Die Handwerker machten sich lautstark über das Paar lustig und so erfuhr die verschleierten Holzpuppe, dass die Standuhr verbrannt werden sollte, denn die Besitzer fürchteten böse Hexerei. Sandy-Mei war froh, dass sie vorausschauend das Licht in ihrer Wohnung gedimmt und sich so gut es ging hinter Schleier und Haaren versteckt hatte. Sie fragte sich, ob es womöglich ihre Anwesenheit war, die einen Fluch über die Uhr verhangen hatte, doch selbst wenn dies wahr sein sollte, wusste sie nicht, was sie deswegen unternehmen konnte. Die getarnte Holzpuppe gab den Männern das Buch über die Götzen mit und bat sie dieses ebenfalls zu verbrennen. Sandy-Mei hatte es als erstes studiert und nichts darin gefunden, das auch nur im entferntesten mit ihrem Zustand zusammenzuhängen schien. Trotz eingehende Untersuchung machte ihr das Werk zudem noch immer Angst und so war sie froh es mitsamt der Uhr los zu werden. Sie konnte das Gasthausehepaar sehr gut verstehen, waren die Gegenstände nun verflucht oder nicht. Sandy Mei verabschiedete die Möbelpacker freundlich und bereute es ein wenig, dass sie den beiden keine Getränke anbieten konnte. Andererseits war es gut, wenn sie schnell wieder verschwanden.
Kapitel 06: Magische Zahnräder
Das Wochenende und die freie Zeit der folgenden Woche nutzte Sandy-Mei vorwiegend, um sich durch die Bücher zu arbeiten, bis ihr nächster freier Achttag anstand. Dieses Mal hatte sie per Briefwechsel ein Treffen mit den beiden Forschern vereinbart. Tüftel und Brand wie die beiden sowohl sich selbst als auch ihre Werkstatt nannten, hatten sich mehrfach zurück gemeldet, denn sie konnten es kaum erwarten das hölzerne Wunderwerk zu Gesicht zu bekommen. Rina hatte auf ihrem Zettel vermerkt, dass sie keinen der beiden kannte und bei einem Treffen dabei sein wolle, um sicher zu gehen, dass ihre Freundin nicht wie ein Versuchsobjekt behandelt oder gar auseinander genommen wurde. Sie wusste nur deshalb von den Forschern, da ihre Erfindungen stadtbekannt waren und man in der Zeitung ab und an von Explosionen und anderen Missgeschicken in Verbindung mit der Werkstatt las.
Am Vormittag standen die beiden Freundinnen, wie mit den Forschern vereinbart, vor dem steinernen Gebäude. Das festhallengroße Haus hatte dicke Wände und war mit etwas Abstand vor die Innenseite der Stadtmauer gebaut worden. Die nächsten mehrstöckigen Reihenhäuser begannen in beide Richtungen erst an die zwanzig Meter entfernt. So stand die Werkstatt ganz für sich allein, eine Seltenheit im dicht bebauten Windschild und vermutlich eine nötige Sicherheitsvorkehrung. Hoch oben über dem Doppelflügeltor, das mehrere Meter maß, nahmen große metallene Lettern die gesamte Breite der Frontwand ein. In Großbuchstaben verkündeten sie den Namen der Werkstatt: TÜFTEL & BRAND, sie war nicht zu verfehlen gewesen. In eine der beiden Flügel des riesigen Tores war eine Tür durchschnittlicher Größe eingelassen, im Mauerwerk daneben ein handflächengroßer roter Knopf. Durch das dicke Tor drangen gedämpft dumpfe Schläge, metallenes Kreischen, und andere undefinierbare Geräusche nach außen. Anzuklopfen hatte keinerlei Zweck und so drückte Rina den Knopf unter etwas Anstrengung ein. Für ihre starke Holzfreundin wäre es gewiss ein leichtes gewesen, doch war sie ihr zuvor gekommen. Im Inneren ertönte eine schrille Sirene, kurz darauf verstummte der Lärm und bald öffnete sich die kleine Tür im großen Tor.
Vor den Besucherinnen stand eine untersetzte Frau mit knallblauen Haaren. Die gewellte Pracht wurde von einem breiten metallenen Stirnreif zurück gehalten, der zugleich eine Art Brille war. Klapp- und verschiebbare bunte Gläser und Lupen standen von dem Reif ab. Zudem wurde er von zahlreichen Stellschrauben, Knöpfen und einer Antenne verziert. Die Frau klappte die Gläser, welche ihre Augen verbargen nach oben und klatschte freudig in die Hände. „Hallöchen! Ihr müsst Sandy-Mei und Rina sein, ich bin Tüftel, das ist natürlich ein Spitzname. Ist das denn schon so weit?“ fragte sie mit auffallend heller und lauter Stimme. Dann drehte sie eines der Gläser zur Seite und klappte es vor ihr linkes Auge, es war eine durchscheinende Uhr, von außen spiegelverkehrt. „Oh ja!“ stellte sie fest und brachte die gläserne Uhr wieder an ihren ursprünglichen Platz. „Dann kommt mal rein!“ Tüftel schob die Tür weiter auf und hielt sie den Besucherinnen offen. Diese bedankten sich und traten ein.
Die Werkstatt erwies sich als ein einzelner riesiger Raum, der weiter oben mit einer rundherum führenden Galerie versehen war, die man über eine Treppe erreichen konnte. Drinnen war es taghell. Neben Hebevorrichtungen hingen große Kristalllampen an langen Seilen von oben herab und beleuchteten jeden Winkel. Die Seile führten an der hohen Decke zur Wand und dann weiter hinab zu Winden, mit denen man die Höhe verstellen konnte. Mit den von der Decke herabhängenden Gerätschaften verhielt es sich ebenso. Auch wenn die lärmenden Maschinen und Werkzeuge mit der Generalschaltung ausgestellt worden waren, war es in dem großen hallenden Raum alles andere als still. Überall tickte, zischte oder klapperte irgendetwas und auf dem Boden fuhren unzählige kleine bis mittelgroße Roboter umher, die Arbeiten verrichteten. Einer schien den Boden sauber zu halten, ein anderer Schrauben und Zahnräder zu sortieren und der weiteren. Tüftel führte die beiden Gäste im Slalomlauf um die fleißigen Helfer herum zu einem Tisch. Erst jetzt bemerkten sie, dass dort ein weißhaariger Mann im späten mittleren Alter saß. Er schien nahezu regungslos, sagte nichts und fixierte bloß die verschleierte Holzpuppe. „Setzt euch doch,“ lud Tüftel die beiden ein. Rina und Sandy-Mei nickten bloß, während sie die magisch-mechanischen Wunderwerke bestaunten und alle drei nahmen Platz.
„Das ist übrigens Brand, ach steht ja draußen,“ stellte sie ihren Kollegen vor, der sagte noch immer nichts.
„Auch ein Spitzname?“ fragte Rina in der Hoffnung sein Schweigen zu brechen.
„Nein,“ antwortet der bloß trocken.
„Es ist sein Nachname,“ erklärte Tüftel und stieß Brand sacht gegen den Oberarm. „Sei doch nich’ immer so wortkarg.“
„Willkommen,“ Brand nickte den Besucherinnen zu.
„Naja, ein Anfang. Er ist jedenfalls für die Werkstoffmagie zuständig und ich für das Mechanische. Dann erzählt doch mal,“ forderte Tüftel die beiden auf.
Auf ihre schüchterne Art berichtete Sandy-Mei mit Rinas Unterstützung alles, was sie über sich wusste und in ihrem Alltag hatte herausfinden können. In Benesks Büchern hatte sie bislang nur einen Erwähnung gefunden, die passte. Dort war die Rede von weißem Holz, welches die magische Eigenschaft besaß Gefühle speichern zu können. Die Beschreibung passte sowohl farblich als entfernt auch von der Eigenschaft her, denn sie war zweifelsohne eine eigenständige Person samt Wünschen, Ängsten und allen weiteren Gefühlen. Selbst die Illusion körperlicher Reaktionen war dem ansonsten gefühllosen Holzkörper durch Emotionen möglich. Das Buch war sehr alt und zerfiel schon fast und tatsächlich bezeichnete es das magische weiße Holz als Hexenholz. Ebenso, wie die schaurigen Rätselspiele, deren Bekanntheit ihr so große Probleme bereitete. Mehr stand jedoch nicht darin.
Sandy-Mei fragte ob die beiden Forscher eine Idee hätten, wer sie erschaffen haben könnte. Tüftel wusste niemanden und auch Brand schüttelte den Kopf. In jeden Fall konnte die Erfinderin versichern, dass sie nicht hier gebaut worden war und nichts weiter tun als eine Untersuchung anzubieten. Sandy-Mei willigte ein und zog sich wie gewünscht bis auf die Unterwäsche aus. Sie wunderte sich, weshalb ihr dies unangenehm war, denn ihr Körper bestand doch bloß aus Holz. So oder so war es ihr wichtiger der Lösung des Rätsels näher zu kommen, als auf ihre Scharm Acht zu geben. Unter Rinas wachsamen Blicken sah sich Tüftel das Holzwesen genauestens an. Sie teste Reflexe und Augenbewegungen, die nahezu menschlich waren. Dann nahm sie ein Abhörgerät zur Hand um lauschte, während sie den Körper von oben bis unten abklopfte. Sie bestätigte Sandy-Meis Vermutung, dass sie aus vergleichsweise leichtem aber massivem Holz bestand. Auch konnte Tüftel mit dem Gerät hören, dass Sandy-Meis Stimme im Hals entstand, obwohl sie keine Stimmbänder besaß. Mit einer dünnen stiftförmigen Lupe samt Beleuchtung blickte Tüftel zwischen die Holzelemente, eine sichtbare mechanische Verbindung gab es nicht. Sie vermutete, dass eine Energieverbindung wie ein besonders starker Magnetismus alles zusammen hielt und beendete ihre Untersuchung. Sandy-Mei war erleichtert sich wieder ankleiden zu können und man nahmen erneut am Tisch platz. Die Holzpuppe fragt, was all dies nun zu bedeuten habe und überraschender Weise war es Brand, der das Wort ergriff.
„Es bedeutet, dass Ihr mit alter Magie geschaffen worden seid. Eine seit Jahrtausenden verloren gegangene Kunst. Eine lebendige Holzpuppe zu erschaffen wäre mit unserer heutigen Werkstoffmagie definitiv möglich, doch in keinem Fall könnte diese Puppe einen eigenen Willen besitzen, wie Ihr es uns heute bewiesen habt.“
Weder Rina noch Sandy-Mei verstanden etwas von Magie, ob alt oder neu. Denn um in einem Haus zu wohnen, das ohne Steinmagie niemals so hoch hätte errichtet werden können, oder um eine magische Kristalllampe ein und aus zu schalten, musste man nicht wissen, wie diese hergestellt worden waren. Immerhin die Existenz der Werkstoffmagie war einem jeden Menschen bekannt, doch hier ging es um alte Magie, von der beide noch nie gehört hatten und so fragte Sandy-Mei nach, was es damit auf sich habe und Brand erklärte.
„Es ist nicht viel bekannt. Die wenigen Aufzeichnungen die sich wiederum auf längst verlorene Aufzeichnungen beziehen, sprechen von einer unbekannten und untergegangenen Zivilisation, welche Magie ohne Werkstoffe wirken konnte. Dieses Volk soll allein mit ihren Körpern gezaubert haben, als zögen sie die Energie dafür direkt aus der Luft. Nach den acht alten Magieschulen, von denen wir mit unserer heutigen Werkstoffmagie nur noch ein paar nutzen können, wäre es möglich, dass Ihr samt Eurer Persönlichkeit aus dem Nichts beschworen wurdet, weshalb Ihr Euch an kein Davor erinnern könnt. Es wäre auch möglich, dass ihr eine Menschenfrau wart, die verwandelt und per Verzauberung ihrer Erinnerung beraubt wurde. Ebenso könntet Ihr selbst aus jener längst vergangenen Zeit stammen und dies ist Eure natürliche Erscheinung. Etwas könnte Euch aus einer Art Starre befreit haben doch Euer Volk existiert nicht mehr. In jeden Fall ist sich die Forschung sicher, dass sich die Welt seit jener Zeit verändert hat und solche Magie physikalisch nicht mehr möglich ist. Aus diesen Grund konnte sie auch nie neu erfunden werden. Heute ist es uns bloß noch möglich Materialien zu bearbeiten, denn in diesen steckt noch die Magie der alten Welt. Entweder hat irgendjemand da draußen herausgefunden, wie man die alte Magie dennoch anwendet, oder aber Ihr seid selbst eine Überlebende jenes mystischen Volkes, über das so gut wie nichts bekannt ist. Beides scheint mir gleichermaßen unmöglich, doch das sind die einzigen Erklärungen, die ich habe.“
Sandy-Mei war überwältigt von den wunderlichen Möglichkeiten, die dazu geführt haben könnten, dass sie nun hier saß und lebendig war. Die Holzfrau sah sich nun bloß weit mehr Fragen gegenüber und Tüftel und Brand beantworteten diese, so gut sie konnten. Das Ergebnis blieb jedoch das selbe. Es war unmöglich herauszufinden, welche der Entstehungsgeschichte der Wahrheit entsprach ohne die alte Magie zu beherrschen und eine jede von ihnen war nur mit selbiger Magie zu erklären. Zum Schluss bat Brand noch um zweierlei. Zum einen erhoffte er sich ein Stück Holz von Sandy-Mei um jenes zu untersuchen, denn natürlich war er selbst über alle Maßen an dem Thema interessiert. Rina protestierte lautstark, doch Sandy-Mei war bereit ihm ein paar gehobelte Späne von ihrer Ferse zu überlassen, die selbst einem Menschen kaum geschadet hätten. Tüftel löste die Holzflocken mit entsprechendem Werkzeug und übergab sie ihrem Kollegen in einem verschlossenen Glasbehälter. Seine zweite Bitte betraf die als Hexe bezeichnete Magierin. Sollte diese wirklich existieren wünschte er sie kennen zu lernen, denn die alte Magie könne ein Problem lösen, an welchem er und Tüftel schon viele Jahre arbeiteten.
Rina und Sandy-Mei erfuhren, dass die beiden an einer Möglichkeit forschten um vermisste Personen aufzuspüren. Mit der Werkstoffmagie hatten sie bislang bloß Schmuckstücke entwickeln können, die man mit einem dazugehörigen Edelstein in einem kleinen Radius aufspüren konnte. Mit der reinen Weissagung der alten Magie, wäre es ein Leichtes Vermisste auch ohne den Schmuck und so gut wie überall aufzuspüren. Sandy-Mei fragte, weshalb sie dieses Projekt schon so lange verfolgten und Tüftel berichtete, dass es leider nicht selten geschah, dass in einer Stadt mit mehreren hunderttausend Einwohnern ab und an Menschen verschwanden. Die Erfindung würde vielen helfen. Sie gab außerdem zu, dass vor allem auch ein persönliches Interesse bestand, denn auch ihre Schwester zählte zu jenen vermissten Personen. Ihre Schwester war eine zurückgezogene Person gewesen und wurde bereits seit Jahren vermisst. Dennoch würde sie die Suche niemals aufgeben können bis sie Gewissheit habe. Die sonst so lebensfrohe Frau konnte ihre Tränen nur unter Mühen zurückhalten. Rina und Sandy-Mei drückten Tüftel ihr Mitleid aus und versprachen sie auf dem Laufenden zu halten. Brand legte seiner Kollegin unerwartet feinfühlig sacht die Hand auf den Rücken, was diese tatsächlich beruhigte. Als Tüftel einige Zeit später wieder ganz bei sich war, hatten sie und Brand alles getan und gesagt was sie zu diesem Zeitpunkt konnten und der Magier war erneut zum stillen Beobachter geworden, denn wie sich herausstellte sprach er nur, wenn es auch etwas von Substanz zu sagen gab. Die beiden Besucherinnen dankten für die umfangreichen Informationen und verabschiedeten sich.
Kapitel 07: Kostbare Blumen
Kaum dass Sandy-Mei ihre Wohnungstür hinter sich geschlossen hatte, setzte sie sich nachdenklich auf die abgedeckte Bettkante. Sie hatte einiges zu verarbeiten, doch allem voran ließ ihr das Leid in Tüftels Augen keine Ruhe. Sie konnte sich nicht vorstellen, wie es war jemanden zu verlieren, mit dem man so eng verbunden war. Ihre ältesten Bekanntschaften waren bloß wenige Wochen alt und eine Familie hatte sie nicht. Seltsamer Weise war die Person, zu der sie bislang die stärkste Verbindung gespürt hatte, die Amethystelfe in der Schneiderei gewesen. Obgleich Sandy-Mei die Frau nicht gut kannte, hatte sie das Gefühl, dass sie mit etwas Zeit jemand besonderes für sie hätte werden können. Doch es brachte nichts sich zu fragen, was hätte sein können und ihre eigenen Gefühle waren nicht die einzigen, die sie beschäftigten. Was, wenn sie doch eine Familie hatte, die sich um sie sorgte? Sie wollte nicht, dass jemand ihretwegen so leiden musste wie Tüftel. Sandy-Mei beschloss, dass sie ihre Erinnerungen zurück bekommen musste, falls sie welche hatte. Bisher hatte sie sich davor gescheut allzu intensiv zu suchen, denn ihr Leben verlief nach anfänglichen Schwierigkeiten recht gut. Sie hatte Freunde gefunden und vielleicht gab es einen Grund, aus dem sie vergessen hatte. Sie fürchtete, dass ihr nicht gefallen könnte, was sie über sich selbst erfahren würde, oder dass sie Schreckliches erlebt hatte an das sie sich nicht erinnern wollte. Doch nachdem sie Tüftels Trauer gespürt hatte, war alles anders. Sie durfte nicht nur an sich selbst denken.
Auf Rinas Liste stand nur ein Kontakt, den die Holzpuppe noch nicht besucht hatte. Die Alchemistin Pairena, der man die Fähigkeit zuschrieb eine jede Krankheit heilen zu können. Sandy-Mei hatte auch ihr einen Brief geschickt, doch eine Antwort hatte sie nicht erhalten. Da die Puppe weder riechen noch essen oder trinken konnte, bezweifelte sie, dass die Tränke der Alchemistin überhaupt bei ihr angewendet werden konnten. Zusammen mit ihren Zweifeln, sich mit einer Amnesie zu beschäftigen, die vermutlich nicht einmal existierte, hatte dies ausgereicht, dass sie der Sache bisher nicht weiter nachgegangen war. Dennoch, Sandy-Mei wusste, dass es auch Salben, Augentropfen und andere Mittel gab, die womöglich eine Wirkungen haben könnten und vielleicht war die Frau auch mehr als eine einfache Alchemistin, immerhin hatte Rina sie empfohlen. Auf dem Zettel hatte ihre Freundin außerdem notiert, dass man sich nicht vom Pairenas genussorientiertem Auftreten irritieren lassen solle, in ganz Windschild sei sie die beste ihres Faches. Sandy-Mei war sich nicht sicher, was das bedeuten sollte, doch sie würde es bald erfahren, denn sie hatte beschlossen der Alchemistin einen Besuch abzustatten. Noch am selben Tag machte sie sich auf den Weg zur notierten Adresse.
Am späten Nachmittag stand Sandy-Mei dort, wo sich der Alchemieladen angeblich befinden sollte. Auf den ersten Blick gab es hier bloß reine Wohnhäuser. Genau an der Häuserecke der genannten Adresse fehlte jedoch die Erdgeschosswohnung und so bildeten die mehrstöckigen Häuser einen überdachten Durchgang in einen riesigen länglichen Innenhof, der von einem Block der endlos langen Reihenhäuser umschlossen wurde. Sandy-Mei ging durch den auffallend bewachsenen Tunnel und fand sich in einem öffentlichen Park wieder, der mehr einem Garten glich. An jeder Ecke wuchs eine andere exotischsten Pflanze. Einige trugen Blüten, die bunte Farbtupfer in das satte Grün malten, obwohl der Frühling noch nicht einmal angebrochen war. Es gab Wege und Bänke von denen ein paar wenige gar besetzt waren. Erst da fiel Sandy-Mei auf, dass die Menschen im Park sommerlich gekleidet waren und als sie zum mäßig bewölkten Himmel blickte, bemerke sie das gewaltige Glasdach, welches den gesamten inneren Häuserblock überspannte. Sie selbst konnte es zwar nicht spüren, doch allem Anschein nach war es in dem versteckten Park nicht bloß windgeschützt sondern auch angenehm warm.
