Das Wochenblatt "Wahnsinns Wahrheiten"

„Wahnsinns Wahrheiten“ ist eine lokale Zeitung des WH Verlags aus Sturmwind, die einmal in der Woche erscheint. Es ist allgemein bekannt, dass dem Inhalt nicht zu trauen ist und es sich hauptsächlich um einen Anreißer handelt, der für den Verlag wirbt. Neben fragwürdigen Artikeln über angebliche Verbrechen, Fabelwesensichtungen, Skandale, Verschwörungen und dergleichen findet sich im Kultutreil einer jeden Ausgabe zudem immer auch ein kurzes Werk von einem Autoren oder einer Autorin, die über den Verlag veröffentlichen. Diese können Leseproben, Kurzgeschichten, Bilderzählungen, Gedichte und vieles mehr sein.

Man darf sich gerne Quatsch ausdenken, den man in diesem „seriösen“ Wochenblatt gelesen hat. Die folgenden Werke von Erelias Laubschatten wurden bisher nur in „Wahnsinns Wahrheiten“ veröffentlicht und werden vermutlich irgendwann einmal in Sammelbänden herausgegeben.

Wochenblattwerke von Erelias Laubschatten:

[01.08.43] Der Wörterwichtel

In einem grauen Winkel der Schattenwelt saß der Wichtel Puknip phasenverschoben an der selben Stelle auf einem Regal, an der in der Welt der Sterblichen ein ausgedienter Hobel des Schreinermeisters lag, der in dieser Werkstatt arbeitete. Ein Streit zwischen dem zwergischen Handwerker und seinem Kunden, der ein feuriger Magmarit war, hatte den Wichtel heraufbeschworen. Während die großen Dämonen zu Schlachten gerufen wurden, um sich im Chaos der sich beeinflussenden Parallelwelten auf die Sterblichen zu stürzen, war die einzige Aufgabe, die einem unbedeutenden Wichtel wie ihm zu Teil wurde, Unruhe zu stiften. Der kleine Dämon kratzte sich gelangweilt zwischen den Hörnern, wobei die langen, zerfransten Ohren wippten, während er lustlos den Hobel mit einem seiner Krallenfüße über den Regalrand schob. Der Magmarit beschwerte sich gerade zum wiederholten Male blubbernd, dass der Stuhl aus Eisenholz, den er hatte fertigen lassen, nicht so feuerfest sei, wie versprochen und dass er sein Silber zurück haben wolle. Da kam der Hobel dicht hinter ihm scheppernd auf dem Boden auf und der schwergewichtige Kunde sprang krachend zur Seite. Nachdem die erste Schrecksekunde überwunden war, flammte der Magmarit wütend auf, sodass feine Sprenkel der flüssigen Lava, die zwischen den erstarrten Steinplatten seines Körpers schwelten, hervor sprühten. „Nichtmol soine Workzeuge hot er sichor aufbewohrt! Gefährdot soine Kundon! Ich worde ihn nicht woiter empfehlon!“ grollte er wild. Der Zwergentischler sah – die buschigen Augenbrauen grimmig zusammengezogen – zum Regal, doch natürlich konnte er den phasenverschobenen Wichtel nicht erkennen. „Hör’n Se mal!“ brummte er tief „Ich hab’ gesagt, dass ich nich’ weiß, wie lange das Holz Elementarfeuer aushält. Gehen Se zu nem Schmied oder Steinmetz und lassen Se mich arbeiten.“ Damit drehte sich der Schreiner einfach um und machte sich an seiner Werkbank zu schaffen. Vor Wut wortwörtlich brodelnd, stapfte der Magmarit felsenknirschend zur Tür.

Puknip, dessen Stimme für die andere Welt nicht zu hören war, krächzte verächtlich. Das war ja ein kurzer Spaß gewesen. Er ärgerte sich, denn zuhause würden ihn die anderen Dämonen nun wieder herumschubsen und dafür auslachen, dass er es nicht einmal hinbekam einen einfachen Streit am Laufen zu halten. Die hatten leicht reden, die Sterblichen waren ganz allein dazu in der Lage sich in Kriegen zu zerfleischen, da mussten die großen Dämonen wirklich nicht viel tun. Sie erschienen bloß bei den Schlachten und zerrissen hier und dort die Krieger, die so oder so gestorben wären. In der Schattenwelt wurden sie dennoch als Helden gefeiert, die den Kriegen ihre gebührende Brutalität brachten. Sich seinem Schicksal ergebend, machte sich Puknip daran vollends zurück in die Schattenwelt zu gleiten, als der Magmarit die Tür öffnete. Von draußen gelangten die Klänge einer Laute und einer Lyra an die Ohren des kleinen Dämons. Die Melodie fand gerade ihr Ende und die Zuhörer applaudierten, pfiffen und jubelten den Künstlern zu. Das reizte den Wichtel nur noch mehr, selbst nutzlosen Musikern brachte man mehr Respekt entgegen als ihm. Da kam Puknip eine Idee. Mit Sicherheit würde niemand bemerken, wenn er etwas länger weg bliebe. Dass man ihn und die anderen Wichtel für unbedeutend hielt, wurde immerhin bei jeder Gelegenheit klar gemacht. Statt die Schmach hinzunehmen, nach seinem missglückten Auftrag nach Hause zurückzukehren und auf den nächsten langweiligen Streit zu warten, zu dem er beschworen wurde, würde er selbst etwas Ärger verursachen. So musste er keine Niederlage hinnehmen und würde sogar selbst etwas bewirken, wie der Held, der er sein sollte.