Der Eingang lag direkt in der Mitte des Innenhofparks und so verlief der Weg in zwei Richtungen. Immerhin verirren konnte man sich nicht, denn der opulente Garten zog sich vor allem in die Länge. Sandy-Mei entschied sich zufällig für eine Richtung und spazierte mit Schleier und ihrer dicken Winterkleidung über die Wege. Sie erntete ein paar verwunderte Blicke doch die ohnehin wenigen Besucher waren zum größten Teil mit ihren Geliebten hier und hatten hauptsächlich Augen für diese. Als sich die verschleierte Holzpuppe dem nördlichen Ende des Parks näherte, erkannte sie an dessen Stirnseite eine Wohnung, an die ein auffälliger weiterer Glasbau voller Pflanzen angebaut war. Eine Beschilderung die den Namen eines Ladens preisgegeben hätte fand sich allerdings nicht. Bevor Sandy-Mei sich die Wohnung genauer ansehen konnte, wurde sie von einer Bank aus angesprochen, an der sie vorüber ging. „Warum so dick eingepackt?“ fragte eine samtig tiefe Frauenstimme. Sandy-Mei wandte sich der Bank zu. Die Aufmerksamkeit machte sie nervös, doch der Schleier gab ihr Sicherheit und vielleicht war es gar keine schlechte Idee nach dem Weg zu fragen. Vor sich sah sie eine schlanke, sonnengebräunte Frau mit kurvigen Hüften. Sie trug nichts weiter als das Oberteil einer Badebekleidung und einen kurzen Rock. Ihre Arme hatte sie um zwei Männer gelegt, die links und rechts neben ihr saßen und nun ebenfalls zu Sandy-Mei aufsahen. Der eine war sehr muskulös und trug ein knappes Piratenkostüm, bei dem der große Hut noch den meisten Stoff abbekommen hatte. Der andere war durchschnittlich gebaut und unauffällig sommerlich gekleidet. Letzterer zog an einem langen Glimmstängel und spielte gedankenverloren mit einer schwarzen Strähne aus dem kinnlangen Bob seiner Gefährtin. Sandy-Mei wandte den Blick beschämt darüber ab, dass sie das Beisammensein störte, doch immerhin hatte die Frau zuerst gesprochen.
„I-Ich suche Pairena, die Alchemistin,“ sprach Sandy-Mei schüchtern ohne sie anzusehen oder die Frage zu beantworten.
„Pairi reicht und du hast sie gefunden,“ sagte die Frau.
„Oh, ach so… aber ich will euch nicht stören.“ Sandy-Mei sah vom Boden zu den beiden Männern auf, dann zur Alchemistin.
„Duh sthörst nich’,“ sprach der normal gekleidete langsam mit vernebelter Stimme.
„Setz dich doch zu uns,“ schlug der Pirat mit anzüglichem Lächeln vor.
„Eine gute Idee, du musst nur wissen, Kapitän Karnickel kriegt nie genug.“ Den letzten Teil des Satzes säuselte Pairi in das Ohr des Hutträgers.
„I-Ich würde gerne hier stehen bleiben,“ sagte Sandy-Mei.
„Natürlich,“ versicherte Pairi beruhigend, „was kann ich denn für dich tun? Ein Mittel gegen Sonnenallergie?“
„Das nicht… Also… ich hatte einen Brief geschrieben… Die Sache mit der…“ da sprach Sandy-Mei noch leiser „…mit der Holzfrau.“
„Ah, der Brief, den habe ich ganz vergessen. Es gibt aber auch so viele schöne Menschen die einen ablenken. Dann gehen wir doch besser mal rein.“
Pairi löste die Arme von ihren beiden Liebhabern, stand auf und bot jedem eine ihrer Hände an. Diese wurden ergriffen und die drei führten Sandy-Mei zu dem angebauten Wintergarten. Der Glasbau war innen weitläufiger als es zuerst den Anschein hatte. Umringt von den Pflanzen an den Glaswänden stand in der Mitte ein Tisch mit gepolsterten Bänken an dem man vor Blicken geschützt war. Sandy-Mei hatte sich zuerst gefragt, wozu man einen Wintergarten unter einem Glasdach benötigte, denn nach einem Gewächshaus hatte der Anbau nicht ausgesehen. Nun erkannte sie, dass sie sich bereits in der privaten Wohnung der Alchemistin befanden, dies waren die Stube und das Arbeitszimmer in einem. Hinter einer Trennung aus Regalen ohne Rückwand, die quer im Raum stand, gab es einen Bereich mit Werkbank, Werkzeugen und allerhand Alchemiezubehör, sowie weitere Regale voller Bücher, leerer Fläschchen, Schatullen und fertig verpackter Produkte.
Die vier machten es sich auf den Polsterbänken bequem, wobei Sandy-Mei für sich blieb. Auf Nachfrage schilderte sie noch einmal ihr Problem der fehlenden Erinnerung, ebenso wie jenes ihres hölzernen Zustandes. Sie merkte an, dass es sein könne, dass in beiden Fällen keine Krankheit vorliege, denn sie wisse weder, ob es Erinnerungen vor ihrem Erwachen gab, noch ob sie sich körperlich verändert oder schon immer aus Holz bestanden hatte. Von einer Krankheit, die Menschen in Holz verwandelte, hatte die Alchemistin noch nie gehört und sie bezweifelte, dass es eine solche gab. In jeden Fall kannte sie kein Kraut, welches dagegen gewachsen war. Das Holz, aus welchem Sandy-Mei gefertigt war, wollte sie gewiss dennoch ansehen. Die Holzpuppe legte den Wintermantel ab, krempelte den Ärmel ihrer Bluse hoch und zeigte der Alchemistin ihren Arm, ihr Gesicht blieb verschleiert. Laut der Fachfrau gab es mehr nahezu weiße Holzarten als man glauben mochte, doch tatsächlich erkannte sie das Material als jenes Hexenholz, das auch in dem Nebensatz des alten Buches von Benesk erwähnt wurde. Gesehen habe sie das Holz allerdings noch nie, denn es sei ihr bloß aus einer Enzyklopädie über ausgestorbene Pflanzen bekannt. Pairi ging zu den Regalen herüber und durchsuchte eine Weile die Bücher, bis sie mit der genannten Enzyklopädie zurück kam. Nur eine einzelne Seite war dem Hexenholz gewidmet und die verriet kaum mehr als der Satz aus dem Buch, den Sandy-Mei bereits kannte. Immerhin gab es eine Zeichnung von einem Holzstück und es war weit detaillierter beschrieben. Die glatte Oberfläche, die feine Maserung, die fehlenden Astlöcher, alles passte. Die Alchemistin hatte sich schon immer über die fehlenden Astansätze gewundert und darüber, dass es keine Zeichnung des gesamten Baumes gab, als stamme das Holz gar nicht von einer Pflanze, doch das war auch alles, was sie Sandy-Mei darüber sagen konnte.
Die Amnesie wiederum war etwas, womit die Alchemistin weit mehr anzufangen wusste und gegen die es gar mehrere Mittel gab. Da Sandy-Mei schon mehrere Wochen erwacht war und weder ihr Name noch die Tätigkeit als Schneiderin Erinnerungen zurück gebracht hatten, würde es wohl tatsächlich einen Wirkstoff benötigen. Pairi hielt es nicht für unwahrscheinlich, dass sie, auch wenn sie schon immer aus Holz gewesen war, dennoch Erinnerungen verloren hatte, denn immerhin war sie mitten in der Stadt in einer Gasse erwacht, statt in der Ruine einer untergegangenen Zivilisation oder einem Labor. Die meisten Mittel, die bei Amnesie halfen, würde Sandy-Mei mit ihrem Körper wie erwartet nicht aufnehmen können, doch es gäbe eine Blume, die helfen könne. Die Mondfrostblume – auch Silberseidenblume genannt – stammte aus den Sandwäldern der Amethystelfen. In Vollmondnächten nahmen diese Blumen das Mondlicht in sich auf und bildeten daraus zerfranste Gebilde an den Rändern ihrer Blüten, die das eingefangene Mondlicht ausstrahlten. Dies erwecke den Anschein, als ob sie Frost ansetzten, daher auch der Name. Bei den Elfen waren die tellergroßen Blumen vor allem dafür bekannt, dass man aus den Auswüchsen an den Blüten ein Garn gewinnen konnte, aus dem die sogenannte Silberseide gewoben wurde. Diese Seide solle ebenfalls sanft vom Mondlicht erstrahlen. Sandy-Mei hörte gewiss nicht das erste Mal von diesen Stoff und staunte nicht schlecht, als sie erfuhr, dass er aus im Mondlicht gewachsenen Blütenrändern, statt aus den Kokons von Schmetterlingen gefertigt wurde.
Die Blume vermochte laut der Alchemistin jedoch weit mehr. Die Elfen glaubten, dass Mondlicht Geheimnisse aufdecken könnte und an Vollmondnächten die wahre Gestalt der Dinge preis gab, auf die es schien. Ob dies der Wahrheit entsprach oder nicht konnte Pairi nicht sagen, denn es war gewiss schwer nachzuprüfen. Zumindest im Zusammenhang mit den Mondfrostblumen waren allerdings mehrere Fälle bekannt, in denen in gewisser Weise Geheimnisse aufgedeckt worden waren, denn allein der Anblick der im Mondlicht erstrahlenden Blumen vermochte verlorenen Erinnerungen zurück zu bringen. Die Alchemistin besaß selbst seit kurzem ein paar dieser Blumen, die sie unter großen Mühen hatte erwerben können und bot Sandy-Mei an zur nächsten Vollmondnacht erneut zu Besuch zu kommen. Die Holzpuppe fragte, ob sie stattdessen eine der kostbaren Blumen kaufen dürfe, denn ihr war eine Idee gekommen. Der Preis einer ausgewachsenen Blume überstieg das Ersparte der letzten Woche bei weitem, doch Pairi hatte einige kleinere Exemplare, die sie zu züchten begonnen hatte. Als sie erfuhr, dass Sandy-Mei hoffte jemanden mit Hilfe der Blume wiederzufinden, halbierte sie den Preis noch einmal im Namen der Liebe und die Holzpuppe gab keine Widerworte. Die Alchemistin bot ihr an, die Blume in Raten ab zu bezahlen und so konnte sie sich das in Menschenlanden seltene Gewächs leisten. Das Angebot der Vollmondnacht blieb bestehen, denn die kleine Blume mochte noch nicht die Wirkung ihrer ausgewachsenen Eltern aufweisen. Sandy-Mei nahm die Pflanze samt Topf und den recht simplen Pflegehinweisen dankend entgegen und betrachtete die Blume. Im Licht schimmerten die silberweißen Blütenblätter wie Perlen, als hielte man eine Phantasieblume aus einem Märchen in Händen. Sollte die Silberseide den selben Effekt aufweisen, könnte man selbst ohne das Mondlichtleuchten gewiss die schönsten Kleider daraus schneidern. Die Holzpuppe verabschiedete sich von den dreien und diese wünschten ihr ein warmes auf Wiedersehen. Sie bedauerten, dass Sandy-Mei schon gehen wollte, doch kaum dass diese sich abgewandt hatte, begannen die drei Küsse auszutauschen. Die Holzpuppe verließ die gläserne Stube zum ersten wohligen Seufzen und begab sich verlegen auf den Heimweg.
Kapitel 08: Alte Ängste und neue Wege
In ihrem Zimmer eingetroffen, arbeitete sich Sandy-Mei durch das nächste der Bücher. Es war ein trockenes Sachbuch über die Holzwerkstoffmagie, das jedes Detail aufs genaueste behandelte und Sandy-Mei verstand nicht viel. Immerhin eines wurde ihr klar: Brand sollte recht behalten, denn in keinem Satz wurde etwas von denkendem oder fühlendem Holz erwähnt. Das Buch hatte Sandy-Meis Geist derart ermüdet, dass sie sich nun doch mit den Hexenholz-Geschichten befasste. Die Hefte enthielten mehrere kurze Rätsel-Geschichten, deren Auflösung sich jeweils auf der nächsten Seite befand. Um die Werke nicht zerstören zu müssen, hatte Benesk ihr jeweils das gesamte Heft mitgegeben, auch wenn in dem meisten nur ein oder zwei Erzählungen mit Holzwesen vorkamen. Sandy-Mei las sie dennoch alle und gruselte sich dabei oftmals mehr als ihr lieb war. Sie verstand, dass die Leute Angst bekamen, wenn sie durch ihren Anblick plötzlich damit konfrontiert wurden, dass die schaurigen Geschichten realer sein könnten, als sie je geglaubt hatten. In jenen, in denen Holzwesen vorkamen, waren diese zudem nicht selten das Grauen vor dem es sich zu fürchten galt, denn immerhin handelte es sich um Grusel- und Horrorgeschichten. Dennoch fand Sandy-Mei auch Freude an den Rätseln und entwirrte einige gar selbst bevor sie die Auflösung las. Sie konnte sich gut vorstellen, dass dieses Spiel gemeinsam mit Freunden noch weit mehr Spaß bereiten würde und man musste sich zudem nicht alleine fürchten. Es war nicht verwunderlich, dass sich das Rätselspiel solch großer Beliebtheit erfreute.
Zu ihrem Missfallen fand sie jedoch kein Hexenholz, das zu ihr passte. Sie war weder ein Kinderspielzeug, das des Nachts zum Leben erwachte und zum Mörder wurde, noch eine Dryade, die Rache für die gefällten Bäume in ihrem Wald suchte. Auch alle weiteren Geschichten enthielten Aspekte die ausschlossen, dass diese auf sie zutrafen. Am nächsten kam bloß eine Geschichte heran, in welcher ein weißes Holz verwendet wurde um daraus günstige Statuen im Stil von Marmor zu fertigen. Das Holz löste jedoch Wut bei denen in seiner Nähe aus und so kam es in der Geschichte zu einem zunächst unerklärlich scheinenden Massaker. Immerhin die Farbe stimmte ungefähr, auch wenn das Holz als rein weiß und marmoriert beschrieben wurde. Zudem hatte es eine Verbindung zu Emotionen, auch wenn es diese auslöste statt sie zu speichern, wie es in dem Buch aus Bücherwyrms Hort und in der Enzyklopädie von Pairi beschrieben war. Auch hatte Sandy-Mei noch nie beobachten können, dass ihre Freunde in ihrer Gegenwart wütend geworden wären. Weder die sanftmütige Rina, noch der hilfsbereite Miro oder die naive Enni. Nicht einmal die schroffe Shila, die den gesamten Tag in ihrer Nähe verbrachte, schien von ihr beeinflusst zu werden. Letzten Endes nahm Sandy-Mei aus den Geschichten nur mit, dass der Ursprung des Rätselspiels tatsächlich im wahren Hexenholz liegen mochte, doch zutreffende Informationen ließen sich nicht erkennen, ganz wie es sowohl Benesk als auch ihre Freunde vermutet hatten.
Sandy-Mei verbrachte Stunde um Stunde mit den Hexenholz-Geschichten und war bei all dem Schaudern froh, dass sie nicht schlafen musste und keine Albträume zu fürchten hatte. Als sie gerade einmal wieder einen der Sammelbänder durchgelesen hatte, sah sie zu der Mondfrostblume, die bei ihr auf dem Schreibtisch stand. Einen Moment erfreute sie sich an ihrer Schönheit und der Ablenkung von den Gruselgeschichten. Die Holzpuppe nahm den nächsten Band zur Hand und sah noch einmal zur Blume, ehe sie sich wieder in die Schauermärchen stürzen wollte. Da war ihr, als würde ihr das Blut in den Adern gefrieren, obwohl sie keines besaß. Die Blume war von einem Moment auf den nächsten zu einem schwarzen Strauch verkümmert. Die Blätter am Strunk hingen herab und die Blüten waren allesamt abgefallen und lagen verwelkt auf der Erde im Topf. All dies musste in kaum einer Sekunde geschehen sein, denn sie hatte den Blick nur kurz von der Pflanze abgewandt. Von Pairena wusste sie außerdem, dass die Gewächse an sich recht robust waren. Irgendetwas in ihr sträubte sich gegen den Anblick, als wüsste sie, dass hier etwas geschehen war, das grundlegend falsch war. Sie gab den Hexenholz-Geschichten die Schuld an ihrer unerklärlich ausgeprägten Furcht und redete sich ein, dass es sicherlich eine Erklärung geben musste. Am nächsten Tag wollte sie Pairena eine Nachricht schreiben und sicherlich würde diese das Mysterium aufklären können. Den Rest der Nacht verbrachte Sandy-Mei dennoch auf dem Bett sitzend mit dem Rücken zur Wand und starrte in die Wohnung, nur um bei jeder Kleinigkeit zusammen zu zucken.
Erst als der Morgen graute und allmählich von Wolken gedämpfte Sonnenstrahlen in das Dachzimmer fielen, wagte es Sandy-Mei sich zu bewegen. Während sie versuchte keinen Winkel des Zimmers aus den Augen zu lassen, richtete sie sich halbwegs her und flüchtete in den beginnenden Tag. Nach ihrem freien Achttag begann nun das Wochenende und so begab sie sich zur Wohnung von Miro und Rina. Um nicht zu früh dort aufzuschlagen und sich beschäftigt zu halten ging Sandy-Mei zu Fuß. Als sie an ihrem Ziel eintraf, waren beide anwesend und wach und hörten der schaurigen Geschichte der Holzfreundin zu. Nach wie vor konnte sich diese nicht erklären, weshalb das plötzliche Verwelken der Blume ihr solch große Angst bereitete. Selbst jetzt saß die Furcht noch immer tief in ihr und sie wusste, dass sie die nächste Zeit unter keinen Umständen alleine sein wollte. Sie schämte sich für ihr irrationales Verhalten, doch ihre Freunde zeigten Verständnis und luden sie dazu ein den Tag solange sie wollte bei ihnen zu verbringen. Sandy-Mei nahm das Angebot erleichtert an, doch auch nach Stunden hatte sich ihr Zustand nicht verbessert. Jedes Mal wenn sie aus irgend einem Grund den Raum verließ, in dem ihre Freunde gerade waren, kehre die lähmende Angst zurück. Später am Tag besuchte Enni das Paar und erfuhr was vorgefallen war. Da es Sandy-Mei auch gegen Abend immer noch nicht besser ging, schlug sie freudig vor, die Nacht bei ihr zu bleiben, wenn es ihr helfen würde. Die Holzpuppe war sich recht sicher, dass sie sich tatsächlich besser fühlen würde, wenn Enni bei ihr war, auch wenn diese irgendwann schlafen musste. Die Freundin hatte schon zuvor ab und an, wenn es am Wochenende spät geworden war, bei ihr übernachtet und so wusste sie, dass sie Enni nichts abverlangte. Nun, wo Sandy-Mei beruhigt sein konnte, dass sie in der kommenden Nacht nicht allein sein musste, fühlte sie sich wohler und fand die Konzentration um den Brief an Pairena zu Papier zu bringen und bald machten sich Sandy-Mei und Enni zur Dachwohnung auf.
Enni schlug sich tapfer und wollte unter keinen Umständen zu Bett gehen und Sandy-Mei allein mit ihren Gedanken lassen. Die Freundinnen spielten Barbier und andere Spiele die sonst nur kleine Kinder spielten, bis es Morgen wurde. Enni war sehr müde, doch sie bereute es nicht wach geblieben zu sein, denn Sandy-Mei bestätigte, dass sie bei all der Ablenkung kaum mehr an die verwelkte Blume gedacht hatte. Auf Ennis Nachfragen gab die Holzpuppe jedoch auch zu, dass sie irrationale Angst immer noch zurück kehrte, sobald sie allein war und an das Ereignis dachte. Enni sagte, dass sie das verstehe und ihr aus dem selben Grund die Hexenholz-Geschichten zu gruselig seien, sie könne dann nicht schlafen und spiele das Spiel daher nicht mehr. Da erinnerte sich Sandy-Mei, dass auch sie in der letzten Nacht durch die Geschichten verängstigt gewesen war, womöglich war ihre Reaktion also tatsächlich verständlich. Enni bestand darauf Sandy-Mei zu Miro und Rina zu begleiten, die angeboten hatten, dass sie während des Wochenendes zu Besuch kommen konnte, solange die Angst nicht verflogen war. Sandy-Mei war noch immer beschämt darüber, dass sie vor ihrer Furcht kapitulierte, doch hatten die Freunde das Wochenende schon häufig zusammen verbracht und an sich war dies nichts Ungewöhnliches. Gemeinsam mit Enni traf sie bei dem Ehepaar ein und diese empfingen sie freudig, während sich Enni auf den Heimweg begab um den aufgeschobenen Schlaf nachzuholen. So verging noch das gesamte Wochenende. Bei Tage unternahm die Holzpuppe etwas mit dem befreundeten Paar und des Nachts wurde sie von Enni abgelenkt, die weiterhin Nachts wach blieb und tagsüber schlief. Am letzten Wochenendtag fühlte sich Sandy-Mei bereits besser und als sie am ersten Werktag nach ihrer Arbeit in Shilas Schneiderkammer allein in die Stille und Dunkelheit ihrer Wohnung trat, war ihr bloß noch leicht unbehaglich zu mute. Die unnatürliche Angst vor etwas, das ihr grundlegend falsch vorgekommen war, blieb dieses Mal endgültig aus. Beruhigt und ihren Freunden dankbar ging Sandy-Mei von da an wieder auf gewöhnliche Weise ihrem Alltag nach.