Draußen kletterte der Wichtel auf die Laterne unter der die Musiker an einer Straßenecke standen und plante seine nächsten Schritte. Die Barden begannen ein weiteres Lied und stimmten bald mit wunderschönem Gesang in das Instrumentenspiel ein. Für den Wichtel war dies jedoch keineswegs eine freudvolle Erfahrung. Der Mann hatte eine unangenehm beruhigend tiefen Stimme und die Frau klang wie eine dieser fürchterlichen Himmlischen. Und dann war da noch der Text, der von Freude und Glück handelte. Zudem waren die beiden augenscheinlich ein frisch verliebtes Paar, denn sie warfen einander diese seltsamen Blicke zu, die Puknip nur von Sterblichen kannte. Da fiel dem Wichtel etwas ein, das er unternehmen konnte, und er ließ sich am Laternenmast auf die Höhe der Instrumente herunter. Wenn er sich von hier aus weit zur Seite streckte, konnte er mit seinen langen dünnen Armen entweder die Laute oder die Lyra so gerade erreichen.

Breit grinsend schrappte Puknip mit seinen Klauenhänden quer über die Saiten der Laute. Der Wichtel erwartete, dass die Barden ihr Spiel unterbrechen würden, doch der Lautenspieler band das Geräusch, das entstand, einfach in das Spiel ein und auch seine Begleiterin untermalte den Patzer geschickt. Puknip knirschte mit den spitzen Zähnen und ging dazu über mit ausgestrecktem Klauenfinger hier und da an den Saiten der Laute zu zupfen. Der Barde runzelte verwundert die Stirn, doch es gelang ihm das falsche Spiel mit ein paar Zwischenakkorden zu einer extravaganten Überleitung zu formen. Schnell legte er die Hand auf die Saiten. Das Zupfen des Wichtels konnte den Klangkörper nun nicht mehr zum schwingen bringen und das Instrument verstummte. Die Bardin übernahm mit ihrer Lyra sogleich die Hauptmelodie und das Publikum bejubelte das gekonnte Zusammenspiel, ohne etwas von dem Tun des Störenfriedes zu bemerken. Puknip kreischte frustriert und lehnte sich zur anderen Seite um das Spiel der Frau zu stören, doch kaum, dass er die erste Saite erwischt hatte, übernahm die Laute des Mannes wieder die Führung. Puknip wechselte noch das gesamte Lied über zwischen den beiden Instrumenten, denn beide konnte er nicht gleichzeitig erreichen, doch die Barden waren ein eingespieltes Paar und gaben die Melodie nahtlos aneinander weiter. Das Lied endete, die Barden verbeugten sich und die Zuhörer applaudierten.

Puknip lief vor Wut dunkel an und sprang vom Laternenmast auf die Straße, die er stampfend mit Tritten strafte. Zu seinem Glück wurde das dumpfe Geräusch von den Zuschauern übertönt. Die Barden verabschiedeten sich und begannen zusammen zu packen. Als sich die Menge aufgelöst hatte, rechnete Puknip damit, dass sich die beiden wenigstens über die Patzer streiten würden, doch die Liebe, die sie verband, war zu stark und sie lachten nur darüber, dass sie wohl einen Kobold angelockt haben mussten. Er, der fürchterliche Puknip, ein pausbäckiger Grinsekobold dem Gras auf dem Kopf wuchs? Wie konnten sie nur! Fest entschlossen es den Barden heimzuzahlen, folgte ihnen der kleine Dämon bis zu ihrem Heim.