Am nächsten Morgen fand Sandy-Mei den Mut, dem Phänomen gar mit einem Plan nachzugehen. Sie hatte sich gefragt, ob das Hexenholz, aus dem sie bestand, womöglich einen schlechten Einfluss auf Pflanzen in ihrer Nähe hatte, ebenso, wie sie es bereits bei der unheimlichen Standuhr vermutet hatte und ähnlich der Gruselgeschichte, in welcher das Holz die Personen in seinem Umfeld wütend machte. Verschleiert machte sie sich zu einem Blumenladen auf um dort ein paar unterschiedliche Gewächse zu kaufen, diese stellte sie dann in ihrer Einzimmerwohnung auf. Das Experiment sollte zu einem tröstlichen Ergebnis führen. Die Pflanzen überstanden den restlichen Tag und auch die Nacht und auch sonst geschah nichts schauriges. Auch wenn Sandy-Mei das Rätsel nicht hatte lösen können, war sie erleichtert, dass das Material, aus den sie bestand, allem Anschein nach ungefährlich für ihre Umgebung war. Am nächsten Tag erreichte sie zudem die beruhigende Briefantwort von Pairena. Mit Bedauern berichtet diese darin, dass auch ihre Mondfrostblumen eingegangen waren. Sie vermutete eine Krankheit, die plötzlich ausgebrochen war, so etwas käme manchmal vor. Die Geschwindigkeit des Verfalls kam ihr dennoch seltsam vor, von einer solchen Krankheit oder einem Befall hatte sie noch nie gehört, doch sie sei sicher auch nicht allwissend. Sie selbst habe den Prozess leider nicht mit angesehen und es erst am nächsten Morgen bemerkt. Die Alchemistin berichtete außerdem, dass sie plante neue Mondfrostblumen zu erwerben und dass das Angebot bestehen bliebe, allerdings würde es noch mindestens ein halbes Jahr dauern, bis die neuen Pflanzen eintrafen. Sandy-Mei war beruhigt, eine seltene Pflanzenkrankheit war bei weitem nicht so furchterregend wie die Vorstellung eines unerklärlichen Übels, oder dass es an ihr lag. Sie dachte bei sich, dass sie wirklich damit aufhören müsse die Schuld stets bei sich zu suchen, bloß weil sie aus einem seltsamen Holz mit unheilvollem Namen bestand.
Tief im Wald in ihrem Feenring atmete die weiße Frau in dieser Nacht erleichtert auf, als sie die Holzfrau einmal mehr in dem kleinen Tränenteich in ihren Händen beobachtete. Sie hatte das Schlimmste noch gerade so verhindern können. Die Hölzerne würde die Amethystelfe ohne die Blume gewiss bald vergessen. Sie ahnte nicht, dass sie weit fehlte, denn Sandy-Mei hatte den spontanen Einfall, der ihr durch die Mondfrostblumen gekommen war, nicht aufgegeben und ihr war eine Idee gekommen, mit der sie die Elfe auch ohne die Blume und gar mit größeren Erfolgsaussichten finden konnte.
Auch wenn Sandy-Mei sich nun nicht mehr fürchtete, so war sie in den letzten Tagen doch etwas entmutigt davon gewesen, dass sie noch ein halbes Jahr oder länger würde warten müssen, bis sie erfuhr, ob sie eine Vergangenheit hatte. Bis dahin wollte sie sich dafür umso mehr mit ihrer Zukunft beschäftigen und dazu gehörte unter anderem auch die Amethystelfe wiederzusehen. Zunächst hatte Sandy-Mei die Mondfrostblume lediglich im Schaufenster von Shilas Schneiderkammer aufstellen wollen, in der Hoffnung, dass die Tänzerin sie dort irgendwann sehen und den Laden noch einmal betreten würde. Ihre Arbeitgeberin hatte angeboten, nun wo die Blume fort war, Silberseide zu bestellen und jene im Schaufenster auszustellen, doch Sandy-Mei wollte nicht mehr nur auf reines Glück bauen. Die Stadt war riesig und es würde einen ebenso riesigen Zufall brauchen, damit dieser unwahrscheinliche Fall eintrat. Zudem war es ihr wichtig, dass die Elfe dieses Mal von Anfang an wusste, dass sie es mit einem lebendigen Wesen zu tun hatte. Shila wollte das Risiko ihre einflussreiche Kundschaft zu verschrecken oder gar zu verärgern nach wie vor nicht eingehen und so hatte Sandy-Mei in letzter Zeit viel darüber nachgedacht, wie sie es bewerkstelligen könnte, dass die Elfe sie fand statt anders herum.
Gemeinsam mit Enni, Miro und Rina war sie zu einem Ergebnis gekommen und vor ihr lag ein Weg, von dem sie all die Zeit gewusst hatte, dass sie ihn eines Tages würde gehen müssen. Sie konnte sich nicht ihr ganzes Leben hinter einem Schleier verstecken, zumindest nicht, wenn sie glücklich und ohne Sorge, dass man ihr Geheimnis lüften könnte, leben wollte. Miro hatte ihr ein wunderschönes Gedicht zu diesem Thema geschrieben. Es handelte von einer Knospe, die nie erblühte, denn sie fürchtete sich davor die Hülle abzulegen, die sie vor der Kälte schützte. Schließlich wagte sie es dennoch und wurde zu einer prächtigen Blume. In diesem Sommer war sie fröhlicher, als sie es all die Jahre als Knospe je hatte sein können, denn sie hatte zum ersten Mal wirklich gelebt. Letztlich war es zwar der Gedanke an die Elfe gewesen, der Sandy-Mei den letzten Ruck gab, doch womöglich hätte sie den Schritt ohne Miros Worte nicht gewagt. Die Holzfrau wollte ihre eigene Schneiderei eröffnen, ihre eigenen Kreationen schneidern und stets ein Werk aus Silberseide im Schaufenster präsentieren. Die Eröffnung wollte sie zudem großflächig ankündigen, auf dass die Elfe und viele weitere Bürger davon erfuhren. Gewiss sorgte sie sich, dass sie wegen ihres Aussehens keine Kunden bekommen würde, doch Shila hatte ihr angeboten, dass sie weiterhin einige Tage in der Woche bei ihr arbeiten konnte. Rina kam sogleich auf die Idee, dass sie sich der Welt wenn dann richtig offenbaren sollte, dass sie ihre Besonderheit zur Besonderheit ihrer Schneiderei machen könnte und so war es bald beschlossen: Der neue Laden würde den Namen Die Schneiderpuppe tragen und überall in der Stadt sollten Aushänge zur Eröffnung angebracht werden, die mit einer echten lebenden Schneiderpuppe warben, die wie für das Handwerk geschaffen war. Enni sprudelte vor Begeisterung nahezu über und wollte sogleich einen Stadtteil für das Aufhängen der Plakate übernehmen, obwohl noch nicht einmal eine Geschäftsfläche gefunden war. Da lachten die Freunde gemeinsam und begannen das abersinnige Vorhaben in die Tat umzusetzen.
Kapitel 09: Allen Hindernissen zm Trotz
Der Tag hatte bereits begonnen, als Nyaradel aus dem Nachtlokal trat. Die Beine und Füße taten ihr weh, denn sie hatte die Auftritte eines anderen Tänzers übernehmen müssen, der krank geworden war. Über ihr zerfaserte allmählich die Wolkendecke und die ersten Sonnenstrahlen wärmten ihr violett schimmerndes Gesicht. Es scheint ein selten schöner Sommertag zu werden, dachte sie wehmütig, denn sie würde nicht viel davon mitbekommen, musste sie sich nach der langen Nacht doch bald zu Bett begeben. Ein kalter Wind stob von der Küste her über den Platz und zerzauste ihr langes Lavendelhaar. Die Amethystelfe zog ihren Mantel dichter über dem spärlichen Tanzkostüm zusammen und krümmte sich leicht nach vorn um dem stürmischen Wetter zu trotzen. Den Blick auf den Boden geheftet machte sie sich mit langen Schritten auf den Heimweg.
Nyaradel wich selten von den direkten Wegen ihres Alltags ab und doch kannte sie die Gassen in dieser Gegend in und auswendig, denn sie hatte es nie aus der muffigen Kellerwohnung geschafft und lebte schon viele Jahre hier. Niemand sonst, als ihr Vermieter, der das Loch anderweitig nicht los wurde, wollte ihr Unterkunft gewähren und die wenigen, die es in Betracht zogen, verlangten hohe Summen oder unlautere Zahlungsmittel. Manchmal fragte sich Nyaradel, ob sie in der Heimat bleiben und diesen Bernsteinprinzen hätte heiraten sollen, dem sie aus politischen Gründen versprochen worden war. Stattdessen war sie geflohen, jung und dumm wie sie sich heute sah, um die wahre Liebe zu finden. In den Elfenlanden hatte sie nicht bleiben können, denn immerhin war auch sie eine Prinzessin, die man allerorts suchte und so hatte sie ihren Namen geändert und sich unter die Menschen gemischt, die kaum Kontakt zu den Nationen der Elfen pflegten. An die Liebe glaubte Nyaradel schon lange nicht mehr und es war hauptsächlich die Furcht vor den Konsequenzen, die sie davon abhielt in die Sandwälder zurückzukehren. Seit sie den gut bezahlten Auftrag eines Adligen, von dessen Erlös sie sich eine eigenen Wohnung hätte kaufen können, letztlich doch nicht bekommen hatte, dachte sie recht häufig darüber nach diesen erbärmlichen Abschnitt ihres Lebens hinter sich zu lassen.
Die Amethystelfe bog in den Seitenweg ein, in dem ihre Mietwohnung lag. Die Gasse war so schmal, dreckig und unbedeutend, dass man sich nicht einmal die Mühe gemacht hatte den Rinnstein der Hauptstraße abzuzweigen und so verlief er mitten über den Weg. Gerade als die Elfe darüber trat und beschloss, dass es Zeit war eine Entscheidung zu fällen, fiel ihr zu Boden gesenkter Blick auf einen Zettel, der in der vom letzten Regen noch feuchten Einbuchtung klebte. Das Pergament war zerknittert, nass und halb zerrissen, doch etwas daran ließ die Amethystelfe inne halten. Bestand die gezeichnete Blumenkette, die das Plakat umrandete nicht aus den Mondfrostblumen ihrer Heimat? Nyaradel ging in die Hocke und löste das dünne Pergament vorsichtig aus dem Rinnstein. Es pries eine neue Schneiderei an, die den Namen Die Schneiderpuppe trug. Nyaradel musste unwillkürlich an das Kunstwerk von einer Schaufensterpuppe in der teuren Kostümschneiderei denken. Sie erinnerte sich daran, wie sie der Puppe ihr Herz ausgeschüttet hatte. Gewiss hatte sie keine warmen Worte von ihr erwarten können, doch hatte sie auch keine kalten fürchten müssen. In diesem Moment hatte sie sich einreden könne, dass ihr jemand zuhörte. Auf seltsame Weise hatte sie sich gar verstanden gefühlt. Irgendetwas in ihr klammerte sich an die Vorstellung, dass dieser Zettel, der in jenem Moment auftauchte, als sie kurz davor stand aufzugeben, ein Wink des Schicksals war. Es war beinahe, als könne sie den Silberstreifen am Horizont erblicken, den sie verloren hatte. In ihr regte sich ein Funken Hoffnung, dass ihre Entscheidung ein Leben in Freiheit zu führen, womöglich doch nicht falsch gewesen war. Das Datum der Eröffnung lag bereits Monate in der Vergangenheit. Nyaradel fragte sich, wie sie die Aushänge nur hatte übersehen können und beschloss dem Laden noch an diesem Morgen einen Besuch abzustatten. So sehr ihre Glieder auch schmerzten und ihr Geist in die Traumwelt abzutauchen wünschte, sie wollte keine weitere Zeit mehr verlieren.
Von der auf dem Fetzen vermerkten Adresse ließ sich gerade noch der Stadtteil entziffern. Auf Ihren schmerzenden Sohlen machte sich Nyaradel auf den Weg, denn eine Kutsche fand sie nur schwer und umsonst bekam man diese auch nicht. Kaum dass sie einige Querstraßen hinter sich gelassen hatte, fand sie einen weiteren Aushang an einer Hauswand. Dieser war noch lesbar und sie erfuhr, dass die Schneiderei wie erhofft Stoffe und Kleidung aus weiter Ferne verkaufte. Zudem würden Informationen zu den Gewändern und Hilfestellung dabei angeboten, wie man jene anlegt. Das Kurioseste war jedoch, dass der Aushang behauptete die Schneidermeisterin sei eine echte lebendige Schneiderpuppe, die wie für das Handwerk geschaffen sei. Nyaradel war überrascht, dass ihr erster Gedanke beim Namen des Ladens derart nah an dessen Verkaufstrick lag. Sie vermutete, dass es sich dabei um einen Kundenmagnet handelte. Eine an Fäden befestigte Puppe womöglich, der man Nadel und Faden in die Hand gedrückt hatte und der die Kundschaft bei nachgeahmten Nähbewegungen zusehen konnte. Ein kleiner Teil in ihr hoffte dennoch, dass jene Puppe, die sie im Winter gesehen und die so echt gewirkt hatte, zum Leben erwacht war. Weshalb sie diese Vorstellung beflügelte, vermochte Nyaradel nicht zu sagen. Vielleicht war es die Hoffnung, dass Wunder doch möglich waren, dass all die Jahre in Windschild kein Fehler gewesen waren. Vielleicht wünschte sie sich auch, dass in jenem schwachen Moment in der Kostümschneiderei jemand da gewesen war, auch wenn sie sich in diesem Wissen niemals so verwundbar gezeigt hätte. Sie ging davon aus, dass sie, was die Schneiderpuppe anging, enttäuscht werden würde, doch es blieben immer noch die Stoffe der Elfen. Zwar benötigte sie keine Silberseide mehr, doch wollte sie den kleinen Ausflug in die Heimat nicht missen und vielleicht würde es ihr helfen eine Entscheidung zu fällen.
Stunden und einige vereinzelt übrig gebliebene Aushänge später stand Nyaradel vor der angegebenen Adresse. Das zerfetzte Exemplar aus dem Rinnstein hielt sie noch immer in Händen, als wolle sie mit ihm auch die Hoffnung nicht los lassen. Nach der durchtanzten Nacht und dem langen Marsch durch die große Stadt, war sie am Ende ihrer Kräfte, doch der Weg hatte sich schon jetzt gelohnt. Im Schaufenster der Schneiderpuppe stand ein elfisches Mondkleid. Es bestand aus den authentischen langen Stoffen in mehreren Lagen samt Schleierbändern, die beim Tanz umhergewirbelt wurden. Der Schnitt schien akkurat und der silberne Stoff strahlte ein sanftes mondfarbenes Licht aus. Allem Anschein nach handelte es sich tatsächlich um Silberseide. Nyaradel hatte das traditionelle Gewand ihres Volkes schon immer als unpraktisch empfunden, auch wenn der Mondscheintanz gewiss zur eingeschränkten Bewegungsfreiheit passte. Die Amethystelfe seufzte, hätte es dieses Geschäft doch nur bereits vor ein paar Monaten gegeben, als ihr dieser hochnäsige Adlige kurzfristig einen Auftritt auf seinem Prestigefest angeboten hatte. Sie hatte das Kleid zum Missfallen des Mannes nicht rechtzeitig auftreiben können und nun stand es vor ihr, als wolle es sie verhöhnen. Die erwartete Nostalgie beim Anblick des bekannten Gewandes blieb aus, ebenso fand sie keine Antwort auf die Frage, wie sie ihre Zukunft gestalten sollte. Der Blick der Frau wanderte zur Beschilderung über der Tür. Dort war einen hölzerne Hand samt Puppengelenken angebracht, die den Namen des Ladens auf ein Stück Stoff nähte, das in einem runden Stickrahmen eingespannt war. Die Holzhand hob sich in einem dunklen Nussbraun vom hellen Stein der Wand ab, gänzlich anders als das beinahe weiße Holz aus welchem die Schaufensterpuppe bestanden hatte. Wie erwartet, gab es also wohl kaum einen Zusammenhang. Nyaradel seufzte ein weiteres Mal, griff zur Klinke und betrat das Geschäft, denn an dem vorrangigen Grund, aus dem sie den weiten Weg auf sich genommen hatte, hatte sich nichts geändert.
Ein Windspiel aus Bambushölzern erklang, als die Tür selbiges in Bewegung setzte. Im Laden war keine Menschenseele anzutreffen. Auf runden Podesten standen Schaufensterpuppen verteilt, die Gewänder aus den entferntesten Winkeln der Welt trugen, Die meisten davon waren auch der Elfe unbekannt. Vor einem jeden fand sich ein breites Schild, welches den Namen des Gewandes, das Herkunftsland und die Anlässe beschrieb, zu denen die Kleidung getragen wurde. Ein langer Fließtext verriet noch weit mehr Details über die Hintergründe der Ausstellungsstücke. Kleiderstangen mit weiteren Gewändern gab es nicht. Alles in allem hatte Nyaradel das Gefühl sich in einem Museum statt einem Laden wiederzufinden. Einzig die Preisschilder, der Verkaufstresen und die Stoffballen die an der Wand dahinter hingen verrieten, dass dies eine Schneiderei war. Die Preise waren überraschend moderat, auch wenn sie immer noch weit über dem lagen, was sich die Tänzerin hätte leisten können. Der Tresen wiederum war unbesetzt, die Schneiderin musste sich im Hinterzimmer aufhalten, das durch eine offenstehende Tür zu erreichen war. Nyaradel schritt zum nächststehenden Gewand, bewunderte es kurz und begann dann das Schild zu lesen, dabei drehte sie dem Tresen ihren Rücken zu. Gerade, als sie erfuhr, dass es sich um ein zwergisches Zeremoniengewand handelte, hörte sie die Schritte der Schneiderin aus dem Hinterzimmer in den Verkaufsraum treten, die plötzlich inne hielten. Die Amethystelfe drehte sich um und erstarrte ebenso, wie ihr Gegenüber. Die Elfe und die Holzpuppe sahen sich wie zwei verschreckte Rehe an, als sie einander wiedererkannten. Nyaradel traute ihren Augen nicht, die lange Arbeitsnacht, der Schlafmangel, ihr Hoffen auf ein Wunder, sie musste phantasieren. Plötzlich erschien der Elfe alles wie eine jener Fata Morganen aus der Wüste, welche die Sandwälder ihrer Heimat umgab. Ihr wurde schwindlig, dennoch trat sie einen Schritt auf die Erscheinung zu, als wäre sie eine Vision, die ihr ihre Zukunftsfragen beantworten könnte. Im nächsten Moment wurde ihr schwarz vor Augen, sie fiel zu Boden, doch davon merkte sie selbst nichts mehr.
Als Nyaradel die Augen langsam wieder öffnete war ihr, als wäre bloß ein Wimpernschlag vergangen, doch lag sie inzwischen auf einer gepolsterten Bank in den Armen der lebendigen Schaufensterpuppe. Diese ersetzte den hölzernen Arm unter dem Kopf der Elfe in diesem Moment durch ein weiches Kissen, vermutlich hatte sie sie gerade erst hergetragen. Als die Puppe bemerkte, dass die Elfe erwacht war, machte sie einige Schritte zurück und sprach mit unbewegter Mine doch hörbar erleichterter Stimme: „Ein Glück,… ich… ich tue dir nichts, versprochen. Warte kurz hier,… bitte.“ das letzte Wort klang geradezu flehend. Nyaradel nickte bloß kraftlos und schloss die Augen. In der Obhut des bekannten Gesichts fühlte sie sich auf unerklärbare Weise sicher und geborgen, nicht eine Sekunde hatte sie gedacht, die Holzfrau könnte ihr Leid zufügen. Ihr war gar, als wäre ein Wunder geschehen, als habe sie ihr Ziel erreicht, vielleicht gar ihre Bestimmung gefunden. Als wäre ein unausgesprochener Wunsch mit einem Mal wahr geworden fiel eine Last von ihren Schultern nun konnte sie sich endlich ausruhen. Kurz darauf kam die Holzfrau mit einer Schale frischem Quellwasser zurück. Sie näherte sich langsam und hielt ihr das Gefäß mit dem größtmöglichen Abstand entgegen, als fürchte sie die Elfe könnte ihretwegen erneut zusammenbrechen. Nyaradel ließ den Arm von ihrer flachen Brust gleiten, sodass er ausgestreckt dalag, zu mehr reichte ihre Kraft nicht aus. Als ihr dies klar wurde sah sie in die großen blauen Augen der Holzfrau und schüttelte leicht den Kopf. „Kannst du mir helfen?“ brachte sie schwach hervor. Die Puppe trat unsicher näher und kniete sich neben die Polsterbank, vorsichtig schob sie einen Arm unter den zarten Leib der Elfe und richtete ihren Oberkörper auf. Mit der Hand des anderen Arms führte sie die Wasserschale an ihre Lippen und kippte den Inhalt in kleinen Schlücken über den Rand. Als die Schale leer war stellte die Puppe diese auf dem Beistelltisch neben der Bank ab und stützte die Elfe, bis sie wieder auf dem Kissen lag.
„Wie geht es dir? Darf ich… Darf ich dich zu einem Heiler tragen?“ fragte die Puppe unsicher.
„Es geht – schon wieder,“ antwortete Nyaradel mit schweren Atempausen. „Ich muss nur – ausruhen. Ganze Nacht – gearbeitet. Bist du morgen – wieder hier?“
„Ja, aber… du kannst erst einmal hier schlafen. Ich habe bloß kein Bett, nur die Polsterbank.“
„Die Bank ist – gut, danke.“
„Dann sprich jetzt nicht mehr und schlaf, ich hole eine Decke.“
Nyaradel nickte schwach und als die Holzpuppe kurze Zeit später mit der Decke zurück kam, war sie bereits in einen festen, traumlosen schlaf versunken. Gegen Mittag erwachte die Elfe, warm eingepackt in ihrem Mantel und unter der Decke, denn selbst die seltenen sonnigen Sommertage waren hier oft kühl. Ausgeschlafen war sie noch lange nicht, doch nagte der Hunger an ihr. Sie sah sich um und ihr Blick traf auf den der Schneiderin, die auf einem zur Seite gedrehten Stuhl neben dem Nähtisch saß. So regungslos wie sie ohne jegliche Atembewegungen war, machte es den Anschein, als habe sie die ganze Zeit auf die Elfe Acht gegeben.
„Du bist schon ausgeschlafen?“ fragte die Holzfrau.
„Nein, bloß hungrig,“ erklärte die Elfe, immerhin konnte sie wieder normal sprechen.
„Da ist etwas Gebäck und mehr Wasser,“ sagte die Schneiderin und deutete auf den Beistelltisch.
„Das hast du extra für mich geholt? Das ist… Ich danke dir, wirklich! Ich bin es nicht mehr gewohnt, dass man so gut zu mir ist. Ich… “ Nyaradel brach ab, wie kam es nur, dass sie ihren Stolz in der Gegenwart diese Frau vergaß?
„Du brauchst mir nicht zu danken, aber… verrätst du mir deinen Namen?“
„Nyaradel, aber ich fände es schön, wenn du mich Nya nennen würdest. So würden mich meine Freunde nennen, wenn ich welche hätte,“ sprach sie ihre melancholischen Gedanken erneut aus, ohne darüber nachzudenken und schämte sich sogleich dafür. Zum Glück, empfand sie ihren Geburtsnamen schon lange nicht mehr als ihr zugehörig, sonst hätte sie vermutlich auch diesen ohne weiteres preisgegeben. „Nyaradel,“ wiederholte die Holzfrau den Namen so gefühlvoll, als würde er ihr viel bedeuten. “Das ist ein sehr schöner Name, aber wenn Nya für deine Freunde ist, dann finde ich diesen Namen noch viel schöner.“ Als die Schneiderin den Namen so liebevoll aussprach, fühlte sich die Elfe für einen Moment beinahe glücklich. Ein Gefühl, das ihr derart unbekannt geworden war, dass ihr Herz einen Sprung machte. Sie hatte sich schnell wieder gefangen und als sie weitersprach war ihr nichts anzumerken.
„Und verrätst du mir auch deinen Namen?“
„Oh, Entschuldigung, natürlich. Sandy-Mei.“
„Wirklich? Das klingt… Also…“
„Wie eine Puppe? Ich weiß,“ sprach Sandy-Mei hörbar entmutigt.
„Würde es dir gefallen, wenn ich dich Mei nenne?“ fragte Nya, welche die Gefühle der Holzfrau zu verstehen glaubte.
„Das… würde mir sehr gefallen.“ Mei klang überrascht, als wäre sie selbst noch gar nicht auf die Idee gekommen, sich einen Spitznamen zuzulegen. Nya dachte, dass dies wohl nicht ungewöhnlich sei, normalerweise gaben einem Freunde Spitznamen und man suchte sich diese nicht selbst aus. Sie hatte wohl bereits zu viel Zeit in Einsamkeit verbracht, dass sie diese Aufgabe selbst übernommen hatte.
„Freut mich, Mei. Weißt du, ich habe dich schon einmal getroffen, aber damals warst du noch nicht lebendig.“
„Also,…“ die dünne Stimme wurde noch leiser. „D… doch, war ich. Es… Es tut mir leid. Ich… Ich wusste nicht, was ich tun soll. Aber ich habe niemandem etwas erzählt.“
„Oh, verstehe.“ Die Elfe dachte einen Moment nach. „Irgendwie ist das in Ordnung, solange du es bist… Du musst mich für verrückt halten.“
„Nein,“ widersprach Mei sofort und ungewohnt bestimmt, überrascht von sich selbst fiel sie in ihre leise Stimme zurück. „Nein, du,… ich habe auch das Gefühl, dass ich dir alles sagen könnte. Vielleicht, weil ich mich schon genauso verloren gefühlt habe.“
Nya fragte nach, wie es dazu gekommen sei und zeigte generell großes Interesse am Gespräch mit der Holzfrau und so berichtete Sandy-Mei von den Erlebnissen ihres noch kurzen Lebens und sagte ihr alles, was sie ihr seit jenem Wintertag in Shilas Schniederkammer hatte sagen wollen. Dass die meisten Menschen im Grunde gut wären und dass Shila sie bloß hatte schützen wollen, als sie die Elfe zurechtwies. Dass sie Freunde gefunden hatte, die Nya ebenso herzlich aufnehmen würden, wie sie es bei ihr getan hatten. Obgleich sich die beiden Frauen kaum kannten, fühlten sie sich derart vertraut, dass Mei ihr gar sagte, dass es womöglich nicht immer der falsche Umgang der Menschen mit dem Fremden war, der jene von ihr fern hielt, sondern dass es zu Teilen auch an der abweisenden Maske des Stolzes liegen könne, die sie für gewöhnlich trug. Nya hatte dies all die Jahre nie wahrgenommen, doch nun wo sie darüber nachdachte, musste sie ihr Recht geben. Und so berichtete auch die Amethsytelfe von ihrem Leben, das weit länger war, als man glauben mochte, denn sie war schon über einhundert Jahre alt. Dass ihr stolzes, zuweilen gar arrogantes Auftreten daher kam, dass ihre Abstammung von Geburt an verlangt hatte, dass sie ihre hohe Stellung nach außen trug. Letztlich teilte sie gar doch noch das Geheimnis ihres Geburtsnamens, und dass sie eine Prinzessin war mit der Holzfrau, denn bereits nach kurzer Zeit war sie sich sicher, dass sie ihr alles anvertrauen konnte. Selbst, als sie noch neu in Windschild und voller Optimismus gewesen war, hatte sie nie geglaubt, dass sie diese Informationen jemals preis geben würde. Nachdem die Elfe etwas von dem frischen Gebäck gegessen hatte sprachen die beiden Frauen noch viele Stunden miteinander. Über Erinnerungen und Zukunftswünsche, über ihre Sorgen, Gedanken und Gefühle, darüber was sie mochten und was ihnen wichtig war und mit jedem Wort wurde der Faden, der ihre beiden Leben verband stärker, als wäre er schon immer dort gewesen und hätte nur darauf gewartet, dass sich seine beiden Enden trafen um zu einem unzertrennlichen Band verwoben zu werden.
Irgendwann wurde die Elfe von ihrer Müdigkeit eingeholt und Mei bot an ihr eine Kutsche zu organisieren. Nya hoffte jedoch noch bleiben zu können und so blieb es bei der Polsterbank. Diese stand, wie sich herausstellte, im Hinterzimmer der Schneiderei, das zugleich Sandy-Meis neue Wohnung war, denn sie benötigte weder Schlafzimmer noch Küche. Hier lebte sie seit der Monate zurück liegenden Eröffnung. Zu Sandy-Meis Leid, war der Plan sich selbst zum Verkaufsargument der Schneiderei zu machen nicht aufgegangen. Auch das süße violette Porzellanpuppenkleid, das sie dieser Tage trug, reichte oftmals nicht aus, um den Menschen ihre Ängste zu nehmen und es gab nur wenig Kundschaft. Daher arbeitete sie nach wie vor auch für Shila, allerdings nicht mehr als Schaufensterpuppe. Während Nyaradel zuhörte, schälte sie sich aus dem Mantel, denn dieser war zum Schlafen doch recht unbequem und die Decke genügte um sich warm zu halten. Als die Tanzbekleidung des Nachtlokals zum Vorschein kam, die kaum mehr als das Nötigste bedeckte, stockte Mei und sah beschämt darüber, dass sie bei dem reizenden Anblick unfähig war weiter zu sprechen, zu Boden. Die Elfe war nicht überrascht, dass auch Mei körperliches und romantisches Interesse zeigen konnte. Holz oder nicht, die Frau vor ihr war ihr seit den ersten Worten, die sie miteinander gewechselt hatten, wie ein gewöhnlicher Mensch vorgekommen, sie hatte sie seither nicht mehr als eine Puppe gesehen. Nya war es gewohnt, dass es den Herren und ab und an auch den Damen die Sprache verschlug, wenn sie tanzte, dennoch hatte sie gewiss nicht damit gerechnet, dass sie eine solche Reaktion bei Mei auslösen würde. Sie entschuldigte sich für die Entblößung ohne Vorwarnung, doch ihrer Stimme klang zu stolz, als dass es ernst gemeint wirkte. Immerhin hüllte sie sich in die Decke und machte es sich bequem ohne den Moment weiter zu beleuchten, denn er war Mei augenscheinlich unangenehm. Auch diese ließ die Situation schnell ziehen und meinte bloß, dass es schon gut sei. Sie habe die Tänzerin nicht in Verlegenheit bringen wollen, denn sie habe nicht daran gedacht, dass sie es wohl gewohnt war leicht bekleidet angesehen zu werden. Nya spürte, dass die Worte der Holzfrau wahr waren, doch sie kannte solcherlei Reaktionen nur zu gut und war sich sicher, dass die Sorge um ihr seelisches Wohlbefinden nicht alles gewesen war. Wahrscheinlich war sich die Schneiderin dessen selbst nicht einmal bewusst. Sandy-Mei wünschte einen erholsamen Schlaf und begab sich in den Verkaufsraum. Bevor die Amethystelfe in ihren Träumen versank, dachte sie nicht zu lange darüber nach, dass sie nicht bloß Sandy-Meis liebenswertes Wesen bewunderte, sondern auch ihrer Schönheit ebenso zugetan war, wie diese der ihrigen, denn dann hätte sie sich wohl eingestehen müssen, dass sie sich zu einer Frau hingezogen fühlte, die aus Holz bestand und das, dachte sie, wäre nun wirklich seltsam.
Kapitel 10: Holz und Seide
Sandy-Mei und Nyaradel kannten einander nun bereits seit einem Monat und vor einigen Tagen hatte Mei die Elfe mit ihren Freunden bekannt gemacht. Enni, Miro, Rina und in gewisser Weise auch Shila, waren im vergangenen halben Jahr seit ihrem Erwachen ihre einzigen anderen Freunde geblieben. Zwar verteufelte sie bei weitem nicht jeder Mensch, der ihr begegnete, dennoch wollte niemand etwas mit der seltsamen Puppe zu schaffen haben. Sandy-Mei war inzwischen nur umso mehr klar geworden, welch großes Glück sie gehabt haben musste, dass ihr an jenem verregneten Morgen ausgerechnet Miro und Enni begegnet waren. Ihre Freunde waren wie erwartet erfreut über Nya gewesen und hatten sie liebevoll in die Gruppe aufgenommen. Dies konnte die melancholische Art der Elfe bislang zwar nicht ändern, doch fühlte sie sich in den letzten Tagen kaum mehr einsam. Nicht zuletzt, da sie Meis Gesellschaft beinahe jeden Tag hatte genießen können. Wie bereits einige Male im vergangenen Monat hatten sich die beiden an diesem kühlen Sommertag in einem der Parks der Stadt verabredet, doch dieses Mal schien es ein besonderes Treffen zu werden. Die Amethystelfe hatte angekündigt, dass sie eine Überraschung für die Freundin geplant habe und so trug auch Mei eine Tasche mit einem Geschenk darin bei sich. Es war das bauchfreie, himmelblaue Tanzkostüm, welches sie sich im Winter von Shila hatte zurücklegen lassen und das sie inzwischen an die Maße der Elfe angepasst hatte. Nyaradel saß bereits mit überschlagen Beinen auf der Bank, welche sie als Treffpunkt ausgemacht hatten, die Haltung erhaben wie stets. Als sie Mei entdeckte, hob sie die Hand kurz im stillen Gruß und wartete, bis diese neben ihr Platz genommen hatte. Die Freundinnen wechselten ein paar Worte, bis sich Nya erhob und Mei zu einem Spaziergang einlud, der zu der angekündigten Überraschung führen sollte, die Nya zur Feier ihrer einmonatigen Freundschaft geplant hatte. Mei schloss sich ihr an und freute sich bereits darauf auch ihr Geschenk zu überreichen, sobald sie den geheimnisvollen Zielort erreicht hatten.
Die beiden waren bereits einige Zeit durch den recht leeren Park gewandert, als sie plötzlich das laute Heulen eines kleinen Mädchens vernahmen, sowie die aufgeregte Stimme eines Jungen, der klang als würde er versuchen seine Freundin aufzuheitern. Mei ging die hohen Blumensträucher entlang, die den Blick auf die Wiese versperrte, von der die Laute kamen, bis sie einen Durchgang gefunden hatte. Nya folgte nach kurzem Zögern. Ein gutes Stück entfernt stand das Mädchen mit nach unten gesenkten Kopf und rieb sich die Augen mit ihren Fäusten. Um sie herum sprang ihr wenig hilfreicher Freund und versuchte ihre Aufmerksamkeit zu erlangen. Beide mochten so an die sieben Jahre alt sein. Der Junge hielt einen kleinen Hund an einer langen Leine, der nicht recht zu wissen schien, ob er ebenfalls hopsen, oder das Mädchen mit seiner feuchten Schnauze trösten sollte, denn er wechselte stetig zwischen beidem. Mei wollte schon auf die Kinder zugehen, da hielt Nya sie an der Schulter zurück. „Es sieht nicht aus, als wäre die Kleine verletzt, lass uns lieber weitergehen, es wird schon jemand anderes vorbeikommen, sonst gibt man uns noch die Schuld,“ warnte sie. „Und wenn niemand kommt? Sollen wir jemanden holen?“ fragte Mei. Nya meinte, dass man die beiden in diesem Fall erst recht verdächtigen würde und gab klein bei, zudem wollte sie das Mädchen ebenfalls nicht länger weinen sehen. Mei nickte und machte einen weiteren Schritt, dann bekam sie ihre eigenen Zweifel. „Und wenn die Kinder Angst vor mir haben?“ fragte sie. „Bleib erst einmal hinter mir,“ sagte Nya resigniert, als ihr klar wurde, dass sie dies für niemanden sonst getan hätte.
Die Kleinen hatten wie die meisten Menschen in ihrem Leben mit Sicherheit noch nie eine Elfe gesehen und es bestand durchaus die Gefahr, dass sie sich ebenso vor ihr fürchten würden, doch Nya war es lieber, dass die Kinder schreiend vor ihr davon liefen, als dass die optimistische Mei diese Erfahrung machen musste. Sie ging voran während sich ihre Freundin so gut wie möglich hinter ihr verbarg. Als sie nah genug waren um gehört zu werden ergriff die Elfe das Wort „Kinder,“ sprach sie mit fester und bestimmter Stimme. Das Mädchen hörte sofort auf zu weinen und auch der Junge wurde augenblicklich still. Beide sahen die Amethsystelfe überrascht an. Diese gab ihnen keine Zeit lange nachzudenken und sprach sogleich weiter. „Meine Freundin hier kann euch helfen, also seid nett zu ihr, auch wenn sie wie eine große Holzpuppe aussieht.“ Die Gestalt hinter Nya war gewiss gleich aufgefallen und so nickte das Mädchen bloß stumm während der Junge trotzig die Hände in die Hüften stemmte. Nya trat bei Seite und gab den Blick auf Sandy-Mei frei. Zur Überraschung aller rannte das Mädchen auf sie zu und umklammerte ihre Hüfte. Heulend rief sie ihre Sorgen in den Rock des aufgeplusterten Puppenkleides: „Baff ist weggelaufen! Hilf mir! Ich muss Baff wiederfinden!“ Für einen Moment war die Holzpuppe mit dem unerwarteten Vertrauen, welches ihr das Mädchen aus Verzweiflung entgegenbrachte überfordert, doch dann strich sie sanft über ihr Haar. Als die Kleine ihr Gesicht aus dem Rock nahm, ging Mei in die Hocke. „Baff ist dein Hund?“ fragte sie. Das Mädchen nickte energisch und zeigte auf den zweiten Vierbeiner bei ihrem Freund. „Baff ist Biffs Bruder. Wie soll ich ihn nur finden?“ schluchzte sie wieder. „Das ist ganz einfach,“ sagte Mei um die Kleine erst einmal zu beruhigen und mehr von ihr zu erfahren. „Sieht Baff genauso aus wie sein Bruder?“ Das Mädchen schenkte der Holzpuppe Glauben und fühlte sich sogleich versichert. Sie verstand, dass es nun darauf ankam, dass sie einen klaren Kopf behielt. Erwartungsvoll den Plan zu erfahren, den sie wohl bloß noch nicht verstanden hatte, sah sie Sandy-Mei mit großen Augen an.
„Ja, er sieht genauso aus. Können wir ihn damit finden?“ fragte das Mädchen.
„Oh ja, das können wir, aber wir brauchen noch etwas. Erzählst du mir, was passiert ist?“
„Da war ein Hase und Baff ist hinterher gelaufen. Dann sind wir auch hinterher gelaufen, bis wir ihn hier verloren haben.“
„Sehr gut,“ sagte Mei, „und hast du etwas dabei, das Baff gehört?“
„Ja, seinen Spielball.“ Das Mädchen sah sie verwirrt an.
„Dann haben wir ihn schon so gut wie gefunden,“ behauptete Mei. „Ich sage euch jetzt was wir machen,“ dabei sah sie auch den Jungen an, der die Hände inzwischen von den Hüften genommen hatte und ebenso fasziniert lauschte, was denn nun der Plan war. Sandy-Mei erklärte, dass Biff die Fährte seines Bruders würde aufnehmen können, wenn man ihn an dem Ball schnüffeln ließe. Dann würden sie sich bloß den Wege entlang ziehen lassen müssen, den Baff genommen hatte. Von weiter oben als es den Kindern möglich war, wollte auch sie gemeinsam mit ihrer Freundin Nya nach Hasen und einem Hund Ausschau halten, der genauso aussah wie Biff. Die Kinder waren von dem Plan begeistert und machten sich sogleich ans Werk. Aus dem verschwundenen Hund war plötzlich eine spannende Detektivgeschichte geworden, auch wenn sie sich gewiss noch immer Sorgen machten. Nya zog eine Augenbraue hoch, als Mei sie mit in die Sache hineinzog, doch sprach sie ihr auch ihre Anerkennung aus. „Du kannst wirklich gut mit Kindern umgehen,“ sagte sie bewundernd. Das brachte Mei ein wenig aus dem Konzept „M-Meinst du?“ Nya legte ihre Hand um die hölzernen Schultern ihrer Begleitung und flüsterte ihr ins Ohr „Ganz sicher sogar, mit dir könnte man gut eine Familie gründen.“ Es bereitete ihr viel zu viel Vergnügen die schüchterne Holzfrau zu necken. Wäre Sandy-Mei eine Menschenfrau gewesen, hätten sich ihre Wangen gewiss gerötet, doch so bedankte sich sich bloß stotternd und konzentrierte sich schnell wieder auf die Such nach dem Hund.
In stetigem Richtungswechsel folgte Biff der Spur seines Bruders, dennoch schien er zielstrebig zu sein, der Hase und der verlorene Hund mussten wohl einige Umwege genommen haben. Wann immer Biff die Spur verlor, fand er sie wieder, sobald der Junge ihn erneut an dem Spielball schnuppern ließ. Nach kaum einer Viertelstunde, als der Spürhund einmal mehr die Fährte neu aufnahm, bemerke Mei, dass sie ihr Ziel bereits erreicht hatten. Vereinzelt waren Hasenbauten im Umkreis auszumachen und aus einem ragte das schwarze Hinterteil des kleinen Hundes, der beim Versuch sich hinein zu buddeln stecken geblieben war. Der kurze Schwanz wedelte freudig hin und her, als habe der Vierbeiner seine missliche Lage noch nicht einmal begriffen. Mei behauptete, dass sie fürchte dem Hund mit ihrer Stärke wehzutun und so bat sie Nya um Hilfe. Diese ging seufzend in die Hocke und ließ sich dazu herab den Hund aus dem Loch zu ziehen und dem Mädchen die vom Erdboden verdreckt Leine zu reichen. Das Kind fiel der Elfe dankend um den Hals und nun war es diese, die überfordert da saß. Sie hielt still, bis sie wieder losgelassen wurde und sah zu Mei auf. Der hölzernen Mimik verriet gewiss nichts, doch glaubte Nya den Schalk durch ihre Augen blitzen zu sehen. Hatte sie die Elfe absichtlich um Hilfe gebeten um sich für vorhin zu revanchieren? Nyaradel gefiel die Vorstellung, dass es ihr Verdienst war, dass Mei möglicherweise zu dieser halbwegs selbstbewussten Tat verleitet worden war und lächelte sie unbewusst an. Der Holzfrau wiederum war, als bliebe ihr nicht vorhandenes Herz für eine Augenblick stehen, sie hatte Nya im vergangenen Monat, seit sie sich kennen gelernt hatten kein einziges mal lächeln sehen und das Bild, das sich ihr nun bot, war wahrlich wunderschön.
Die Frauen verabschiedeten sich von den beiden glücklichen Kindern und setzten ihren Weg durch den Park fort. Irgendwann führte Nya ihre Begleitung einen kaum erkennbaren Wildpfad entlang, der zwischen den Büschen und Bäumen des äußeren Parkrandes hindurch führte. Der Pfad traf nach einigen Minuten auf einen übriggebliebenen Abschnitt der früheren Stadtmauer, die das Parkgebiet zu einer Seite hin abgrenzte. Einen weiteren Nutzen bot die Mauer nicht mehr, denn man hatte eine neue Stadtmauer angelegt als Windschild nach Jahrzehnten um ein vielfaches gewachsen war. Der Pfad verlief von hier an weiter an der Mauer entlang und Nya ging noch einige Meter weiter bis sie plötzlich mitten auf dem Weg zum Stehen kam. Mei wollte schon fragen, ob sich die Elfe verlaufen habe, doch da begann diese auch schon die Mauer empor zu klettern. In gleichmäßigen Abständen ragten Mauersteine aus der Wand, eine absichtlich angelegte Leiter, die auf den ersten Blick kaum zu erkennen war. Mei war erstaunt darüber, dass Nya diesen Aufstieg irgendwann einmal entdeckt haben musste. Sie hing die leichte Stofftasche quer über ihren Oberkörper und folgte der Elfe den langen Weg nach oben. Als sie endlich an der Spitze angelangt waren, trat Nya auf die Mauer, bot Mei ihre Hand an und half ihr auf den sicheren und allem voran horizontalen Steinuntergrund. Mei sah sich um und traute ihren Augen nicht. Auf einem großen Stück der Mauer war ein wunderschöner Blumengarten angelegt worden. Ein Weg aus bunten Mosaiktrittsteinen verlief in Schlenkern über das satte Gras zwischen den Blumenkübeln und führte zu einer elegant gearbeitete Holzbank mit Blick auf den Park oder die Stadt, je nachdem, wie man darauf Platz nahm. Nach oben hin wurde der geheime Garten durch die riesigen alten Bäume verborgen, deren Kronen noch über die Mauer reichten. Mei war sprachlos. Nya behielt die Hand der Holzfrau in der ihrigen und führte sie zu der kunstvollen Bank. Erst als beide saßen und über die Dächer der Stadt sahen ergriff sie das Wort.