Drinnen versuchte Puknip seine Rache zunächst durch Streiche, wie das Verschütten von Wasser oder das Verstecken von Dingen, zu verwirklichen. Er konnte jedoch nicht allzu auffällig sein und das Paar ließ sich schlicht nicht verärgern. Als sich die beiden zusammen fanden um ein neues Lied zu schreiben, nahm ein neuer Plan im Kopf des Unholdes Form an. Wie alle Dämonen, besaß auch der kleine Wichtel die Fähigkeit den Sterblichen Gedanken einzuflüstern. Die mächtigsten Vertreter seiner Art vermochte es mit genügend Zeit gar, ihre Opfer vollends zu korrumpieren und zu Taten anzuleiten, die sie ohne den dämonischen Einfluss niemals verbrochen hätten. Der Wichtel war bei weitem nicht zu solcherlei in der Lage, doch begann er den beiden wahllos Wörter einzuflüstern, die grob mit dem Thema zusammenhingen, über das sie schrieben. Während das Unterbewusstsein der Barden einen Sinn in den Unsinn interpretierte, glaubten sie, dass die Worte, die sie aneinanderreihten und niederschrieben ihre eigenen wären und so kam ein ganzes Werk zustande. Puknip war mit sich zufrieden. Er fürchtete nur, dass er den Spaß verpassen könnte, wenn die Musiker das verfehlte Lied in der Öffentlichkeit zum Besten gaben. Er glaubte noch immer, dass man sein Verschwinden sicherlich bald bemerken würde, doch er irrte. Man hatte ihn tatsächlich vergessen und auch nach Tagen hatte keine Macht nach ihm gegriffen und ihn zurück in die Schattenwelt gezogen. Einerseits war der Dämon beleidigt, dass ihn niemand vermisste, doch andererseits gab es ihm Zeit den Barden Tag und Nacht Worte in den Geist zu pflanzen bis der Moment des nächsten Auftritts gekommen war. Dieses Mal spielten die Musiker gar auf einer Bühne vor einem Publikum, das eigens für ihre Musik angereist war, statt vor solchem, das auf seinem Wege an der Straßenecke inne hielt um zu lauschen.

Das Bardenpaar trug die Zeilen des Dämons in gewohnt gekonntem Zusammenspiel vor. Puknip saß direkt vor den Musikern auf der Bühne und beobachte selbstgefällig die immer erstaunter dreinblickenden Gesichter des Publikums, während dieses versuchte den Sinn zu enträtseln. Als die Barden das Lied beendeten, sah ihnen die Menge mit großen Augen und offenen Mündern entgegen, dann brach sie in tosenden Beifall aus. Der Wichtel blinzelte überrascht, kurz lachte er gackernd darüber wie dumm die Sterblichen doch waren, doch dann fiel ihm auf, dass er nichts erreicht hatte. Die Barden glaubten ein Meisterwerk erschaffen zu haben und die Zuschauer waren trotz allem von Freude erfüllt. Ein jeder hatte selbst einen Sinn in den sinnlos aneinandergereihten Worten finden können, denn jedes Wort für sich allein genommen, trug bereits genug Bedeutung in sich, dass der Geist der Sterblichen sie in Gefühle zu betten vermochte. Zwar war es dem Dämon mit seinen Einflüsterungen gelungen auch den letzten Funken Kreativität aus den Leibern der Barden zu brennen und ihrer Liebe zur Kunst die Luft abzuschnüren, sodass sie gar ihre eigenen Musikstücke vergessen hatten, doch die Kreativität des Publikums hatte er nicht bedacht. Puknip erkannte, dass er zwar einzelne Künstler vernichten konnte, doch die Kunst selbst war unsterblich. So mächtig, dass selbst der stärkste Dämon sie nicht würde vernichten können. Niedergeschlagen verfiel der zuvor noch gackernde Wichtel in Schweigen. War er denn wahrlich zu nichts zu gebrauchen? Und was würden die anderen Dämonen nur sagen, wenn sie erfuhren, dass er den Sterblichen statt Ärger gar Freude gebracht hatte? Da riss er plötzlich die Augen auf und blickte über das Publikum, das in seine Richtung applaudierte. Puknip erhob sich und mit einem Male sah er sich selbst an der Stelle der furchteinflößendsten Dämonen seiner Heimatebene stehen, wie ihnen die niederen Dämonen für ihre Gräueltaten zujubelten. Er hatte es geschafft! Er war zu einem Helden geworden! Nicht in seiner Welt, sondern in der Welt der Sterblichen, doch ein Held war er allemal, denn in Wahrheit war er es, den die Menge bejubelte und nicht die Barden, die zu seinem Werkzeug geworden waren. Puknip beschloss in der Welt der Sterblichen zu bleiben und noch viele Siegesfeiern zu genießen. Ob es den bedauernswerten Barden, die dem Wichtel zum Opfer gefallen waren, eines Tages gelingen würde, sich seinem Einfluss zu entziehen und zu ihren eigenen Texten zurück zu finden, oder ob sie auf ewig die Sklaven des Dämons bleiben würden, das konnte wohl nur die Zeit zeigen.

[01.12.41] Der Sturm der Seejungfer

folgt…