„Wie findest du es?“ fragte Nya stolz, denn sie war sich der Antwort bereits sicher.
„Es… ist wunderschön,“ fand Mei ihre Stimme wieder.
„Ich habe diesen Ort noch nie zuvor jemandem gezeigt und du sollst die einzige bleiben. Er war verwahrlost als ich ihn fand, ich bin sicher, dass ihn niemand mehr kennt. Er war eine Zuflucht, die nur mir gehörte, aber nun muss ich nicht mehr flüchten. Ich wünsche mir, dass dieser kleine Garten ab jetzt uns beiden gehört.“
„Ich… ich weiß nicht was ich sagen soll.“
„Sag einfach ja.“
„Ja, ja natürlich, aber… wenn du irgendwann doch einmal jemand… anderen hier her bringen willst, dann lass dich nicht aufhalten.“
„Das werde ich mit Sicherheit nicht wollen.“
Mei sah die Elfe verwundert an. Sie glaubte zu verstehen, was es zu bedeuten hatte, dass sie einen derart romantischen Ort einzig mit ihr teilen wollte, doch konnte das wirklich wahr sein? Sie bestand doch ganz und gar aus Holz, vieles wäre zwischen den beiden nur schwer möglich. Da erinnerte sich Mei, dass die Elfe erwähnt hatte, dass sie die Liebe schon seit langer Zeit aufgegeben hatte. Bei diesem Gedanken empfand sie nun mehr nichts weiter als Mitleid mit ihr und hoffte, dass sie eines Tages, wenn ihr der Richtige über den Weg lief feststellen würde, dass sie sich geirrt hatte. Mei schämte sich für ihre anfänglichen Gedanken und hob schnell die Stofftasche über ihren Kopf um sie auf ihren Schoß zu legen. „Ich habe auch etwas für dich. Es ist nicht so besonderes wie dieser Garten, aber ich wollte es dir schon lange geben.“ Damit überreichte sie die Tasche. Nya zog das Oberteil des himmelblauen Tanzgewandes hervor, blinzelte zweimal und sah Mei fragend an. Die fürchtete schon etwas falsches getan oder gesagt zu haben und stammelte los. „M… Magst du es nicht? Ich… ich dachte… in Shilas Laden hattest du gesagt, dass dir das Kostüm so gut gefiel, also…“ Nya legte den Finger auf die Lippen der Holzfrau. Obwohl Mei ihren Mund nicht zum Sprechen benötigte verstummte sie und die Elfe sah ihr tief in die Augen. „Es hat mir vor allem an dir gefallen,“ sprach sie verführerisch und strich eine der blonden Korkenzieherstähnen aus dem starren Gesicht. Mei wusste nicht wie ihr geschah, da lehnte sich Nya bereits zu ihr herüber und küsste sie auf den hölzernen Mund. Die Frauen verharrten einige Herzschläge regungslos, bis Nya die Lippen ihrer Begleiterin wieder frei gab.
„Schenkst du mir nun ein ja ohne aber?“ fragte Nya.
„Ich… ich bin doch aus Holz,“ brachte Mei schwach hervor.
„Bitte, Mei. Ich liebe dich, das meine ich ernst.“ Nya sah sie flehend an und doch erwartete sie, dass ihr verkümmertes Herz jeden Moment endgültig zerbrechen würde.
„Ich… Ich liebe dich auch,“ flüsterte Mei. „Ich meine,… Ja.“
Nya konnte zuerst nicht glauben, dass Mei diese Worte wahrlich ausgesprochen hatte, doch dann wurde ihr klar, dass dies die Realität war. Sie lächelte zum zweiten Mal an diesem Tag und zum zweiten Mal seit vielen Jahren. „Das Lächeln steht dir,“ bemerkte Mei gedankenverloren. „Danke“ flüsterte die Elfe und küsste die unbewegten Holzlippen ein weiteres Mal. „Spürst du das?“ fragte sie anschließend. Mei schüttelte den Kopf und doch legte sie die Hand auf ihre Brust, dort wo ein Herz hätte sein sollen. „Ich spüre es hier,“ sprach sie und dieses Mal war sie es, die sich zu Nya herüber lehnte.
Kapitel 11: Wendepunkt
Am frühen Abend des folgenden Achttages waren Sandy-Mei und Nyaradel zu einem weiteren Treffen verabredet. Die Elfe hatte in dieser Woche erneut für eine ausgefallene Tänzerin einspringen müssen und so hatten sich die frisch Verliebten kaum gesehen. Dieses Mal plante Mei für einige Überraschungen zu sorgen und so hatte sie den Ort ausgewählt. Bereits seit ihrer zweiten ersten Begegnung hatte sie darüber nachgedacht mit Nya durch den Innenhofgarten bei Pairena zu spazieren. Der Park, in welchem es dank des verzauberten Glasdaches stets warm war, erschien ihr passend für die Elfe, die ihre sommerliche Heimat vermisste. Da sich allem voran Pärchen in dem Liebesgarten trafen, hatte sie davon bislang allerdings abgesehen, doch nun standen die Dinge anders. Es war durchaus denkbar, dass die Elfe den Ort bereits kannte, denn immerhin lebte sie schon einige Jahre in Windschild und der Garten war kein Geheimnis, wie jener auf der alten Stadtmauer, doch dies war nicht die einzige Überraschung, die Mei vorbereitet hatte. Bereits vor längerer Zeit hatte sie von Nya erfahren, wer es gewesen war, der ihr vor über einem halben Jahr das Angebot für den gut bezahlten Auftritt auf seiner Prestigefeier gemacht hatte. Kurz darauf hatte sie Shila darum gebeten den Edelmann bei nächster Gelegenheit nach einem neuen Angebot zu fragen.
Am gestrigen Tag war Shila dann auf einer Kostümschau mit ihm ins Gespräch gekommen. Es hatte sich herausgestellt, dass die Feierlichkeit in diesem Jahr das erste Mal abgehalten worden war und guten Anklang beim Adel gefunden hatte. Der Herr plante daher diese von nun an jedes Jahr stattfinden zu lassen und weiterhin stets eine fremde Kultur in den Mittelpunk zu stellen. In diesem ersten Jahr hatte er die Feier unter Zeitdruck gestalten müssen und bei all jenen anfragen lassen, die eventuell etwas beitragen konnten. Wegen der kurzfristigen Planung hatte er sich gar salbst dazu herabgelassen mit den ein oder anderen Interessenten zu sprechen. Letztendlich war die Kultur ausgewählt worden, bei der er das Programm am schnellsten hatte füllen können. Sofern es Nya bis zum nächsten Fest gelänge ein authentisches Mondkleid aufzutreiben und ihren Auftritt fertig zu stellen, so würde ihr der Auftrag sicher sein. Tatsächlich war der Mann gar froh gewesen, dass ihm die Entscheidung, welche Kultur er beim nächsten Mal präsentieren würde, erleichtert worden war. Aus anderen Quellen hatte Shila erfahren, dass die Feier ursprünglich deshalb zustande gekommen war, da ein anderer Adliger den Herren kulturell ungebildet genannt hatte und dieser seine Ehre verteidigen wollte. Dem Schandmaul hatte er dabei noch eines auswischen können, denn gewiss hatte er jenes ebenso als Gast geladen. Mei hatte über das unreife Verhalten der beiden Adligen lachen müssen, doch sie war auch froh, dass durch das Wetteifern eine willkommene Veranstaltung ins Leben gerufen worden war.
Wie verabredet stand die Holzfrau vor dem Tunnel in der Wohnhauswand und konnte es kaum erwarten Nya die frohe Kunde zu überbringen und ihr das Mondkleid zu schenken, das sie bereits seit sie die Maße der Elfe kannte mit größter Sorgfalt für sie geschneidert hatte. Mei fragte sich, ob es wohl zu früh sei Nya nach einer Woche als Paar zu fragen, ob sie in einem halben Jahr mit ihr zusammenziehen wollte. Wenn die Elfe ihr Honorar von der Adelsfeier bekam und auch sie selbst eine gute Summe angespart haben sollte wäre das eine passende Gelegenheit. Die Holzpuppe verlor sich in allerhand weiteren Gedanken, mit denen sich nur frische Liebe beschäftigte, bis sie sich irgendwann gewahr wurde, dass sie bereits eine ganze Weile auf ihre Herzensdame wartete. Es sah der Elfe nicht ähnlich sich zu verspäten und so wuchsen Sandy-Meis Sorgen, bis sie nach einer knappen halben Stunde anfing den Garten zu durchsuchen. Nya war nirgends zu entdecken doch traf die Holzfrau Pairena in Begleitung von Kapitän Karnickel, einem weiteren Mann und einer Frau an, die ihr beide unbekannt waren. Sie bat die Alchemistin darum ein Auge darauf zu haben, ob eine Amethystelfe den Park betrat. Diese beglückwünschte Mei zu ihrer wiedergefunden Liebe und willigte gerne ein. Gemeinsam mit ihren Liebhabern begab sie sich zu der Bank, die dem Eingang am nächsten lag. Mei war froh, dass Nyas Erscheinung in diesen Gefilden einzigartig war, denn sie war sich nicht sicher wie viel die vier von ihrer Umgebung mitbekamen. Dankend verabschiedete sie sich und machte sich daran die Amethystelfe andernorts zu suchen.
Sandy-Mei klopfte bei Nyas Kellerwohnung an und fragte im Nachtlokal, das bereits im Begriff war zu öffnen. Die Elfe war nicht aufzufinden und niemand wusste etwas, abgesehen davon, dass sie sich in dieser Nacht freigenommen hatte. Sandy-Mei fragte sich, ob sie die nächtlichen Stunden mit ihr verbringen wollte, doch ihre Sorge wog zu schwer um weiter darüber nachzusinnen. Dennoch, wenn dies ihr Plan gewesen war, vielleicht war sie bei Mei zuhause anzutreffen. Auf dem Rückweg zur Schneiderpuppe machte Mei einen Zwischenstopp bei Pairena, doch weder sie noch ihre Begleiter hatten die Elfe gesehen. Auch im Laden und zugleich Heim der Holzpuppe war Nya nicht, als Mei eine Eingebung erfuhr. Vielleicht hatte die Elfe sie nicht richtig verstanden, als sie ihr gesagt hatte, dass sie ihr einen weiteren geheimen Garten zeigen wollte und wartete inzwischen seit Stunden im Blumengarten auf der alten Stadtmauer auf sie. Zum Glück waren die Tage derzeit recht lang und so schaffte sie es noch vor der Dämmerung in den öffentlichen Park mit der Mauerabgrenzung. Die Holzpuppe verlief sich mehrfach und wäre sie aus Fleisch und Blut, hätte sie sich in den Dornenranken zweifelsohne einige Schrammen an den Waden zugezogen. Irgendwann gelang es ihr den richtigen Wildpfad durch den waldähnlichen Außenbereich zu finden und bald kletterte sie wie beim letzten Mal samt Tasche die Leiter aus Mauersteinen empor. Als sie den Kopf schließlich über den Steinabschluss schob, hatte sich der Himmel zum Sonnenuntergang bereits purpur und violett gefärbt und bot hinter der Kulisse des Blumengartens einen romantischen Anblick. Über den Rand der Mauer spähend, hielt Mei nach ihrer Geliebten Ausschau und da saß sie in der eleganten roten Bluse, die ihren schmalen Rücken frei ließ, auf der filigranen Holzbank und sah der Abenddämmerung zu, doch sie war nicht allein.
Neben ihr saß ein Mann mit goldener Haut und langen spitzen Ohren, ein Bernsteinelf. „Ich werde das schon klären, vergiss sie. Ich möchte, dass dieser Ort von jetzt an nur noch uns beiden gehört,“ sprach Nya in diesem Moment. Der Elf lächelte vielsagend schief. Er gab keine unsicheren Worte oder Bedenken von sich, wie Mei es getan hatte, er sagte überhaupt nichts. Stattdessen griff er Nya bei der Hüfte und zog sie bestimmt zu sich heran. Die Elfe schien recht angetan davon und die Lippen der beiden verschmolzen zu einem leidenschaftlichen Kuss. Als die Holzfrau Zeuge dessen wurde, was zwischen den beiden war, sah sie allem voran etwas, das sie Nya niemals würde geben können. Sie war weder bestimmend, noch konnten ihre starren Holzlippen die Küsse der Elfe erwidern. Dennoch verstand sie nicht, wie sich Nyas Gefühle so schnell hatten wandeln können, und wie sie Mei das antun konnte. Fieberhaft überlegte sie, wie all das zu erklären sei. War die Elfe dort wirklich Nya? Alles stimmte, ihr Gesicht im Profil, ihre Stimme, die ihr bekannte rückenfreie Bluse. Hatte sie eine Zwillingsschwester? Doch Nya hatte erzählt, sie habe bloß zwei Brüder und dass niemand außer ihr diesen Ort kennen würde. Es bestand kein Zweifel daran, sie musste es sein. Da wurde sich Sandy-Mei der Worte gewahr, die sie zuvor vernommen hatte. War es dabei um sie – Sandy-Mei – gegangen? Hatte Nya nicht gesagt, dass ihr Liebster sie vergessen solle und dass sie den Ort nur noch für ihn und sich alleine wollte? Auf der Bank wurde das Paar zusehends ungestümer und die Holzfrau konnte sich das Bild, welches sich ihr bot nicht länger mitansehen. Der Anblick schmerzte unermesslich, denn die tiefen Gefühle, die Mei für Nya hegte, konnten trotz ihres Verrates nicht mit einem Male erstickt werden. Benommen sah die Holzfrau die Mauer hinab und starrte die Steinleiter an, die nach unten führte. Zwar musste sie nun nicht mehr mit ansehen, was zwischen den beiden geschah, doch das Wissen und die Vorstellung waren noch weit schlimmer. Sandy-Mei konnte ihr Leiden nicht länger ertragen und ihr wurde schwindelig. Im nächsten Moment verlor sie das Bewusstsein und sie stürzte in die Tiefe.
Als Sandy-Mei erwachte, lag sie am Fuße der Mauer inmitten der Büsche, die ihren Sturz teilweise abgefedert hatten. Der Himmel hinter den schwarzen Silhouetten der Zweige hatte sich bereits in das sternengesprenkelte Dunkel der Nacht gekleidet. Von weit über sich hörte Mei die eindeutigen Laute der gemeinsamen Nacht zweier Liebender. Selbst in dieser Situation erkannte sie Nyas Stimme ohne Schwierigkeiten, so oft und gerne hatte sie ihr im letzten Monat gelauscht. Tränenlos begann sie zu weinen, kämpfte sich auf die wackligen Puppengelenke und stürmte schluchzend davon. Die Tasche mit dem Silberseidenkleid blieb irgendwo im Dickicht zurück. Ohne Rücksicht auf sich selbst rannte sie immer fort geradeaus durch die Büsche und Dornensträucher, nur weg von der Mauer und den sinnlichen Geräuschen, die Nya wegen einem anderen entfuhren. Als die Verschmähte schließlich den breiten Hauptweg, der durch den Park führte, erreichte, war ihr Puppenkleid vollends zerrissen und selbst ihr hölzerner Körper war bei dieser Tortur nicht von Schrammen verschont geblieben. Blind vor Trauer rannte sie den Weg entlang bis sie den Park hinter sich ließ. Erst, als sie in die ersten Laternenlichter der Stadt taumelte, brach sie auf den Knien zusammen und erlaubte es sich innezuhalten. Ihre Gedanken kreisten umher und ihre Gefühle stachen wie hunderte Messerstiche in ihren Leib. Leise wimmernd weinte Mei noch eine lange Zeit, bis sie anfing sich zu fragen, was sie nun tun sollte. Sie fühlte sich weit einsamer und unerwünschter, als am Morgen ihres Erwachens, doch wenn sie darüber nachdachte, stimmte das nicht. Sie war nicht vollends allein, wie sie es damals gewesen war, denn sie hatte noch immer ihre Freunde.
Als hinge ihr Leben davon ab, suchte Sandy-Mei hastig in der Rocktasche ihres zerfetzten Puppenkleides nach dem ersten Gedicht, das Miro im Namen aller für sie geschrieben hatte. Es war trotz Sturz und zerrissenem Stoff noch dort und sogar unversehrt. Zitternd las Mei die Zeilen, die sie seither bereits das ein oder andere Mal in sich aufgenommen hatte. Wie stets berührten sie die Worte, doch dieses mal, löste eine bestimmte Stelle etwas in ihr aus. Willst du Vergangenheit und Zukunft suchen gehen? Hieß es dort in einer Zeile. Mei schien es, als wäre ihre Zukunft nur noch dunkel. Alles was sie wollte war zu vergessen und ein neues Leben anzufangen. Doch möglicherweise hatte sie bereits eines. Wenn es mit der Zukunft nichts wurde, dann vielleicht mit der Vergangenheit. Ihre Freunde konnten ihr hierbei nicht weiterhelfen, sie hatten bereits alles getan, was ihnen möglich gewesen war, so wie es das Gedicht versprochen hatte. Es gab jedoch eine Person, die ihr die Vergangenheit vermutlich zurückgeben konnte, die Alchemistin Pairena. Die Mondfrostblumen sollten vor einigen Tagen bei ihr eingetroffen sein. Sie hatte die Pflanzen ihr gegenüber seither zwar nicht weiter erwähnt, doch es war durchaus denkbar, dass ihre Gedanken, wie so oft, mit ihren Liebsten beschäftigt waren und sie es vergessen hatte. Auch Mei hatte sich nicht weiter darum bemüht, denn sie hatte seit Nyas Liebesgeständnis nicht mehr daran gedacht. Zu glücklich war sie mit ihrem Leben gewesen, als das sie das Gefühl verspürt hätte, etwas in Bewegung bringen zu müssen. Abgesehen davon, hatte es seither noch keinen Vollmond gegeben. Mei sah zum Himmel hinauf um einzuschätzen, wann es soweit sein würde. Tatsächlich präsentierte sich der Mond beinahe vollständig am Sternenhimmel, er zeigte sich noch in keinem perfekten Rund, doch morgen oder übermorgen würde es vielleicht schon soweit sein. Mei musste unbedingt wissen, ob die Pflanzen wie erwartet eingetroffen waren. Nach dem rätselhaften Blumensterben und dem darauffolgenden Briefwechsel, hatte die Alchemistin ihr angeboten, dass sie sich ein Exemplar ein paar Tage um die Vollmondnacht ausleihen könne. Auch wenn sich die Holzpuppe noch nicht sicher war, ob sie den Moment der Wahrheit bei Pairena oder allein in ihrem Laden erfahren wollte, konnte es nicht schaden eine Mondfrostblume in ihrem Heim zu wissen. Sollte Pairi in der entsprechenden Nacht ausgeflogen sein, würde sie einen ganzen weiteren Monat warten müssen.
Um nicht weiter an Nya und den Bernsteinelfen denken zu müssen, fixierte Mei sich krampfhaft auf ihr Vorhaben. Als erstes hielt sie nach einer Uhr Ausschau. Zwar begann am morgigen Tag das Wochenende und sie wusste, dass die genussfreudige Pairi oft noch spät wach war, doch es konnten bereits Stunden vergangen sein, seit sie von der Mauer gestürzt war. Mei bog um einige Hausecken, bis sie die Giebeluhr eines imposanten Gebäudes über die Dächer aufragen sah. Auf die Entfernung las sie die Zeit ab. Es war erst kurz nach Zehn Uhr Abends. Eine Kutsche würde sie ohne den Schleier, den sie schon lange nicht mehr trug, kaum finden und mit dem zerfetzten Kleid und der späten Stunde dürfte es nahezu unmöglich sein. Wenn sie sich zu Fuß auf den Weg macht, konnte sie es dennoch bis halb zwölf zum Innenhofgarten schaffen. Es war nicht die höflichste Zeit, doch sollte es noch nicht zu spät sein um Pairena einen Besuch abzustatten. Abgesehen davon blieb Sandy-Mei nichts anderes übrig, als sich an den Strohalm zu klammern, der sie vorm Ertrinken retten sollte und so begab sie sich auf den Weg.
Kapitel 12: Blumensterben
Wie erwartet stand Sandy-Mei gegen halb Zwölf noch an die zwanzig Meter von der gläsernen Stube der Alchemistin entfernt. Sie hatte befürchtet, dass Pairi zu dieser Stunde dennoch unpässlich sein könnte, denn immerhin gehörte die Nacht den Liebenden, doch zu ihrem Glück im Unglück saßen sie und ihre Gefährten draußen auf der Bank am Weg. Im Halbdunkeln der sanft erstrahlenden Kistallaterne erkannten die vier bloß das zerrissene Kleid der Besucherin. Der Schmutz des Erdbodens blieb verborgen und auch das starre Gesicht der Puppe verriet nichts über ihren inneren Zustand. Pairi scherzte, dass sie ihre Liebste allem Anschein nach gefunden habe und diese wohl zur stürmischen Sorte gehörte. Erst als Mei bei diesen Worten anfing zu schluchzen, erkannten die Anwesenden, dass etwas geschehen sein musste. Besorgt entschuldigte sich Pairi und stand auf, denn sie verstand, dass es einen Grund geben musste, aus dem die Holzfrau ausgerechnet zu ihr gekommen war. „Lass uns rein gehen, und dann erzählst du was passiert ist und ich will sehen, was ich für dich tun kann,“ schlug sie vor. Mei nickte bloß matt während das tränenlose Weinen zu einem leisen Wimmern wurde. Den Blick zu ihren Liebhabern gerichtet, fragte die Alchemistin, ob Sandy-Mei mit ihr allein sprechen wolle. Diese kümmerte es nicht, ob ihr Pairi oder unzählige Fremde zuhörten, denn ihr erschien es, als ob alles bedeutungslos sei. So überließ die Alchemistin ihren Begleitern die Wahl, ob sie ihr und der Beklagenswerten Gesellschaft leisten wollten oder sich verabschieden. Teils aus Einfühlsamkeit, teils da man sich den schönen Abend nicht verderben wollte, entschlossen sich alle drei gemeinsam einen Abstecher in die nächste Kneipe zu unternehmen. So waren die beiden nunmehr unter sich und Pairi geleitete die Holzfrau zu den Polstermöbeln in ihrer begrünten Glasstube.
Als die Frauen Platz genommen hatten ließ sich die Alchemistin berichten was geschehen war. Zwischen dem immer wieder aufkommenden Schluchzen fiel es ihr nicht allzu leicht die Worte zu verstehen, doch mit etwas Geduld und einigen Nachfragen hatte sich die Geschichte bald zusammengefügt. Mei fragte nach den Mondfrostblumen und Pairena berichtete, dass diese wie geplant vor einigen Tagen eingetroffen waren. Wie sie es angeboten hatte, lieh sie der Holzpuppe gerne eine davon aus, denn der nächste Vollmond würde tatsächlich bereits zur morgigen Nacht am Himmel erstrahlen. Die aufgelöste Holzfrau brachte einen schwachen Dank über die starren Lippen, dann versank sie in Schweigen. Nun, wo die Blume im Topf vor ihr auf dem Tisch stand, wusste sie nicht, was sie als nächstes tun sollte um die schlechten Gedanken auszutreiben und die Zeit bis zur nächsten Nacht zu überbrücken. Pairena machte sich ähnliche Gedanken und so fragte sie nach, ob Mei Freunde hätte, die ihr in ihrer Lage beistehen konnten. Mei bejahte die Frage, doch sie wollte bis zum Morgen warten, statt Enni oder Miro und Rina zu wecken. Die Alchemistin beteuerte, dass wahre Freunde in schlechten Zeiten gerne für einen da seien, auch mitten in der Nacht. Mei musste zugeben, dass die drei das ebenso sehen würden und so änderte sie ihre Meinung. Die Holzfrau stand von der Polsterbank auf und nahm den Blumentopf an sich. Im Hintergrund schlug eine Kuckucksuhr leise zur Geisterstunde.
Sandy-Mei hatte sich schon lange nicht mehr die Mühe gemacht die Glockenschläge zu zählen, denn seit sie die unheimliche Uhr mit den seltsamen Zeichen aus ihrer alten Dachgeschosswohnung los geworden war, hatte es keine Vorkommnisse mehr gegeben. Sie selbst hatte sich nie eine neue Uhr zugelegt, da sie keine benötigte und wann immer sie die Nacht auswärts verbrachte, waren alle Uhren normal gegangen. Die Holzpuppe verabschiedete sich und machte sich auf den Weg zur Wohnungstür, den Blick hielt sie dabei gesenkt und betrachtete die Blume. Der Pflanze war nicht die geringste Vorahnung auf das Ereignis anzumerken, das Mei in der nächsten Nacht würde erleben dürfen. Bei dem Gedanken daran den ansetzenden Seidenfrost mit eigenen Augen zu sehen, vergaß sie gar für einen kurzen Augenblick ihren Kummer. Im nächsten Moment jedoch hielt sie nur noch einen schwarzen verkümmerten Strauch im Topf vor sich. Die Mondfrostblume war von einer Sekunde auf die nächste verwelkt, genau wie beim letzten Mal. Sie hatte den Prozess nicht einmal beobachten können. An der Wand neben ihr schlug die Kuckucksuhr noch ein einzelnes Mal, dann blieb sie still. Mei sah langsam zur Seite, die Uhr zeigte ein Uhr morgens.
Erschrocken drehte sie sich schlagartig zur Alchemistin um, doch diese war ebenso unerklärlich und spurlos verschwunden, wie die Mondfrostblume ihr Leben verloren hatte. „Pairi?“ fragte die Holzpuppe ängstlich in die dämmrige Stube, doch sie bekam keine Antwort. Langsam trat sie zurück in Richtung der Raummitte und sah sich um, irgendwo zwischen den Gewächsen musste sich eine Tür zu den anderen Räumen der Wohnung verbergen. Als Mei im Zuge ihrer Suche an den Tisch heran trat, erstarrte sie und ließ den Blumentopf fallen. Das Gefäß zersprang auf den Fliesenboden und verteilte die Erde weitläufig. Vor Sandy-Mei erstreckte sich ein Bild, das grauenvoller war als alles, was sie sich je hätte vorstellen können. In einer großen Blutlache lag der reglose Körper der Alchemistin neben der Polsterbank, auf der sie gerade noch gesessen hatte. Mei stürmte um den Tisch herum und schmiss sich vor Pairi auf die Knie um ihr das Leben zu retten. Der Körper war von zahlreichen breiten Stichwunden übersät und neben ihm lag eine blutige Heckenschere. Mei beugte sich über Pairena hielt sie an den Schultern und rüttelte sacht an ihr um ihr ein Lebenszeichen zu entlocken. Der Körper war jedoch kalt und begann bereits zu erstarren, auch die Blutlache hatte Gerinnungen angesetzt, für Pairi kam jede Hilfe zu spät.
Mei war sofort klar, dass die Alchemistin schon länger tot sein musste und doch hatte sie nichts von dem Mord mitbekommen. Da endlich verstand sie, was die kryptische Tintenwarnung über die gestohlene Geisterstunde zu bedeuten hatte. Die Hexe musste in der Lage sein sie in der Stille zwischen den Glockenschlägen zur Mitternacht und ein Uhr morgens auszuschalten. Während Pairena um ihr Leben gekämpft hatte, war die Holzpuppe in zeitlose Dunkelheit entschwunden. Ihr hölzerner Körper hatte bloß da gestanden und auf die Mondfrostblume geblickt, eine volle Stunde lang. Als sie dann wieder eingeschaltet wurde, war es ihr erschienen, als sei bloß ein Augenblick vergangen. Wie oft dies bereits geschehen war konnte Sandy-Mei unmöglich sagen, sicher war nur, dass es in dieser Nacht das erste Mal in Gesellschaft vorgekommen war. Es bestand kein Zweifel, dass die Hexe Pairena derart dringend hatte töten wollen, dass sie jede Vorsicht hatte fahren lassen. Sandy-Mei begann sich Vorwürfe zu machen. Hätte sie die Warnung aus dem Buch bloß ernster genommen! Hätte sie sich doch nur eine neue Uhr zugelegt, vielleicht wäre sie dem Monster dann auf die Schliche gekommen und diese fürchterliche Tragödie hätte nie geschehen müssen. Und wäre sie heute Nacht doch nur willensstark genug gewesen um bei Sinnen zu bleiben, sie hätte die Alchemistin mit ihrem kräftigen Holzkörper gewiss beschützen können.
Sandy-Mei konnte vor Trauer und Schuldgefühlen kaum klar denken, bis ihr ein Gedanke durch den Kopf schoss. Eines wusste sie mit Sicherheit, die wahre Schuldige war die Hexe, die irgendwo die Fäden zog, als wäre sie nichts weiter als eine Marionette. Wutendbrand griff sie zur Mordwaffe und sprang auf, sie wollte nichts mehr als Rache an dem grauenhaften Biest zu nehmen. Sie stürmte in jeden Raum der Wohnung, doch seit der Tat war nahezu eine ganze Stunde vergangen und die Hexe hatte längst das Weite gesucht. Sandy-Mei fand keine Spur von ihr, außer dass wie zu erwarten auch alle anderen Mondfrostblumen zerstört worden waren. Kurze Zeit später fiel die Holzpuppe in der Stube neben der toten Pairena auf die Knie. Tränenlos weinte sie vor Trauer und schlug vor Wut über das unnötige Leid und ihre Machtlosigkeit immer wieder auf den Fliesenboden, bis die hölzernen Hände zu zersplittern begannen. Wie stets spürte sie die Verletzungen an ihrem Leib nicht, doch der Schmerz in ihrem Inneren stieg ins Unermessliche.
Als bereits mehrere Holzspäne abgesplittert aus Sandy-Meis Fäusten heraus ragten und sie ein erstes Knacken in einem der magisch verbundenen Handgelenke hörte, hielt sie endlich inne und wandte sich von dem grauenvollen Anblick ab um sich zu beruhigen und nachzudenken. So sehr sie sich auch dagegen sträubte, es war offensichtlich, dass die Hexe Pairena ihretwegen getötet hatte und auch die zerstörten Blumen fielen mit Sicherheit auf sie zurück. Das konnte nur eines bedeuten. Ihr waren tatsächlich Erinnerungen verloren gegangen und die Hexe wollte um jeden Preis verhindern, dass sie diese zurück bekam. Da in der nächsten Nacht bereits Vollmond war, erklärte dies auch, weshalb die Hexe derart schnell hatte handeln müssen. Sandy-Mei wollte sich schon Vorwürfe machen, dass sie die Warnung nicht bereits nach dem ersten Blumensterben verstanden und ihre Vergangenheit hatte ruhen lassen, doch da fragte sie sich, was die Hexe in der Zeit, in der sie ihre hölzernes Spielzeug ausschaltete, tat. Es konnte gewiss nichts Gutes sein und Mei wusste, dass sie die Machenschaften der Hexe beenden musste. Zu ihrem Unglück fiel ihr nur eine Möglichkeiten ein, sie musste die Hexe aufspüren und zur Strecke bringen und sie hatte nicht die geringste Ahnung, wie sie das bewerkstelligen sollte.
Sandy-Mei wollte keine weiteren Personen mehr in Gefahr bringen, insbesondere nicht ihre Freunde. So sehr sich Rina auch darauf verstand Rätsel und Probleme zu lösen, an sie konnte sie sich nicht wenden, denn die Hexe schien zumindest teilweise zu wissen, was sich in Meis Umfeld abspielte. Da sie bislang mit großer Sorgfalt darauf geachtet hatte, dass niemand etwas von der gestohlenen Geisterstunde mitbekam, war es denkbar, dass die Hexe das Wissen darüber, beinahe ebenso sehr fürchtete, wie jenes, das mit ihren Erinnerungen verloren gegangen sein musste. Wenn sie die Menschen in ihrem Umfeld schützen wollte, dann musste sie so gut es ging verschweigen, was sie erfahren hatte und nur dann jemanden einweihen, wenn es zwingend notwendig war. Zudem musste sie schnell handeln, denn nun wo das Geheimnis der Hexe gelüftet worden war, würde sie zur nächsten Geisterstunde womöglich erneut ohne Rücksicht zuschlagen. Ohne Mondfrostblumen und die Aussicht darauf ihre Erinnerungen rechtzeitig zurück zu erlangen, erschien ihr der Werkstoffmagier Brand, der sich mit der alten Magie auskannte, als derjenige, der ihr womöglich noch am ehesten weiter helfen konnte. Große Hoffnungen machte sie sich nicht, doch es war die einzige Option, die ihr einfiel. Noch immer wie benebelt von all dem Leid, das sie in dieser Nacht hatte erfahren müssen, stand Mei auf. Sie wagte es nicht zu Pairenas Leiche zurück zu blicken und fixierte stattdessen den Ausgang. Die Wache zu bemühen hatte kaum einen Sinn, sie wären gewiss nicht in der Lage eine Hexe zu jagen über die niemand etwas wusste. Wahrscheinlich würden sie Mei nicht einmal Glauben schenken, sondern sie selbst für die Mörderin halten. Dann würde man sie festnehmen und es ginge kostbare Zeit verloren. Mit einer Endgültigkeit, die der des Todes selbst glich, verließ sie die gläserne Stube. Hier konnte sie nichts mehr ausrichten.
Als Sandy-Mei die Werkstatt von Tüftel und Barnd von Dreck und Blut verschmutzt, mit zerfetztem Kleid und zersplitterten Händen erreichte, war es noch immer tiefste Nacht. Mei blieb vor der Eingangstür, die im großen Tor der Werkstatt eingelassen war stehen und lauschte am Metall. Drinnen war es auffällig still, nicht einmal die stets geschäftigen Roboter waren zu hören. Um die Blicke nicht auf sich zu ziehen, sobald es hell werden würde, verbarg sich Mei hinter einem großen Blechkasten, der nahe der Stadtmauer neben dem Gebäude stand und wartete Stunde um Stunde auf die Sonne und die Wissenschaftler. Mit Sicherheit würde sie den beiden große Angst einjagen, wenn sie in diesem Zustand bei ihnen auftauchte und vermutlich würden sie ihr ohnehin nicht weiterhelfen können oder wollen, doch sie musste zumindest den Versuch wagen. Mei fragte sich, ob man die Leiche der Alchemistin wohl bereits gefunden hatte und nach ihrem Mörder suchte. Wie fürchterlich mussten die Schreie ihrer Geliebten sein, wenn sie Pairi tot auffanden. Der Holzpuppe war, als ob sich ihr die Kehle zuschnürte, sie versuchte zu schlucken, doch der Hals aus massivem Holz ließ es nicht zu. Wie ihr Umgang mit einer jeden Emotion würde sie die Trauer einzig auf geistige Weise verwinden können, irgendwann einmal. Mei verlor sich in ihren dunklen Gedanken, bis der Morgen graute und sie einen Handkarren um die Gebäudeecke biegen hörte. Sie riskierte einen Blick und sah eine kleine Gestalt die direkt auf den metallenen Kasten zusteuerte. In dem Karren aus Holzstreben, den sie zog, stapelten sich mehre kleine Kisten. Die Holzfrau erkannte, dass sie sich hinter einem übergroßen Briefkasten verborgen hatte. Der Spalt zwischen Hausrückwand und Stadtmauer war zu weit entfernt um zu fliehen und so versuchte sie sich möglichst klein zu machen und hoffte, dass der Postbote sie nicht bemerken würde. Hinter ihr wurde der Blechkasten aufgeschlossen, eine der Holzkisten hinein gelegt und dann wieder geschlossen. Mei lauschte, ob sich Schritte und Wagen auf dem Kopfsteinpflaster wieder entfernten, doch es blieb still, bis sie eine bekannte Stimme vernahm.
„Sandy-Mei? Was machst du da?“ fragte Enni verwundert. Da erinnerte sich die Holzfrau, dass Enni einmal erwähnt hatte, dass sie ab und an Post austrug. Musste es denn unbedingt heute und in diesem Stadtteil sein? „N-nichts,“ log die Puppe instinktiv um ihre Freundin nicht in die Sache hinein zu ziehen. „Du bist ja ganz dreckig und dein Kleid ist total kaputt,“ da hockte Enni auch schon vor ihr, „ist das Blut?“ Sie sah die Puppe besorgt an. „Ich… ich hab große Probleme, aber ich kann dir nichts sagen ohne dich in Gefahr zu bringen. Bitte, geh weg, schnell.“ Enni ließ sich jedoch auf den Hintern fallen und machte angestrengte Geräusche als würde sie nachdenken. „Hmmm, da war irgendwas, womit man jedes Problem lösen kann, egal wie schlimm es ist. Es ist ein Geheimnis meiner Familie, von dem ich eigentlich nichts erzählen darf, aber ich weiß nicht mehr was es war.“ Mei riss erstaunt die Puppenaugen auf, doch sie bestand weiterhin darauf, dass Enni sich in Sicherheit bringen solle. Auch wenn sie selbst nicht daran glaubte, beteuerte sie, dass Brand ihr bestimmt helfen könne, sobald er in der Werkstatt war. Enni fand, dass das nach einer guten Idee klang, vor allem, da ihr nicht einfiel, was das noch einmal für ein Geheimnis war, das ihre Familie hütete. Sie gab allerdings auch zu bedenken, dass Sandy-Mei dann wohl noch zwei Tage warten müsse, denn es sei ja der erste Tag des Wochenendes. Das hatte Mei bei all den fürchterlichen Dingen die geschehen waren ganz vergessen. So lange konnte sie unter keinen Umständen warten. Bis dahin hätte sich die Nachricht über den Mord schon lange verbreitet und es konnten noch andere Menschen zu Schaden gekommen sein. Sandy-Mei war ratlos, was sie nun tun sollte und gerade als sie einmal mehr ausdrücklich darauf bestand, dass Enni gehen solle, schnipste diese mit den Fingern. „Ich weiß es wieder!“ rief sie. „Es ist irgendwo im Wald. Ich hole was. Warte draußen beim Stadttor auf mich!“ Damit sprang sie auf und lief davon, den Handkarren und die Post hatte sie ganz und gar vergessen.
Mei hatte Enni noch etwas hinterher gerufen, doch diese war einfach weiter gerannt. Da sie keine andere Option sah und Enni nicht allein mit irgend einem Geheimnis ungeschützt vor der Stadtmauer sehen wollte, blieb ihr nichts anderes übrig, als zum Treffpunkt zu gehen. Nun, bei Tageslicht, konnte sie so wie sie aussah nicht einfach durch Windschild spazieren. Zu ihrem Glück war die Stadtmauer dazu erbaut worden Angreifer von außen abzuwehren und nicht dazu die Bürger im inneren einzusperren. Schleichend untersuchte Mei das breite Stück Stadtmauer, das in dem Sicherheitsabstand zwischen Werkstatt und nächster Häuserreihe verlief nach einem Aufstieg und tatsächlich fand sie eine Stelle. Wie erhofft gab es vorstehenden Mauersteine, die eine Leiter nach oben bildeten, ganz so, wie bei der alten Stadtmauer und dem Garten zwischen ihren Zinnen. Nach den schrecklichen Tod von Pairena erschien Mei der Herzschmerz, der sie zu ihr geführt hatte mit einem Mal lächerlich und sie empfand beinahe so etwas wie Erleichterung darüber, dass zumindest Nyaradel in Sicherheit sein sollte, nun wo sie sich von ihr losgesagt hatte. Mit diesen Gedanken stieg Mei die Mauer hinauf und sprang auf der anderen Seite in die niedrigen Büsche. Auch diese federten ihren Sturz ausreichend ab, dass der robuste Holzkörper keinen großen Schaden nahm und einige Zeit später verbarg sie sich am Waldrand, der ein gutes Stück vom Stadttor entfernt lag und behielt dieses im Blick während sie auf Enni wartete.
Nach einiger Zeit trat tatsächlich die bekannte Gestalt der kleinen schlanken Frau aus dem Tor und sie hielt etwas in Händen, das sie nicht einmal verbarg. Wenn dies etwas mit dem Geheimnis ihrer Familie zu tun hatte, dann hatte sich die naive Enni schon jetzt unnötig in Gefahr gebracht. Die Frau winkte den Wachen zum Abschied, dann lief sie den Weg der zum Wald führte entlang und sah sich immer wieder suchend um. Mei offenbarte sich, als Enni die ersten Bäume hinter sich gelassen hatte. Diese wiederum zeigte ihr das Objekt, das sie in Händen hielt. Es war ein Kompass. Enni erklärte, dass ihre Großeltern einmal eine Geschichte erzählt hatten. Früher waren ihre Großeltern sehr arm gewesen und sie und ihr Sohn, der später Ennis Vater werden sollte, drohten im Winter zu verhungern. Durch großes Glück fand ihre Großmutter als junge Frau den Kompass und dieser hatte sie zu einer Dame im Wald geführt, die wie ein strahlender Engel aussah. Die weiße Dame, wie die Frau von ihrer Oma genannt worden war, hatte ihre Großeltern und ihren Vater gerettet und von da an war ihre Familie reich gewesen. Enni überreichte Mei den Kompass und tatsächlich zeigte dieser nicht nach Norden. Gemeinsam mit der Holzpuppe wollte sie sich auf den Weg machen, doch Mei bestand darauf, dass Enni in Windschild bleiben solle. Diese fügte sich Meis Wunsch nach einigen Widerworten und ging zurück. Die Holzpuppe sah ihrer Freundin nach, bis diese sicher hinter der Stadtmauer verschwunden war, dann folgte sie der Kompassnadel in den dichten Wald.
Kapitel 13: Die weiße Dame
Bereits an der ersten Kreuzung musste Sandy-Mei den Weg und dessen
Gabelungen, die zu den nächsten Dörfern führten, verlassen. Stunde
um Stunde irrte sie durch den Wald. Der Kompass wies stets in die
selbe Richtung, doch war es nahezu unmöglich das dichte Unterholz
auf geradem Wege zu durchqueren und so hielt sich die Puppe an die
Wildpfade, die durch die ungezähmte Wildnis verliefen. Etwa gegen
Mittag stieß sie auf einen kleinen Bach, den sie nutzte um Blut und
Erde so gut es ging aus ihrem Kleid und von ihrem Holzkörper zu
waschen. Sie wollte dieser weißen Dame in möglichst friedlicher
Erscheinung gegenübertreten um ihr nicht mehr Angst einzuflößen
als nötig. Insbesondere, wenn die Frau ihr tatsächlich dabei helfen
konnte die Machenschaften der Hexe zu durchkreuzen oder sie zumindest
davon zu befreien, dass diese sie zur Geisterstunde nach ihrem
Gutdünken ausschalten konnte. Sandy-Mei wanderte noch den gesamten
Tag durch den Wald. Wann immer sie den Vorteil nutze, dass ihr
hölzerner Körper niemals ermüdete, indem sie versuchte über die
Pfade zu rennen, bereute sie es bald, denn sie stolperte über
Steine, Wurzeln und herabgefallene Äste. Da sie auf diese Weise kaum
schneller voran kam und zudem ihr halbwegs wieder hergerichtetes
Aussehen riskierte, folgte sie dem Weg, den der Kompass wies, bloß
mit eiligen Schritten. Gegen Abend fürchtete sie, dass sie es nicht
mehr vor Mitternacht zur weißen Dame schaffen könnte. Bald wurde es
so dunkel, dass sie immer wieder stehen bleiben musste um den Kompass
genau zu betrachten und die Nadel zu erkennen. Gerade, als sie sich
fragte, ob sie die Nacht besser im Wald verbringen und das beste
hoffen sollte, statt die weiße Dame in Gefahr zu bringen, drehte der
Kompass plötzlich derart schlagartig zur Seite, dass Mei die
Kompassnadel anschlagen hörte.
Da wurde ihr gewahr, dass
es unnatürlich still geworden war. Die Insekten waren verstummt und
auch das gelegentliche Rascheln nachtaktiver Tiere im Unterholz blieb
aus. Die Holzpuppe sah sich um, ihr Ziel musste irgendwo in der Nähe
sein, denn sofern der Kompass nicht kaputt war, war sie vermutlich
gerade daran vorbei getreten. Mei folgte der neuen Ausrichtung des
Kompasses mit gesenktem Blick noch einige Schritte, bis die Nadel
begann sich im Kreis zu drehen. Die Holzpuppe sah auf. Sie stand
dicht vor einem breiten Baumstamm, der sich kaum von den anderen im
Wald unterschied. Vorsichtig streckte sie die Hand nach dem Holz aus.
Als sie die Rinde Berührte, ging eine sanfte Melodie durch den Stamm
und aus ihm wuchsen hölzerne Treppenstufen die in einem Wendelgang
nach oben führten. Mei sah hinauf doch abgesehen von den Stufen war
nichts zu erkennen als eine ganz gewöhnlichen Baumkrone und so
machte sie sich an den Aufstieg. Als sie schließlich durch das
Blätterdach brach, offenbarte sich ihr das Heim der weißen Dame. Im
Stamm des Baumes fanden sich Fenster aus Bernstein, die sich
unregelmäßig in Astlöchern über das Holz verteilten. Die Treppe
endete direkt an einem weiteren, größeren Astloch das bloß mit
einem Schleier aus Perlenketten verhangen war. Gerade als Sandy-Mei
unsicher um Einlass beten wollte erklang von drinnen eine Stimme so
sanft und melodisch, wie der Gesang zuvor.
„Wie schön
endlich einmal wieder Besuch zu haben, komm doch herein, meine
Liebe.“
Mei bahnte sich einen Weg durch den
Perlenschleier, der dabei einladend klimperte und trat wie geheißen
durch das große Astloch. Sie erblickte die Bewohnerin in einer
gemütlichen kleinen Stube an einem Tisch sitzend. dieser wuchs
ebenso natürlich aus dem Stamm, wie die Hocker, die ihn umringten.
Auch die Regale und Schränke an der runden Innenwand, sowie alle
sonstige Möbel waren direkt mit dem Raum verbunden. Leuchtende gelbe
und rote Beeren, die in Dolden von der rauen Stammwand hingen,
tauchten den Raum in ein warmes Licht. Die Frau am Tisch trug weiße,
schillernde Schmetterlingsflügel an ihrem Rücken und war von Haut
bis Haar von ebenso strahlendem Weiß. Sie erschien Mei tatsächlich
wie ein Engel oder womöglich gar eher eine Fee, die nicht von dieser
Welt stammte.
„G-Guten Abend. Ent-Entschuldigen Sie die
späte Störung.“ stammelte sie.
„Ach, nicht doch,
setz dich erst einmal zu mir, ich bin übrigens Enigmara“ damit
wies sie auf den Hocker, der am Tisch ihr gegenüber aus dem Boden
wuchs und Mei nahm platz.
„Sandy-Mei.“ stellte sie
sich leise vor. „Wie viel Uhr ist es?“ fragte sie dann plötzlich
erschrocken.
„Verzeih, ich leben nicht nach euren
Zeiten, gib mir einen Moment.“ Die Frau legte ihre Hand flach auf
den Tisch, schloss die Augen für einige Sekunden und summte mit der
selben Stimme, die Mei schon zuvor gehört hatte. „Es ist kurz vor
zehn Uhr Abends, genügt dir das so?“ antwortet sie, als sie die
Augen wieder aufschlug.
„Oh ja, ein Glück, danke,“
sprach Mei erleichtert, sie hatte also noch in etwas zwei Stunden
Zeit.
„Du bist sicher hergekommen, weil du eine schwere
Zeit durchmachst und Hilfe suchst, so wie alle die ihren Weg zu mir
finden. Was kann ich für dich tun, meine Liebe?“
Sandy-Mei
erzählte von dem fürchterlichem Mord an Pairena und den sterbenden
Mondfrostblumen. Von den Geisterstunden, in denen sie ausgeschaltet
wurde, der Tintenwarnung und ihren verlorenen Erinnerungen. Sie
berichtete, was sie bislang herausgefunden hatte, welche Mutmaßungen
sie über die Hexe angestellt hatte und brachte ihre Befürchtung zum
Ausdruck, dass ein jeder, der mit ihr in Verbindung stand, seit den
Ereignissen der letzten Nacht in Gefahr schweben könnte. Sie
entschuldigte sich dafür, dass sie nun auch ihre Gastgeberin in
Gefahr gebracht habe, doch sie wisse keinen anderen Ausweg. Dann bat
sie Enigmara um ihre Hilfe, ihre Lieben zu beschützen, sie von der
Hexe zu befreien oder diese gar zu besiegen. Die weiße Dame schwieg
eine Weile während sie nachdachte, doch der traurige Ausdruck auf
ihrem Gesicht verhieß nichts Gutes.
„Ich fürchte, ich
habe kaum eine gute Nachricht für dich. Diese Hexe muss sehr mächtig
sein, wenn sie all das bewerkstelligen kann. Weit mächtiger als ich
es bin. Ich kann dir nicht helfen sie zu besiegen und deine Lieben
vor ihr zu schützen oder dich auch nur von ihr befreien. Es tut mir
wirklich sehr leid,“ sprach die weiße Dame mit Bedauern. „Doch
eines gibt es, das ich für dich tun könnte.“
„Was
könnten Sie tun?“ fragte Sandy-Mei niedergeschlagen, doch noch
nicht vollends ohne Hoffnung.
„Ich könnte dir deine
verlorenen Erinnerungen zurück geben, wenn du es willst?“
„Ja
bitte!“ sprach Mei selten bestimmt.
„Nun gut, mach
dich darauf gefasst, dass dies eine sehr verwirrende Erfahrung sein
kann. Die Wiederherstellung wird sich so real anfühlen, als ob du
alles erneut erlebst und bei deinen ersten verlorenen Erinnerungen
beginnen. Da du vermutlich nicht alterst, könnte das sehr lange her
sein.“
Mei verstand und nickte. Die weiße Dame legte
beide Arme mit den Handrücken nach unten ausgestreckt auf den Tisch.
„Nimm meine Hände und lasse sie nicht los, egal was du erleben
wirst, oder es wird uns beiden das Leben kosten.“ Die Holzpuppe
riss erschrocken die Augen auf, doch nickte sie und folgte der
Anweisung, sie konnte die einzige Waffe, die sie vielleicht noch
gegen die mörderische Hexe besaß nicht aufgeben. Die weiße Dame
schloss ihre Augen. Dann begann sie erneut zu summen. Die Stimme
brachte den Raum leicht zum Vibrieren und der Inhalt der gewachsenen
Schränke rappelte leise. Dann sah Mei wie Tränen das weiße Gesicht
ihres Gegenübers herab rannen. Sie wollte fragen, ob alles in
Ordnung sei, da sah sie plötzlich nur noch Schwarz und im nächsten
Moment saß sie in ihrer alten Dachgeschosswohnung am Schreibtisch,
in jener ersten Nach seit sie erwacht war. Mei war verwundert. Konnte
dies wirklich ihre erste Erinnerung sein? Sie versuchte sich
umzusehen, doch stattdessen tat der Körper in dem sie steckte genau
das, was er auch damals getan hatte. Er ließ die Schreibfeder auf
dem noch leeren Briefpapier ruhen. Es war exakt der Moment gewesen,
nachdem die große schwarze Standuhr zum zwölften Mal geschlagen
hatte, doch dieses mal erklang kein dreizehnter Schlag und sie
untersuchte auch nicht die Standuhr unter dem Laken. Sandy-Mei
erwartete, dass sie nun, soweit es das eingeschränkt Sichtfeld ihres
erstarrten Körpers und ihr Gehör zuließen, erfahren würde, was
die Hexe trieb, wenn sie die Holzpuppe ausschaltete, doch stattdessen
blieb sie die Herrin ihres eigenen Leibes.
Sandy-Mei legte
in aller Ruhe die Schreibfeder beiseite und verließ ihre
Dachgeschosswohnung. Sie ging durch die Straßen der schlafenden
Stadt, bog um Häuserecken, nahm Schleichpfade und wechselte die
Richtung, denn irgendwoher wusste sie, welche Wege die Menschen
entlang gingen, die zu dieser Stunde noch unterwegs waren und sie
wollte ihnen nicht begegnen. Nicht diesen Menschen zumindest. Nicht
denen die eine Arbeit, Familie und Freunde hatten und nach denen man
suchen würde, wenn sie verschwanden. Nein, was sie brauchte waren
Menschen, die niemand vermissen würde. Jene, die kein Zuhause
hatten. Solche, die für die Gesellschaft wertlos und auf sich allein
gestellt waren. Menschen, die nur jene kannten, denen es ohne Obdach
und Unterstützung ebenso erging und denen niemand zuhörte, wenn
einer der ihrigen verschwand. Solche die schon viel Leid erlebt
hatten, köstliches Leid… Und da schritt sie auch schon
durch einen Park und fand ihr Opfer auf einer Bank liegen, in Decken
gewickelt und stinkend nach Ale und ungewaschenem Fleisch. Eine
unbestimmbare Euphorie stieg in Sandy-Mei auf, als sie sich
hinkniete, ihren Handschuh auszog und die hölzerne Hand auf das
Gesicht des Schlafenden presste. Dieser wachte schnell auf, doch noch
ehe er schreien konnte war es zu spät. Sein Gesicht erstarrte zu
weißem Hexenholz und bald darauf sein gesamter Körper. Als er
vollständig zu Holz geworden war, schrumpfte sein Körper zu einer
kleinen Spielzeugpuppe zusammen, die all das Leid auf kleinstem Raum
in sich gespeichert hielt, das der Landstreicher in seinem Laben
hatte erfahren müssen.
Sandy-Mei steckte die kleine Puppe
in ihren Mantel, stand seelenruhig auf und ging zurück zu ihrer
Wohnung. Dort eingetroffen suchte sie sich Stoffreste und
Nähutensilien aus dem Vorrat der Vermieter
und schneiderte der Puppe einen hübschen kleinen Anzug samt Fliege
für den Hals. Als sie fertig war, nahm sie sich ein Stück Kreide,
malte einen Kreis mit Hexenrunen auf den Fußboden und legte die
Puppe in die Mitte. Sie sprach die Zauberformel, die sie so gut
kannte und die Puppe ging in Flammen auf. Von
einem Moment auf den nächsten war
das bemitleidenswerte Spielzeug
verschwunden ohne auch nur ein Stäubchen
Asche zu hinterlassen. Sandy-Mei säuberte den Fußboden ordentlich
von dem Hexenkreis.
Dann setzte sie sich wieder an den Schreibtisch, nahm die Feder zur
Hand und setzte die Spitze auf dem Briefpapier an, so verharrte sie,
bis die letzten Minuten der
Geisterstunde
verstrichen waren
und die Uhr eins schlug, doch
das bekam sie
nicht mehr mit, denn sie sprang zur nächsten Erinnerung. Die
Holzfrau wollte die Hände losreißen, doch die weiße Dame hielt sie
fest und rief dumpf hinter
dem Schleier der durchlebten Erfahrungen
„Du darfst nicht loslassen!“ Sie hatte recht. Was mit ihr selbst
geschah kümmerte Mei nicht nach dem was sie getan hatte, doch sie
durfte die weiße Dame nicht in Gefahr bringen.
Es folgten
noch unzählige Erinnerungen, in denen Mei ihre schrecklichen Taten
fortführte, denn sie hatte nicht bloß ab und an zur Geisterstunde
ihr Unwesen getrieben, sondern jedes einzelne Mal, wenn sie des
Nachts allein gewesen war und beinahe jedes Mal endete es mit einer
neu
eingekleideten kleinen Puppe, die sie den Flammen übergab. Sie
erlebte, wie sie selbst es war, die die erste Mondfrostblume in ihrer
Dachgeschosswohnung vergiftete und noch in der selben Nacht auch die
Pflanzen bei Pairena zerstörte. Es folgten noch viele weitere
Holzpuppen, die im Feuer verschwanden, bis sie ihre letzte verlorene
Erinnerung durchleben sollte. Sie wollte es nicht sehen, mit eigenen
Händen tun, um keinen Preis. Sie versuchte sich loszureißen, es
sollte nur noch enden, doch die weiße Dame hielt sie in eisernem
Griff. „Lass nicht los!“ rief sie erneut, doch Mei konnte sich
ohnehin nicht befreien. Viele Male stach sie mit der Heckenschere auf
Pairi ein,
auch dann noch, als diese längst aufgehört hatte zu zucken. Dann
zerstörte sie die Mondfrostblumen in der gesamten Wohnung und
stellte sich mit dem toten Exemplar, das die Alchemistin ihr
ausgeliehen hatte zur Eingangstür, als hätte sie sich nie von der
Stelle bewegt.
Die letzte Erinnerung endete und Sandy-Mei
fand sich zitternd wieder in dem Baumzimmer mit der weißen Dame, die
nun endlich ihre Hände los ließ und sie fragend ansah. „Was ist
geschehen?“ fragte sie besorgt. Die Holzpuppe reagierte nicht, in
ihr war nichts mehr als Leere. Es gab keine Hexe, die ihr die
Geisterstunde stahl und niemanden der ihr die Erinnerungen verwehrte,
außer ihr. Sie selbst war die Hexe! Das Übel, das alle in ihrer
Umgebung in Gefahr brachte. Es war ihr stets seltsam vorgekommen,
dass sie nicht Ruhen musste und nie ihre Kraft verlor, doch dass sie
sich des Nachts in ein Monster verwandelte, dass vom Leid der
Menschen lebte wäre ihr niemals in den Sinn gekommen. Am Ende hatten
ihre frühesten Befürchtungen und die Ängste der Bürger der Stadt
recht behalten. Sie war die Täterin und nicht das Opfer und sie
hatte Flüche und Verderben über die Menschen gebracht, oder
zumindest glaubte sie das. „Sandy-Mei?“ Die weiße Dame versuchte
erneut sie in die Realität zurück zu bringen und auch wenn die
Holzpuppe nichts mehr von der Welt wissen wollte, so gab es doch
eines, das sie noch tun musste.
„Wie spät ist es?“
fragte Mei plötzlich, denn für sie war es, als wären all die
Stunden, die sie vergessen hatte, in voller Länge vergangen und sie
fürchtete um die Sicherheit der feenhaften Frau.
„Es
sind bloß einige Sekunden vergangen. Es scheint so, als wären es
nicht allzu viele Erinnerungen gewesen,“ erklärte die weiße
Dame.
„Können Sie mich zerstören?“ fragte Mei
monoton und mit leerem Blick.
„Ich soll… Aber warum?“
fragte die weiße Dame ungläubig.
„Können Sie?“
wiederholte Mei bloß.
„Ich möchte dir nicht schaden…“
wandte die Frau ein.
„Bitte!“ flehte Sandy-Mei. „Es
gibt keine Hexe, ich bin gefährlich und… es tut so weh,“ sprach
Mei voller Leid.
„Keine Hexe?“ Die weiße Dame sah Mei
zum ersten Mal ängstlich an. „Wenn du dir ganz sicher bist… Ich
kenne einen Zauber, der dich womöglich ausschalten könnte,…
endgültig.“
„Ja, ich bin mir sicher. Ich will nur,
dass der Schmerz aufhört und ich niemanden mehr verletze. Versucht
es, Bitte!“
„Na gut… vielleicht… ist es besser so.
Setz dich hier zu mir.“
Mei nahm auf einem weiteren
gewachsenen Hocker direkt neben der weißen Dame platz. Diese hatte
sich zu ihr gedreht und so tat sie es ihr gleich. Die beiden sahen
einander bedeutungsschwer in die Augen, dann legte die weiße Dame
ihre Hände sanft an die Wangen der Holzfrau. „Es wird nicht
wehtun,“ versprach sie mit ruhiger Stimme, dann begann sie erneut
zu summen. Sandy-Meis hölzerner Körper erstarrte in wenigen
Sekunden zu völliger Bewegungslosigkeit, dann änderte die weiße
Dame die Melodie und aus dem sanften Zügen wurde ein hämisches
Grinsen. Mit einem Male schossen noch weitere Erinnerungen durch den
Geist der Holzfrau. Erinnerungen von einer Kindheit in einem kleinen
Dorf. Hier trug sie den Namen Demira und war ein ganz gewöhnliches
Menschenmädchen, das bald das Schneiderhandwerk ihrer Eltern
erlernte. Dieses Mal zogen die Eindrücke und Gefühle in
Sekundenschnelle vorüber, bloß jedes Mal, wenn Damira etwas
schlechtes erfuhr spielten sich die Erlebnisse in realer
Geschwindigkeit und ganzem Ausmaß ab. Die weiße Dame kostete jedes
Leid, das Tamara in ihrem Leben erfahren hatte in vollen Zügen aus.
Vom kleinsten Kinderstreich bis hin zum größten seelischen Schmerz.
Insbesondere erfreute sich die weiße Hexe am grauenvollen Tod ihrer
Familie, der noch nicht lange zurück lag. Plünderer hatten das Dorf
überfallen und ihre Eltern und ihr jüngerer Bruder waren ihnen vor
Demiras Augen zum Opfer gefallen. Die folgenden Erinnerungen spielten
sich erneut schneller ab und doch erlangte Sandy-Mei ihr verlorenes
Wissen in vollem Umfang zurück.
Die junge Menschenfrau
Demira verließ das Dorf, auch wenn es wieder aufgebaut wurde, denn
jeder Winkel erinnerte sie an das Grauen, das hier geschehen war. Auf
diese Weise war sie vor etwa einem halben Jahr in Windschild
eingetroffen. Eine große Stadt, die sie noch nie besucht, doch von
der sie gelesen hatte und von der es hieß, dass dort alles möglich
sei, sogar zu vergessen. Als sie sich im Stadtregister eingetragen
hatte und letztlich durch das Tor trat, war die Sonne bereits
untergegangen und sie stand verloren vor den hohen Gebäudeschluchten,
die nur von den Kristalllaternen erhellt wurden. Die Wege von
Windschild reichten von schmalen Gassen, in denen man glaubte von den
endlosen Häuserwänden erschlagen zu werden bis hin zu breiten
Straßen, auf denen zwei Kutschen bequem nebeneinander Platz fanden.
Demira fürchtete, dass sie sich verlaufen würde, wenn sie auch nur
einen Fuß in dieses Labyrinth setzte. Sie dachte an die Heimat, das
einfache Dorf, das nur einen Weg besaß und in dem sie jedes Gebäude
kannte. Das Dorf, das von Höfen und Feldern umgeben war, die einen
bis zum Horizont blicken ließen. Sie fragte sich, ob sie besser dort
geblieben wäre, doch alles was sie bei diesem Gedanken verspürte
war der Schmerz. Gerade als sie überlegte, wie sie das Gasthaus
finden sollte, das ihr der Wachmann Miro empfohlen hatte, wurde sie
von einer freundlichen kleinen Frau mit braunen Zöpfen angesprochen.
Es war Enni, die wie immer recht dümmlich wirkte, doch kannte sie
sich in der Stadt aus und bot an Demira den Weg zu zeigen. Enni
führte die Menschenfrau zielstrebig durch einige Gassen, bis sie in
einer dunklen Sackgasse standen. Die ungeschickte Frau entschuldigte
sich verlegen kichernd für den Fehler, drehte sich wieder herum und
trat an Demira vorbei.
Als sie direkt neben ihr stand
presste sie plötzlich ihre Hand auf das Gesicht der Reisenden und
sofort verschlossen sich deren Lippen. Demira konnte weder sprechen
noch sich bewegen, denn ihr gesamter Körper erstarrte augenblicklich
zu Holz. Plötzlich hörte sie viele schattenhafte Flüsterstimmen in
ihrem Geist, es waren die selben Stimmen, die später aus einem Buch
zu ihr sprechen und sie vor der Hexe warnen sollten. Jene Stimmen,
die auch dem Bärenkopf aus Tinte in Bücherwyrms Hort
entsprungen waren. Die Stimmen in ihrem Kopf riefen nur zwei Worte:
„Lauf weg!“ Mit einem Mal konnte sie sich wieder bewegen, und sie
rannte, ließ gar ihren Rucksack fallen um der Hexe schneller zu
entkommen. Immer weiter und weiter sprintete sie durch die
unbekannten Gassen. Ihre Verfolgerin hatte sie erfolgreich abgehängt,
doch dann, als sie gerade in der Gasse war, in der die alte
Pfeifenpafferin und der Hausmann lebten, schlug es zwölf Uhr und
ihre Erinnerungen wurden ausgelöscht. Sandy-Mei bekam noch so gerade
mit, wie ihr altes menschliches Ich das Bewusstsein verlor, dann saß
sie wieder in dem runden Holzraum. Enigmara grinste sie noch immer
feixend an, als die letzte verlorene Erinnerung erlosch. Die weiße
Hexe wuchs mit samt des Raumes in die Höhe, denn Sandy-Mei
schrumpfte auf die Größe einer Spielzeugpuppe zusammen. Es war das
letzte, was sie sehen sollte. Ihr wurde schwarz vor Augen. Dann
spürte sie, was es bedeutete ins Nichts zu gehen und ihr Leben
erlosch.
Enigmara seufzte zufrieden und auch erleichtert.
Demiras fehlgeschlagene Verwandlung hatte ihr einiges an Ärger
bereitet. Gewiss hatte es sich auch als dienlich herausgestellt, dass
die Holzfrau, so wie sie behandelt wurde, noch mehr Leid ansammelte,
zumindest Anfangs. Endlich einmal, hatten die Hexenholz-Geschichten,
die ihr immer ein Dorn im Auge gewesen waren, etwas Gutes an sich
gehabt. Wie hatte Enni es doch genossen, sie durch die zahlreichen
Schneidereien zu geleiten und dabei zuzusehen, wie ihre Zuversicht
schwand, als sie ein ums andere Mal aus dem Laden geworfen wurde.
Wäre nur diese Shila keine furchtlose ehemalige Abenteurerin
gewesen, die noch dazu ein goldenes Herz unter ihrer barschen Art
verbarg. Ebenso angenehm war es gewesen, dass sie die Holzpuppe
zumindest zur Geisterstunde kontrollieren und Magie durch sie wirken
konnte, denn so musste sie nicht mehr selbst des Nachts durch die
Straßen der Stadt wandeln. Auch war ihre Ausbeute um einiges
ertragreicher als gewöhnlich gewesen, denn wo sie sich in ihrem
Hexenring im Wald in Sicherheit wähnte, hatte sie sich weit weniger
zurückgehalten. Von all dem gespeicherten Leid in den
Hexenholzpuppen würde sie einige Jahre zehren können. Das Leid der
Sterblichen war zugleich ihre Nahrung und die Quelle ihrer Macht,
denn es waren die Tränen ihrer Opfer, die sie vergoss, wenn sie auf
das alte Leyliniennetz zugriff um Zauber zu wirken oder sich jung und
schön zu halten.
Das gesamte Unterfangen hatte jedoch
auch ein großes Risiko dargestellt. All die Erinnerungen, die sie
hatte manipulieren und löschen müssen. Dem Wachmann Miro hatte sie
das Wissen nehmen müssen, wie die Frau am Tor ausgesehen hatte, denn
er hätte sie auch in Holz gemeißelt wiedererkennen können. Dennoch
musste er etwas gespürt haben, als er sie später auf dem Platz sah
und Enigmara war gezwungen gewesen sich gar einen Platz als alte
Freundin in den Erinnerungen des Wachmanns und seiner Frau zu
schaffen. Damit war es noch längst nicht getan gewesen. Es gab nur
drei Dinge, die den unterbrochenen Fluch hätten auflösen können.
Das eine wäre der Name der Frau gewesen, denn in wahren Namen
steckte große Macht. Zu ihrem Glück hatte sie es geschickt so
einfädeln können, dass sie die Gelegenheit erhalten hatte Demira
mit profaner Werkstoffmagie einen falschen Namen in das Holz ihres
Nackens zu zaubern, sodass sie gar nicht erst nach einem anderen
suchte. Bei dieser Gelegenheit hatte sie auch einen Zauber in die
Holzgravur gewoben, der es ihr erlaubte Mei jederzeit aufzuspüren.
Zu allem Überfluss war dann noch diese Amethystelfe aufgetaucht. Ein
einsames Wesen, das zu bedingungsloser Liebe fähig war und das den
Weg zur Schneiderpuppe gefunden hatte, obwohl Enni absichtlich
keine Zettel in ihrer Umgebung aufgehangen hatte. Wenn es eines gab,
das noch mächtiger war als ein wahrere Name, dann war es die wahre
Liebe, die sie Zeit ihres langen Lebens als verabscheuungswürdig
empfunden hatte. Nyaradels Erinnerungen zu verändern hatte Enigmara
ganze fünf Puppen gekostet, denn die Elfe hatte sich ausgesprochen
erfolgreich gegen den geistigen Eingriff zur Wehr gesetzt.
Die
Mondfrostblumen wiederum hätten dem Fluch an sich nicht gefährlich
werden, oder die mitternächtliche Kontrolle über ihr unvollendetes
Werk aufheben können, doch hätte Sandy-Mei ihre Erinnerungen
zurückerlangt, wäre alles weit komplizierter geworden. Die Holzfrau
hätte gewusst, dass die unscheinbare Enni sie angegriffen und
verwandelt hatte und Enigmara hätte mühsam erneut ihre Erinnerungen
und die einer jeden Person, die sie eingeweiht hätte, manipulieren
müssen. Dazu wäre es notwendig gewesen die Person persönlich
aufzusuchen und es hätte sie unnötig weitere ihrer Puppen gekostet.
Zudem hätte sie schneller sein müssen, als sich die Nachricht über
die Hexe Enni in Windschild verbreiten würde. Enigmara war gewiss
mächtig und kein Sterblicher konnte etwas gegen sie ausrichten, doch
wenn eine ganze Stadt von ihr erfahren und sie jagen würde, sähe es
selbst für sie schlecht aus. Zu ihrem Glück genoss Enni das
vertrauen der Holzfrau und so war es ein Leichtes gewesen die Puppe
des Nachts von ihrer Urangst abzulenken, nachdem sie die erste Blume
in Sekunden hatte sterben sehen, oder dies zumindest glaubte.
Zeitmagie löste bei vielen eine unbestimmte und starke Angst vor dem
aus, was nicht sein sollte und sie hatte verhindern wollen, dass Mei
zu lange über das plötzliche Sterben der Mondfrostblume nachdachte
und das Rätsel löste. Dass sie wegen der verlorenen Geisterstunde
gar gewarnt worden war, hatte Enigmara zu diesem Zeitpunkt nicht
einmal gewusst. Erst jetzt, wo sie die Erinnerung in Sandy-Meis Geist
gesehen hatte, war ihr klar geworden, das es noch einen Spieler
gab.
Das brachte die weiße Hexe zur dritten und letzten
Macht, die ihr gefährlich werden konnte. Dies waren Magier des alten
Volkes, zu dem auch sie gehörte. Seit Äonen hatte sie kein Zeichen
eines anderen ihrer Art mehr gefunden, doch es musste einen geben,
hier in dieser Stadt. Jemand hatte die Verwandlung beim ersten
Versuch unterbrochen und Sandy-Mei ihre Körperkontrolle und ihre
Stimme zurück gegeben. Jemand, der mit vielen schattenhaften Stimmen
kryptische Warnung aus einem Buch von sich gab um sich vor ihr, der
weißen Dame Enigmara, zu verbergen. Eine Gefahr, die sie noch würde
ausräumen müssen. Der Magier war vorsichtig gewesen, daran bestand
kein Zweifel. Immerhin war auch er an die selben Gesetzte gebunden
wie sie und hätte er, als er die Warnung aussprach, einen ihrer
Namen genannt, hätte sie es sogleich bemerkt und gewusst, wo er sich
aufhielt. Hätte er den Zauber wiederum länger aufrecht erhalten um
mehr zu verraten, wäre ihr zweifelsohne aufgefallen, dass jemand
anderes als sie das alte Leygewebe in der Umgebung anzapfte, auf
welches die neuen Spezies nicht zugreifen konnten. Auch die vielen
schattenhaften Flüsterstimmen machten es unmöglich den Magier
wiederzuerkennen oder auch nur zu sagen, ob sie nach einem Mann oder
einer Frau suchen musste. Dennoch, er hatte den Fehler begangen sich
einzumischen, denn nun wusste sie, dass er existiert und vermutlich
auch einige der früheren fehlgeschlagenen Verfolgungen ihrer Ziele
zu verantworten hatte. Es war nur eine Frage der Zeit, bis sie ihn
auf frischer Tat ertappen und zur Strecke bringen würde.
Zufrieden
mit sich selbst stand Enigmara von ihrem Hocker auf und holte ein
besonders schönes Puppenkleid aus einer Schublade, das sie schon vor
Monaten für Sandy-Mei genäht hatte. Zurück am Tisch entfernte sie
die alten Fetzen sorgfältig vom Leib ihres frischen Sammelstückes,
kleidete es neu ein und bürstete der Puppe die Locken. Dann trat sie
zu dem Schrank, in dem es zuvor gerappelt hatte, als sie in
komplizierter Detailarbeit nur bestimmte Erinnerungen der Holzfrau
zurück geholt hatte. Der Schrank reichte bis zur Decke und war so
breit, dass er eine ganze Hälfte der kreisrunden Wand einnahm.
Mehrere Flügeltüren waren nötig um den Inhalt zu verbergen.
Enigmara öffnete zwei der Türen und betrachtete ihre Kunstwerke.
Die Regalbretter waren in mehreren Reihen bis zum Zerbersten mit
hübsch gekleideten Puppen vollgestopft. Ganz vorne, in die erste
Reihe, setzte sie Sandy-Mei, ihr schönstes Sammlungsstück seit
langem, und noch dazu eines, das besonders köstliches Leid in sich
trug. Enigmara schloss den Schrank und verließ ihren Baum.
Nicht
weit davon trat sie in den Feenring aus weißen Bovisten. Sie sagte
einen Zauberspruch auf, denn auch, wenn sie gesungen hatte, als sie
den Baum verwandelte um Sandy-Mei in ihrem Schauspiel ein Gefühl von
Harmonie zu übermitteln, so wurden in der alten Magie nur
Verzauberungen des Geistes durch Melodien gewirkt. Im Kreis wandelte
sich die wunderschöne Enigmara in die unscheinbare Enni. Dann sprach
sie einen weiteren Zauber und in einer hohen Stichflamme verschwand
die Hexe, nur um in einem weiteren Hexenring im Wald nahe der Stadt
wieder aufzutauchen. Da waren noch einige besorgte Wachen, die darauf
warteten, dass sie vom Kräuter sammeln aus dem Wald zurück kehrte
und eine Amethystelfe, die sicher eine weitere schöne und seltene
Puppe abgeben würde. Insbesondere bei all dem Leid, das sie als
Außenseiterin Jahre lang in Windschild erfahren hatte und dem, das
sie noch würde durchleben müssen. Die Elfe würde bald feststellen,
dass sie der Bernsteinelf bloß ausgenutzt hatte. Nun, wo er die
Nacht mit ihr verbracht hatte, würde er ihr nie wieder einen Besuch
abstatten und sollten sich die beiden doch einmal begegnen, dann
würde er so tun als kenne er sie gar nicht, oder zumindest würde es
der Elfe so erscheinen. Welch Glück, dass die Gefühle, welche die
beiden Elfen verbanden, bei weitem nicht so stark gewesen waren wie
das seltene Band zwischen Nyaradel und Sandy-Mei. Sie konnten es
nicht wissen, denn sie hatten keinen Vergleich. Die Amethystelfe
hatte ihre wahre Liebe Sandy-Mei vergessen und der Bernsteinelf hatte
das zweifelhafte Glück sie zu finden, trotz seines langen Lebens,
noch nicht erlebt. Es war ein leichtes gewesen, die Erinnerungen des
Mannes zu löschen. Gewiss stieg das Risiko mit jeder Person, auf die
sie Acht geben musste, doch war es notwendig gewesen, um ihre
Holzpuppe zu sich zu locken. Der Plan war soweit aufgegangen und nun
würde sie bloß noch die Amethystelfe zu sich locken müssen um ihn
abzuschließen und ihre Puppen in gewohntem kleinerem Maßstab zu
sammeln. Wie wunderbar würden Nyaradels Schmerzen erst sein, wenn
sie sich daran erinnern würde, dass sie die wahre Liebe bereits
gefunden hatte, nur um diese zu betrügen und sie für immer zu
verlieren. Der Hexe verspürte eine leichte Wehmut in sich aufkommen,
als ihr gewahr wurde, dass das gewagte Spiel bald ein Ende fand, denn
sie hatte Gefallen daran gefunden, selbst das Leid zu verursachen,
das ihr als Nahrung diente. Enni grinste hämisch, dann trat sie mit
einem Bündel Kräuter aus dem Wald und setzte ihr harmlos naives
Gesicht auf. Bei der Nachtwache entschuldigte sie sich dafür, dass
sie sich im Wald verirrt habe. Freundlich lächelnd, ließ sie sich
von dem erleichterten Wachmann, der sich Sorgen um sie gemacht hatte
die Tür aufhalten und trat in ihr Jagdgebiet.
Epilog: Verronnenes Leid
Jahre später standen Miro und Rina vor dem Baum der weißen Hexe. Auch sie trugen einen Kompass bei sich. Zu ihrem Glück war es jedoch nicht der selbe, den Enni einst Sandy-Mei überreicht hatte. Nach all der Zeit war es Tüftel und Brand gelungen das Problem der Reichweite ihrer Edelsteinmagie zum Aufspüren eines passenden Gegenstücks zu lösen. Mit Hilfe der Holzflocken, die Sandy-Mei ihnen überlassen hatte, war sodann ein Kompass entstanden, der es vermochte den Weg zu dem Holz zu weisen, von dem die Späne einst abgehobelt worden waren. Hätte die Hexe den gleichen Zauber nicht selbst in den Körper der Holzpuppe gewoben, wäre das Unterfangen trotz allem zum Scheitern verurteilt gewesen. Enigmara hatte gewiss sorgfältig gearbeitet und die Erinnerung an Sandy-Mei und Nyaradel bei all jenen gelöscht, die den beiden nahegestanden hatten, doch während sie das leidlos glückliche Ehepaar nicht weiter im Auge behalten hatte, war ihre Gegenspielerin stets bereit gewesen einzugreifen. Die Frau, die dem selben untergegangenem Volk angehörte wie die weiße Hexe, hatte einen Plan vorbereitet und von da an auf die richtige Gelegenheit gewartet.
Kaum, dass die beiden Wissenschaftler ihren ersten neuen Schmuck fertiggestellt und der Öffentlichkeit zum Verkauf angeboten hatten, war Miro eine ungewöhnlich magische Nachricht erschienen. In dem kleinen von Büchern und anderen Schriften überquellenden Schreibzimmer des Ehepaares, hatte sich die Tinte des Gedichtes, an dem er an jenem Abend schrieb, plötzlich vom Papier gewölbt und mit zahlreichen schattenhaften Flüsterstimmen zu ihm gesprochen. Die Stimmen sagten nur ein einzelnes Wort: „Vollmond“ dann folgten ein paar Zahlen, die Miro geistesgegenwärtig mitschrieb. Gemeinsam mit seiner Frau hatte er schnell herausgefunden, dass es sich dabei um geographische Koordinaten handelte und so fanden sich beide am genannten Ort ein, als der Mond das nächste Mal in voller Pracht am Himmel stand. Dort wurden sie Zeuge eines atemberaubenden Spektakels, das nur wenige Menschen in ihrem Leben zu sehen bekamen. Versteckt zwischen den Wurzeln eines Baumes begann eine weiße Blume mit großen Blütenblättern hell zu erstrahlen. Die Mondfrostblume hatte einen einzelnen Lichtstrahl aufgefangen, dem es gelungen war zu ihr hindurch zu dringen. Miro legte die Arme um Rina, die vor ihm stand und die beiden genossen das romantische Spektakel der strahlenden Mondfrostblume und der Silberseidenfäden, die wie Eiskristalle an den Blütenrändern entstanden. Während das Wunder seinen Lauf nahm, erinnerten sich die beiden, dass sie einst eine Freundin gehabt hatten, die Enni hieß, auch wenn ihnen nicht mehr ganz klar war, wie sie diese kennen gelernt hatten. Außerdem erinnerten sie sich an die Holzpuppe und die Elfe, die ihre Geliebte gewesen war und daran, dass alle drei kurz nacheinander spurlos verschwunden waren. Auf ihrer Suche nach den vermissten Freundinnen wandten sie sich sogleich an Tüftel und Brand und die Geschichte nahm ihren lauf.
Unten am Fuß des großen Baumes hielt Miro den Kompass in der Hand und betrachtete gemeinsam mit seiner Frau grübelnd die Nadel, die sich im Kreis drehte. Er und Rina sahen sich an und nickten, sie umrundeten den breiten Stamm von je einer Seite bis sie sich auf der anderen wieder trafen. Beide hatten keinen Eingang entdecken können und teilten es dem anderen durch ein Kopfschütteln mit. Miro, der beim Training der Wache mehr lernte als bloß imposant mit dem Schwert da zu stehen, legte seine Hand auf Rinas Schulter und blickte zum Blätterdach über ihnen. Rina verstand und ließ ihn widerwillig ziehen. Der Mann machte sich an den mühsamen Aufstieg und zu beider Glück war die Hexe weder zuhause noch sollte sie in der Zwischenzeit zurück kehren. Drinnen fand er den Schrank mit den zahlreichen Holzpuppen. Sorgsam nahm er Regalbrett für Regalbrett jede einzelne Puppe heraus und stellte sie in der gleichen Position auf den Tisch um sie später wieder richtig einsortieren zu können. Ihm war klar, dass er nicht alle Puppen mitnehmen durfte, denn dann würde die Hexe den Einbruch gewiss bemerken. Als er schließlich sowohl Sandy-Mei als auch Nyaradel in einer der hinteren Reihen nebeneinander sitzend gefunden hatte, stand noch eine dritte Puppe auf dem Tisch, die er nicht zurück in den Schrank geräumt hatte. Es war nicht Enni, die er auch nach mehrerem durchsuchen nicht finden konnte, sondern eine Frau, die Tüftel zum Verwechseln ähnlich sah, zweifelsohne ihre noch weit länger verschollene Schwester. Der Körper aller drei Puppen bestanden aus gewöhnlichem braunen Holz, bloß jene die weiter vorne im Schrank standen, besaßen noch die typische weiße Farbe des Hexenholzes. Miro befürchtete, dass dies nichts gutes zu Bedeuten hatte. Dennoch ging er das Risiko ein, dass die Hexe die fehlenden Puppen bemerken würde und nahm alle drei an sich.
Zurück in der Stadt übergab Miro Tüftel ihre verschollene Schwester, geschrumpft und in Holz gebannt. Die Forscherin brach in einen Strom aus Tränen aus, der kaum mehr versiegen wollte und schwor die Puppe für immer bei sich zu tragen. Sie wollte daran glauben, dass sie sich alle irrten und es noch Hoffnung gab und sie eines Tages jemandem begegnen würde, der die alte Magie beherrschte und ihre Schwester zurück verwandeln konnte. Auch Rina und Miro wollten die Hoffnung für das zu Holz erstarrte Paar nicht aufgeben und so taten sie es Tüftel gleich. Rina trug stets Sandy-Mei bei sich und Miro gab auf Nyaradel acht. Die Magierin mit den Schattenstimmen wusste, dass das Leben und Leiden der drei Hölzernen bereits aufgezehrt worden war und sie niemals wieder zum lebendig werden konnten. Sie sollte sich weder Tüftel noch Miro und Rina jemals zeigen, denn die Holzpuppen waren nie der Grund gewesen aus dem sie das Ehepaar auf die Spur der weißen Hexe geführt hatte. Durch alle beteiligten war es ihr möglich gewesen das Versteck der fremden Magierin ausfindig zu machen und somit auch ihre Schwachstelle. Noch in der selben Nacht hatte sie die Gefahr gebannt. Auf die selbe endgültige Art und Weise, auf die auch die weiße Hexe über Jahre hinweg das Leben einer jeden Holzpuppe beendet hatte. Die Bewohner Windschilds sollten niemals davon hören, welches Übel von ihnen abgewendet worden war und nicht einer sollte je den wahren Namen derjenigen erfahren, der sie eine Rettung zu verdanken hatten, von der sie nicht einmal wussten, dass sie sie benötigt hatten.
Danksagung des Autors
Mein Dank gilt meinen zahlreichen Lesern und Leserinnen, denn jene ermöglichen es mir, mich ganz und gar meiner Leidenschaft für das Schreiben zu widmen. Des weiteren danke ich den Personen, die meine Wege kreuzten, für die Erfahrungen und Eindrücke, welche sie mir schenkten, denn unsere Wahrnehmung gebiert erst die Inspiration, die es uns allen erlaubt Neues zu schaffen.
Reiset wohl
Erelias Laubschatten